Digitalisierung – Der Mensch als "Haustier der Algorithmen"

31. März 2017, 11:57
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Die Digitalisierung unterstützt auch die Polizei. Doch braucht es Augenmass, um nicht in der Knechschaft der Algorithmen zu landen, so Ludwig Hasler am zehnten Schweizer Polizei Informatik Kongresst.

Die fortschreitende Digitalisierung unterstützt die Polizei in immer mehr Bereichen. Doch braucht es Augenmass, um nicht in der Knechtschaft der Algorithmen zu landen, so Ludwig Hasler am zehnten Schweizer Polizei Informatik Kongress.
Am zum erstmals an zwei Tagen durchgeführten Schweizer Polizei Informatik Kongress (Spik) im Berner Stade de Suisse nahmen wiederum rund 700 Gäste und 30 Aussteller teil. Der Zusatztag, konzipiert, um das Themenfeld "Führungs- und Einsatzkommunikation und Cyber" abzudecken, widmete sich diesmal der Werterhaltung und Weiterentwicklung des Sicherheitsfunknetzes Polycom und der Bevölkerungsalarmierung. Gäste aus Deutschland und Spanien illustrierten neben Einsatzszenarien (Amoklauf in München) die Komplexität eines Migrationsvorhabens in einem Sicherheitsfunknetz. Die hiesige Problematik wurde am ab 2019 anstehenden Ausbau des Polycom zu einem sicheren Datennetz diskutiert.
Kritik in diesem Zusammenhang musste sich inside-it.ch vor Ort gefallen lassen, weil im Vorfeld der Veranstaltung für Alternativen zum Ausbau des Funknetzes auf Basis des 700 MHz Frequenzbandes plädiert worden war. Dass die bestehen, zeigte Swisscom am Ende des ersten Tags am Beispiel des erstmals vorgestellten MVNO-Lösungsansatzes (Mobile Virtual Network Operator). Der nicht mehr zwingend auf ein dediziertes Frequenzband angewiesen ist.
Der zweite Tag war dann ganz der traditionellen Polizei Informatik gewidmet. Dabei wurden in Vorträgen die vielen kleine Schritte vorgestellt, in denen die Polizeien digitalisiert werden. Als ein konkretes Beispiel sei auf die von Abraxas bei der Kantonspolizei Basel Stadt kürzlich eingeführte Ordnungsbussen-App verwiesen. Die entscheidende Neuerung hier ist, dass die Abwicklung von Bussen bis hinein ins Backoffice stark automatisiert wurde. Das derzeit für die Schweizer iPhone-Polizeiwelt massgeschneiderte, also iOS-basierte System, vereinfacht den gesamten Prozess. Zum Ausfüllen des Bussenzettels wird via Smartphone das Autokennzeichen gescannt und dann übers sogenannte Geo-Reverse Coding mit dem Ort ergänzt sowie mit dem hinterlegten Ordnungsbussenkatalog und diversen weiteren Angaben etwa zum Autotyp und der Person "automatisch" ergänzt.
Alle Angaben stehen dann ohne manuelle Eingriffe im Backoffice zur Verfügung. Interessant ist dabei, dass auf dem Bussenzettel ein QR-Code generiert wird, der dem Betroffenen erlaubt, den gesamten Vorgang einzusehen und zum Beispiel allenfalls gleich elektronisch zu bezahlen. Erst wenn es komplizierter wird, wie etwa bei Einsprachen, die übrigens ebenfalls digital gemacht werden können, kommt dann wieder ein Polizist aus Fleisch und Blut ins Spiel. Bei der Kapo Basel Stadt geht man davon aus, dass mit der derart digitalisierten Form der Bussenabwicklung im Backoffice mehrere 100-Prozent-Stellen eingespart werden können.
Kollaboration ohne Grenzen
Ein ganz anderes Problem adressierte Atos am Spik. Dort zeigte man, wie digitalisierte Meeting-Räume die Zusammenarbeit innerhalb der Polizei effizienter gestalten können. Die Circuit genannten UCC-Lösung (Unified Communications und Collaboration) fasst unterschiedliche Kommunikationskanäle inklusive Chat und Video so zusammen, dass auf einer einzigen Plattform gearbeitet werden kann. Suchen beziehungsweise filtern kann man Kontext-basiert, auf Dateien kann man direkt zugreifen und sie jederzeit auf dem aktuellsten Stand abrufen. Was im Business-Umfeld bereits Einzug gehalten hat, läuft inzwischen bei ersten Pilotprojekte in Schweizer Stadtpolizeien, wie man bei Atos festhält.
Als drittes Beispiel sei noch auf eine Verbesserung der Kontrollen von Reisedokumenten bei den Grenzwachtkorps verwiesen. Am Spik zeigte die Firma Xplain, wie sich das iPhone mit einem Passlesegerät kombinieren lässt. Die heute in der Regel maschinenlesbaren Reisedokumente (MRZ) erlauben es, Name, Vorname und Geburtsdatum sowie die Ausweisnummer auszulesen. Nach Sekunden liegen die Informationen aus dem automatischen Abgleich mit den Datenbanken des Bundes und der Kantone vor. Nicht nur sind die Geräte nun handlicher geworden als früher, heisst es bei Xplain. Die einfache Bedingung eines iPhones bedarf auch kaum mehr einer Schulung. Und da das eingesetzte Kontrollgerät mit Barcode-Scanner und MRZ ausgerüstet werden kann, macht es die mobile Ticket- und Personenkontrolle mit einem Gerät in einem Arbeitsprozess möglich. Weitere Einsatzszenarien sind die Fahrzeugkontrolle, wobei nur Nummernschild fotografiert wird und kurze Zeit später ist beispielsweise klar, ob das Fahrzeug polizeilich gesucht wird.
Digitalisieren und Mensch bleiben
Eines wurde am Spik übrigens unmissverständlich deutlich. Bei aller Digitalisierung steht immer der Mensch Mittelpunkt. Für die Polizisten ist die Technologie unterstützendes Hilfsmittel, wie Stefan Blättler, Kommandant der Kantonspolizei Bern und Präsident der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten zur Eröffnung des zweiten Veranstaltungstages betonte. Er nahm einen Gedanken auf, den dann der Philosoph und Publizist Ludwig Hasler in seinem Vortrag ausführte. Es mag zur Sicherheit beitragen, so Halser, wenn mit der Digitalisierung wo immer möglich der Störfall Mensch abgelöst wird. In der Konsequenzen würde sie den Mensch zum "Haustier der Algorithmen" domestizieren. Und so richtig sicher lebe dann, wer es geschafft hat, via Digitalisierung jede Freiheit, auszubrechen, Abenteuer oder Überraschungen zu erleben, definitiv hinter sich gelassen hat. (Volker Richert)

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