Digitalisierung spiegelt sich (noch) kaum in den Stellenprofilen von Banken

8. Juni 2020, 15:43
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Bei Banken werde zwar viel vom Bedarf nach digitalen Kompetenzen gesprochen. In den Stellenanzeigen sei davon aber nicht viel zu sehen, resümiert eine Studie.

IT-Kompetenzen spielen so gut wie keine und IT-Anwenderkenntnisse kaum eine Rolle, wenn im Banking neue Stellen ausserhalb der IT-Abteilung ausgeschrieben werden. Zu diesem Schluss kommt eine Analyse der "Auswirkungen der Digitalisierung auf den Banken-Arbeitsmarkt" der Schweiz. Untersucht wurden in der vom Outplacement-Anbieter von Rundstedt zusammen mit dem Verband Arbeitgeber Banken bei Brassel & Partner Consulting in Auftrag gegebenen Studie (PDF), wie und inwieweit sich die Digitalisierung auf die ausgeschriebenen Stellenprofile und die verlangten Kompetenzen auswirkt.
Das Papier ruht auf Erkenntnissen der McKinsey-Studie "The Future of Work: Switzerland's Digital Opportunity" von 2018. Es bezieht aber in einer quantitativen Analyse alle offenen Stellen im Bankenbereich im 4. Quartal 2019 ein und vertieft die Ergebnisse durch Interviews mit HR-Chefs aus dem Bankenumfeld.
Zunächst quantifiziert die Studie, dass Banken insbesondere Relationship Manager respektive Kundenberater suchen. Das zeigte sich in 24% der offenen Stellen. Allerdings dicht gefolgt von den IT-Profilen mit 20%. Doch, heisst es in den Resultaten, wenn man "all die outgesourcten Stellen im IT-Bereich dazu nimmt, stehen die IT-Profile in der Bankenbranche klar an erster Stelle".

Digitalisierung muss von der ganzen Organisation getragen werden

Dieser Bedeutung der IT-Spezialisten kontrastiere jedoch deutlich mit den Stelleninseraten insgesamt. Denn "obwohl eine erfolgreiche digitale Transformation vor allem auch ausserhalb der unmittelbaren IT-Stellen digitale oder IT-Kompetenzen erfordert, werden sie in Stelleninseraten kaum erwähnt", wird in der Studie betont. Anders gesagt, müsse "eine so grundsätzliche organisationale Entwicklung", wie sie mit der Digitalisierung einhergehe, von der ganzen Organisation getragen und unterstützt werden. Deshalb seien digitale Business- und allgemeine IT-Kompetenzen gerade auch bei vielen anderen Rollen und Business-Funktionen ausserhalb der IT entscheidend.

Anwenderkenntnisse werden selten explizit gewünscht

Die Realität ist diesbezüglich allerdings ernüchternd: So erwähnen 64% der Stellenanzeigen keine IT-Anwenderkenntnisse und lediglich 22% sprechen von Grundkompetenzen. Nur bei 14% der offenen Stellen werden fortgeschrittene oder professionelle IT-Anwenderkenntnisse gefordert.
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64% der Stellenanzeigen erwähnen IT-Anwenderkenntnisse nicht. Grafik: Brassel & Partner Consulting
Noch deutlicher werde das Missverhältnis, wenn die Stellenausschreibungen der Banken nach Kompetenzen und Erfahrungen im Digital Business analysiert werden. Sie werden nur bei gerade 9% der offenen Stellen explizit als Wunsch oder Anforderung aufgeführt (Grafik unten). Das Papier resümiert denn auch: "Es wird bei Banken viel vom grossen Bedürfnis nach digitalen Kompetenzen gesprochen. In den Stellenanzeigen auf dem Arbeitsmarkt ist aber noch nicht viel davon zu sehen."
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Digitale Business-Kompetenzen sind bei nur 9% der offenen Banker-Stellen gefragt. Grafik: Brassel & Partner Consulting
Interessant sind die Gründe für diese Situation. Demnach sehen sich die HR-Manager zwar in einer Schlüsselrolle für die digitale Transformation und das Bewusstsein für die veränderten Stellen- und Kompetenzanforderungen sei zwar vorhanden. Allerdings ist "kaum Dringlichkeit spürbar", es fehle am "Sense of Urgency", konstatieren die Analysten.
Abhilfe schaffe hier womöglich die Corona-Krise, meinen die Studienverfasser. Denn Covid-19 helfe bei der digitalen Transformation und diese Beschleunigung des laufenden Strukturwandels werde sich als "positive Dynamik allenfalls bald auch auf dem Stellenmarkt feststellen lassen", so die Autoren.

Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt

Nicht unerwähnt lässt die Analyse aber auch, dass es immer schwieriger werde, für die zu erwartenden Entwicklungen der kommenden Jahre Mitarbeitende mit den richtigen IT-Profilen zu rekrutieren. Das gelte übrigens genauso für eine breite Palette von IT-Profilen wie für spezifische Profile.
Hier mache sich bemerkbar, dass die Banken zunehmend mit anderen Branchen konkurrieren. Dazu gehören die wachsende Zahl von Fintech-Startups genauso wie grosse Technologieunternehmen, die ebenfalls an IT-Spezialisten mit einem Hintergrund in der Finanzindustrie interessiert sind.
"Dieser Wettbewerb wird auf dem Arbeitsmarkt immer deutlicher", halten die Analysten fest. Zur Abhilfe würden denn auch weitere Auslagerung diskutiert. Andererseits hätten mehrere Befragte den Vorteil der Finanzinstitute betont, die einen relativ stabilen Arbeitsplatz plus interessante Projekte für digitale Produkte und Dienstleistungen anbieten können.
Als "überraschend" wird zudem herausgestellt, dass bei den Banken spezielle Nische bestehen. So seien beispielsweise Spezialisten mit Kenntnissen älterer Programmiersprachen und Erfahrung mit veralteten Kernbankensystemen gefragt. Denn sie seien in vielen Banken immer noch in Betrieb, und ihre Wartung wird immer komplexer, ganz zu schweigen von der Schwierigkeit, auf dieser Grundlage neue digitale Produkte zu entwickeln.

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