E-Health Schweiz - nach wie vor fehlt die kritische Masse

10. September 2014, 07:14
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Trotz Umzug in den Berner Kursaal sind Aussteller unzufrieden, schrumpfen die Besucherzahlen und beherrschen die immer gleichen Themen den Swiss eHealth Summit 2014.

Trotz Umzug in den Berner Kursaal sind Aussteller unzufrieden, schrumpfen die Besucherzahlen und beherrschen die immer gleichen Themen den Swiss eHealth Summit 2014.
Das diesjährige, siebte Swiss eHealth Summit thematisierte weitgehend Probleme, die schon seit Jahren oben auf der Agenda der politischen, medizinischen und industriellen Akteure stehen. Allen voran stand neben dem Dauerbrenner Datensicherheit auch diesmal wieder das elektronische Patientendossier (EPD) im Vordergrund. Pascal Strupler, Direktor beim Bundesamt für Gesundheit, lobte zunächst das derzeitige Gesundheitssystem der Schweiz. Es geniesse in der Bevölkerung und auch im internationalen Vergleichen nach wie vor hohe Anerkennung, sei allerdings auch teuer. Deshalb betonte er am zweiten Tag in seinem Vortrag über das Bundesprogramm "Gesundheit 2020", dass die im E-Health schlummernden Effizienzgewinne enorm seien.
Bekanntlich hat dem neuen EPD-Bundesgesetz der Ständerat bereits zugestimmt. Allein 20 Prozent der derzeitigen Kosten im Gesundheitssystem könnten sich im Rückgriff auf IT-basierte Lösungen einsparen lassen, so Strupler weiter. Rund ein Drittel der vom Bundesrat vorgeschlagenen insgesamt 36 Massnahmen basierten auf dem EPD. Damit könne man tatsächlich helfen, die Qualität der Behandlungsprozesse zu verbessern, die Patientensicherheit zu erhöhen und die Effizienz des Gesundheitssystems zu steigern.
Aus Patientensicht stimmte ihm Dieter Conen als Präsident der Stiftung für Patientensicherheit zu. Strich aber auch heraus, dass das Schweizer Gesundheitswesen sich kommunikationstechnisch noch auf dem Stand des letzten Jahrhunderts befinde.
Die kritische Masse fehlt noch immer
Allerdings sah man im Berner Kursaal die EPD-Diskussion in der IT-Branche durchaus skeptisch. So beklagt etwa Elca-Verkaufschef Toni La Rosa gegenüber inside-it.ch die sogenannte doppelte Freiwilligkeit – für Patienten und Ärzte –, die darin festgeschrieben werden soll. Ob und wie schnell auf diesem Wege die dringend nötige "kritische Masse" erreicht werden könne, sei eine offene Frage. E-Heatlh stecke in der Schweiz in einzelnen Modellprojekten fest. Und das sei keineswegs nur der föderalen politischen Struktur geschuldet. Vielmehr, streicht La Rosa heraus, seien auch an dieser Veranstaltung wieder fast nur CIOs vertreten und vielfach würden Kosten diskutiert. Dabei müssten sich eigentlich "die Ärzte viel mehr engagieren", so der Elca-Mann. Dass in einem IT-Ökosystem alle Player zusammenarbeiten müssten, hätte man im Gesundheitsbereich noch viel zu wenig begriffen.
Die Hürde der kritischen Masse sieht man auch bei Swisscom. So sagte Frank Eisenlohr von Swisscom Health zu inside-it.ch, dass zwar überall Pilotprojekte laufen, aber die Schweiz in der Sache gleichwohl nicht vom Fleck komme. Ende Jahr werde Swisscom darum seine Evita genannte Cloud-Lösung bei der Basler Medgate, an der Swisscom beteiligt ist, einführen. Auf diese Weise würden auf einen Schlag bis zu einer Millionen Konsultationen über ein EPD-System abgewickelt.
Aber das Hauptproblem, so Eisenlohr weiter, stellen noch immer die Ärzte dar. Viele erfassen weder die Patientendaten elektronisch, noch seien sie mit den nachgelagerten medizinischen Versorgen vernetzt. Dabei könnten selbst die nach wie vor bestehenden Sicherheitsbedenken überwunden werden, wenn der reale Nutzen erkannt wird, ist der Swisscom-Mann überzeugt.
Mobility als neues Thema
Erst zum zweiten Mal am Swiss eHealth Summit waren die Usability-Spezialisten von Zeix. Sibylle Peuker begründete das Engagement gegenüber inside-it.ch damit, dass gerade in den Spitälern langsam mobile Anwendungen Einzug halten. Immer öfter merke man, dass die über die Jahre gewachsenen Formulare immer komplexer und somit fehleranfällig würden. Zudem kämen derzeit hauptsächlich in den USA immer mehr Health-Apps auf den Markt. Damit würde wie in anderen IT-Felder "Consumerization" auch im Gesundheitswesen immer wichtiger. Die Patienten werden zu Treibern von Veränderungen, denen sich die Spitäler nicht mehr verschliessen könnten, so Peuker. Allerdings kann sie noch keine konkreten Anwendungsspitäler nennen, in denen Zeix aktiv ist: "Wir haben ein grosses Spital, doch dürfen wir dessen Namen nicht preisgeben".
Es hapert am Konzept des Swiss eHealth Summit
Heftige Kritik am Standkonzept der Veranstaltung, die erstmals im Berner Kursaal durchgeführt wurde, äusserte Oliver Sieber, Geschäftsführer der Gümlinger Dependance von Steffen Informatik. Es hätte durchaus gute Kontakte gegeben, aber eben nicht am eigenen Stand. Während die Firmen in unmittelbarer Nähe zu den Vortragsräumen des Lobes voll sind für den Umzug in die Stadt und ihre zentrale Standposition, bemängelt Sieber, dass die meisten anderen Aussteller schlecht platziert seien. Er habe sich bereits am ersten Tag bei den Veranstaltern beschwert.
Dort herrscht wie schon im letzten Jahr Optimismus. Auch im nächsten Jahr werde im September der achte Swiss eHealth Summit stattfinden. Mit rund 600 Gästen sei man auf Vorjahresniveau, erklärt Programm-Managerin Nataliya Bogdanova gegenüber inside-it.ch. Zwar sei mit der Post ein grosser Aussteller abgesprungen, aber die Lücke habe gefüllt werden können. Im Programm werden rund 40 Aussteller und elf sogenannte "Partner" angegeben. Im letzten Jahr wirbt der Veranstalter sogar mit 1000 Besuchern im Jahr 2013.
Nach unserem subjektiven Eindruck nahmen am zweiten Tag sicher nicht mehr als rund 200 Gäste am dicht gedrängten Vortragsprogramm teil und vielleicht 70 Personen bevölkerten die Stände. (Volker Richert)

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