Eidgenössische Steuer­verwaltung will Formulare abschaffen

7. Oktober 2021, 13:50
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Die Eidgenössische Steuerverwaltung investiert bis zu 50 Millionen in Digitalisierungsprojekte. Bestehende Prozesse sollen digitalisiert werden, sagte der neue CIO Thomas Riedo im Interview mit inside-it.ch.

Der neue CIO der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) sprach im Exklusiv-Interview mit Inside-it.ch über die Digitalisierungspläne seines Amts, die Open-Cloud-Pläne der Bundesverwaltung und die Nachteile des Föderalismus.

Sie sind seit Anfang Jahr CIO bei der Steuerverwaltung. Wie haben Sie die ersten gut 9 Monate erlebt?Sehr positiv, ich durfte ein Team mit vielen guten Mitarbeitenden übernehmen. Leider habe ich durch die Pandemie noch nicht alle persönlich kennengelernt.

Wie gross ist Ihr Team?Bei der ESTV arbeiten in der IT 30 Mitarbeitende, darunter Projektleiter, Solution Architekten, Business Analysten und Testmanager. Zudem steuern wir als Auftraggeber Scrum-Teams beim Bundesamt für Informatik (BIT), also nochmals 50 Mitarbeitende.


Was hat Sie bei der ESTV überrascht, positiv und negativ?Es gibt eine gewisse Trägheit und Abhängigkeit, aber das kennen andere grosse Firmen auch. Positiv überrascht hat mich die Vielfältigkeit meines Jobs.


Vor 3 Jahren schloss die ESTV das Projekt FISCAL-IT ab. Was ist seitdem passiert?Mit dem Projekt "Mehrwertsteuer easy" wurde die Digitalisierung von Abrechnungen in Angriff genommen. Wir haben dafür ein Entwicklerteam aufgebaut, das ein entsprechendes Portal auf die Beine stellte. Dieses Vorgehen war in der Bundesverwaltung bis dato einmalig und quasi Wegbereiter für agile Entwicklung von Projekten wie beispielsweise auch die Covid-App.


Was sind die Pläne für die nächsten Jahre?Wir wollen weiter digitalisieren. Unsere Vision ist eine formularlose Zukunft bei der Zusammenarbeit mit Kantonen und Unternehmen.


Welche Schritte sind bis zur Erfüllung Ihrer Vision noch nötig?Ähnlich wie bei einer Bank sollen Unternehmen bei uns ein Steuerkonto erhalten, worüber sämtliche Transaktionen abgewickelt werden und relevante Informationen in einem Dashboard dargestellt werden. Wir wollen sämtliche Daten von Mehrwertsteuer und Verrechnungssteuer unter einer Oberfläche aggregieren und einfach zugänglich machen.


Wie viel Geld wird in dieses Digitalisierungsprojekt fliessen?Wir sind immer noch am Evaluieren, was in welchem Zeitrahmen umgesetzt werden soll. Das aktuelle Budget für die Digitalisierungsmassnahmen beträgt rund 8 Millionen Franken pro Jahr, allerdings kann sich das je nach Projektumfang auch noch erhöhen.


Schaffen Sie neue Stellen oder können Sie das Projekt mit dem aktuellen Personalbestand umsetzen?Wir sind dabei, unsere Arbeitsweise auf BizDevOps umzustellen. Dafür kaufen wir beim BIT stehende Scrum-Teams ein, die sich um Entwicklung und Betrieb bestehender Applikationen kümmern. So können wir flexibel agieren und versuchen, die Digitalisierung in den nächsten 5 Jahren mit dem bestehenden Personalkörper zu stemmen.


Die papierlose Zukunft klingt verheissungsvoll. Was bedeutet sie konkret?Verfügbarkeit rund um die Uhr. Darüber hinaus, speziell für grosse Unternehmen, Machine-to-Machine-Kommunikation mit digitaler Bezahlmöglichkeit.


Sie erwähnten vorhin den Zeitraum von fünf Jahren. Gibts ab 2026 keine Formulare mehr?Es wird keinen Big-Bang geben, wir wollen Schritt-für-Schritt vorwärtskommen. Aber ja, es ist unser Ziel 2026 formularlos unterwegs zu sein. Dafür benötigen wir aber auch die Unterstützung der Politik.


Inwiefern?Wir können die Unternehmen nicht ohne Gesetzesgrundlage zwingen, unsere Dienste nur noch online zu nutzen. Aber das Parlament hat kürzlich eine entsprechende Vorlage verabschiedet, die uns dabei eventuell hilft, und die bald in Kraft treten soll.


Profitieren die Kantone von Ihren Plänen und Ihrer Arbeit? Es gibt ja immer noch welche, die das Ausfüllen der Steuererklärung per Excel organisieren.Der Bundesrat hat kürzlich die Rahmenvereinbarung für eine 'Digitale Verwaltung Schweiz' freigegeben. Zudem sollen Schnittstellen-Standards über die ganze Verwaltung hinweg definiert werden, die den papierlosen Datenaustausch ermöglichen.


Von Schnittstellen spricht die Informatik aber seit über 25 Jahren. Sind Sie nicht ein bisschen spät dran?Natürlich, aber das ist der Nachteil des Föderalismus, dass jeder Kanton machen kann, was er will. Immerhin haben sich 14 davon schon geeinigt, ich hoffe, dass die anderen bald folgen, und ihre Systeme umstellen. Da müssen wir geduldig sein und gut argumentieren.


Ist das nicht frustrierend für Sie?Nein, wir konnten erstaunlich viele Projekte lancieren und in Angriff nehmen. Ich habe nicht das Gefühl, dass es langsam vorwärts geht.


Stichwort Datensicherheit: In welcher Cloud sollen die Steuerdaten künftig liegen?Aktuell liegen noch keine Daten in der Cloud, wobei die Datenhaltung dort genauso sicher sein kann wie auf eigenen Servern. Deshalb ist künftig Private Cloud sicher ein Thema.


Was ist mit Public Cloud?Wir als Bundesverwaltung sollten uns dem Thema nicht verschliessen, sondern uns im Gegenteil in diese Richtung entwickeln, weil die grossen Dienstleister ihre Dienste in Zukunft nur noch so anbieten werden.


Schweiz oder Ausland: Ist diese Frage beim Serverstandort noch relevant?Die Datenhaltung in der Schweiz ist natürlich ein Thema. Amazon kommt aber hierher, Microsoft ist schon da. Dementsprechend gibts genügend Optionen. Die Security ist bei grossen Konzernen nochmal eine Stufe höher einzustufen, als wir das selbst bieten können. Deshalb kann auch eine Public Cloud sehr sicher sein.


Steht der Partner für die private Cloud schon fest?Wir führen derzeit gemeinsam mit dem Bundesamt für Informatik verschiedene Proof of Concepts durch, bei denen vor allem IBM beteiligt ist – ein langjähriger Partner. Dies kommt daher, dass unsere Core-IT aus IBM Komponenten besteht.


Gabs eine Ausschreibung für die private Cloud?Das ist Sache des BIT. Die ESTV bezieht die private Cloud als PaaS vom BIT, daher bin ich für diese Frage der falsche Ansprechpartner.


Zur Person

Thomas Riedo ist seit Januar 2021 CIO der Eidgenössischen Steuerverwaltung. Zuvor war der Informatiker während 16 Jahren in verschiedenen Funktionen bei Swisscom tätig.

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