Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis bald auch für Quereinsteiger

17. November 2008, 14:17
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Ab 2009 sollen auch QuereinsteigerInnen in der Informatik ihre erworbenen Fachkenntnisse in ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis ummünzen können. Im Kanton Zürich wird das Verfahren bereits getestet: Voraussetzungen und Hintergedanken dieser "Validation des Acquis".

Ab 2009 sollen auch QuereinsteigerInnen in der Informatik ihre erworbenen Fachkenntnisse in ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis ummünzen können. Im Kanton Zürich wird das Verfahren bereits getestet: Alfred Breu (Foto), Präsident der Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik zu Voraussetzungen und Hintergedanken dieser "Validation des Acquis".
Bekanntlich sind rund drei Viertel der heute tätigen Informatiker Quereinsteiger, das Gros davon hat keinen eidgenössisch anerkannten Informatik-Abschluss. Das war in der Vergangenheit normal, gab es doch keine Informatiklehre und auch erst seit den Achtziger-Jahren die Möglichkeit zum Informatik-Hochschulstudium. Inzwischen hat sich das aber geändert, die Informatikgrundbildung wird jährlich von gegen 2000 Jugendlichen absolviert. Rund 14'000 besitzen heute das eidg. Fähigkeitszeugnis als Informatikerin oder Informatiker, ein Beleg umfassender Ausbildung und vorhandenem langlebigem Konzeptwissen.
Diese anerkannte Zertifizierung wurde allmählich zum normalen Einstiegslevel für Informatik-Profis. Das hat Auswirkungen in der Auftragsakquisition und für Leute, die die Stelle wechseln wollen: Heute wird nach dem Abschluss gefragt, und man hat immer mehr Mühe, seine Kompetenzen zu belegen. Zertifikate von Herstellern "altern" zudem immer schneller und gelten als zu produktespezifisch. Dazu kommt oft noch eine gewisse "not invented here"-Mentalität, die das Ganze noch erschwert: "Egal, was der schon in der bisherigen Firma gemacht hat, wir haben wirklichkomplexe Aufgaben."
Nachzertifizierung in Sicht
Die Informatik-Verbände nahmen darum auch sofort nach Inkrafttreten des neuen Berufsbildungsgesetzes die Chance wahr, das dort vorgesehene "Gleichwertigkeitsverfahren" für Quereinsteiger zu implementieren. Im Kanton Zürich ist im Oktober ein Pilotversuch begonnen worden, welcher ein nachträgliches Belegen der Kompetenzen zum Inhalt hat. Wer seine in der Praxis erworbenen Kenntnisse erfolgreich nachweist, kann so ein eidg. Fähigkeitszeugnis erwerben.
Die Messlatte liegt auf dem Niveau der Abschlussprüfung einer Informatiklehre. Die sogenannte "Validation des Acquis" ist in den Schwerpunkten Support, Systemtechnik und Applikationsentwicklung möglich. Es gilt zu belegen, hauptsächlich durch Unterlagen sowie in einem Gespräch mit Experten, dass man in der Allgemeinbildung, in den grundlagenbezogenen und in schwerpunktbezogenen Modulen die Kompetenzen auf dem geforderten Niveau erreicht. Zusätzlich muss mit einem Referenzprojekt belegt werden, dass man auch die praktische Umsetzung beherrscht. Die Kosten für das Verfahren sind verhältnismässig tief, derzeit belaufen sie sich auf etwa 600 Franken. Der Aufwand für die Erstellung des Dossiers liegt nach Aussagen von Teilnehmern am Pilotversuch je nachdem, ob man die Unterlagen griffbereit hat, oder danach suchen muss, bei zwanzig bis fünfzig Stunden.
Definitive Einführung im 2009 vorgesehen
Rund 25 Personen aus dem Kanton Zürich und angrenzenden Kantonen haben bereits ihre Kompetenzenbilanz in Arbeit oder eingereicht. Wenn alle Anforderungen erfüllt sind, werden sie bereits im Verlauf des Winters das eidg. Fähigkeitszeugnis als Informatikerin oder Informatiker ausgehändigt bekommen. Werden bei einzelnen Personen Wissenslücken gefunden, können sie diese durch Ergänzungsbildungen noch schliessen und so das Ziel ebenfalls erreichen.
Im Verlauf des Winters wird der Pilotbetrieb im Auftrage des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie evaluiert. Der Entscheid für die Schweizweite Ausbreitung wird im Verlauf des Frühjahrs erwartet. Nach der Freigabe durch das BBT wird diese Dienstleistung im Kanton Zürich auch Informatikerinnen und Informatiker mit Wohnsitz in anderen Kantonen angeboten. Dies so lange, bis die Validierung durch diese selber angeboten wird, was von der Nachfrage abhängen wird.
Wieso soll sich jemand für das eidg. Fähigkeitszeugnis auf diesem Weg bemühen?
Das Verfahren der Validierung "von nicht formal erworbenen Kompetenzen" ist für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger ohne Informatikabschluss empfehlenswert.
- Sie können die Kompetenzen als Programmierer/-in oder Systemtechniker/-in etc. durch das neutrale, schweizweit anerkannte und bekannte eidg. Fähigkeitszeugnis belegen.
- Wer über keinerlei Berufsabschluss verfügt, kann seine/ihre Situation "bereinigen" und mit dem landesüblichem Abschluss-Dokument die Kompetenz nachweisen.
- Die belegte Grundbildung ist bei Beginn eines Lehrganges der höheren Berufsbildung wertvoll: Diese bauen zunehmend auf dem Lehrabschluss auf, mit dem eidg. Fähigkeitszeugnis entfallen Ergänzungskurse.
- Bei einem Stellenwechsel lässt sich deutlich einfacher belegen, was man kann.
Interessant ist die Validierung der Kompetenzen als Fachkraft auch dann, wenn man als solche tätig ist und allenfalls bereits die höhere Stufe mit dem eidg. Fachausweis abgeschlossen hat, weil diese "nur" die Kompetenzen als Führungs- oder Projektleitungsverantwortung belegt. (Alfred Breu)

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