"Eigentlich hat sich gar nicht so viel verändert."

25. April 2008, 09:26
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August Hangartner, mit 30 Jahren Erfahrung einer der Veteranen der Schweizer IT-Industrie, im Gespräch mit inside-it.ch.

August Hangartner, mit 30 Jahren Erfahrung einer der Veteranen der Schweizer IT-Industrie, im Gespräch mit inside-it.ch.
Als uns die Presseabteilung von Elca, des grössten unabhängigen Schweizer Systemintegrators und Software-Herstellers anfragte, ob wir Interesse hätten, über dessen 40-jähriges Jubiläum zu schreiben, sagten wir zu. Wir ergriffen die Gelegenheit zu einem längeren Gespräch mit August Hangartner, der seit 30 (!) Jahren bei Elca ist, zuerst als Programmierer, später als Projekt- und Gruppenleiter und heute als Mitglied des Managements.
Hangartner ging nach dem Studium in Elektro- und Systemtechnik (heute würde man diesem Studium "Informatik" sagen) nach Lausanne zu einer US-amerikanischen Firma, die ihn im Rahmen einer der üblichen linearen Stellenstreichungs-Aktionen nach nur neun Monaten wieder auf die Strasse stellte. Er bewarb sich dann beim kleinen Ingenieurbüro Electro-Calcul, das unter anderem auf DEC-10-Systemen Berechnungen für den berühmten Walliser Staudamm Grand-Dixence anstellte.
Das erste Projekt des frischgebackenen Informatikers bei der späteren Elca ist typisch für die Wurzeln der Schweizer Informatik: Real-Time-Berechnungen - oft in Zusammenhang mit Energieversorgung. "Es ging um ein Softwaresystem für die Messung und Steuerung der Stromzufuhr beim CERN. Das war nötig geworden, weil der Stromlieferant EDF einen neuen Tarif eingeführt hatte, der einen 10-fach höheren Preis beim Überschreiten einer bestimmten Limite oder bei Stromknappheit einführte. Mein System musste also beim Erreichen einer bestimmten Schwelle Alarm schlagen und den SPS (Super Proton Synchrotron) abschalten," erzählt Hangartner. Sein erstes, in Assembler geschriebenes System funktionierte tadellos. Bis dann an einem warmen 1. April (!)- Hangartner war gerade im Militärdienst - das System ohne jede Notwendigkeit den SPS im CERN abschaltete. Der Ingenieur glaubte an einen Aprilscherz - es war aber ein simpler Hardwarefehler.
Von der Real-time-Steuerung zur "EDV"
Kommerzielle Software - jene Programme, die Hangartner noch heute unter "EDV" subsumiert - brauchten in den 80er Jahren vor allem die Banken. Die vielen, kleinen Ingenieurbüros beschäftigen sich damals eher mit Echtzeitsteuerungen für Firmen aus der Industrie wie ABB oder Ascom. So arbeitete Elca im Auftrag einer Logistikfirma in den 80er Jahren an Steuerungen, die in Assembler programmiert waren und auf den DEC PDP-11 "Minicomputern" arbeiteten.
1989 sah ein Elca-Mitarbeiter eine anonyme Kleinanzeige in '24 heures', in der eine Beteiligung an einer Software-Firma gesucht wurde. Es war die SBB, die sich so externe Verstärkung für ihre EDV-Grossprojekte suchte. Mit dem Einstieg der Grossfirma begann Elca rasant zu wachsen. "1990 waren wir schon 50 Leute, wovon sicher 20 in SBB-Projekten arbeiteten," erzählt Hangartner. Für die Schweizer Bahn baute man als erstes die SBB-Fahrplanauskunft und dann zahlreiche Planungssoftware für die Zugs- und Gleisdisposition
"Ob Assembler oder Java ist im Grunde egal..."
Auf unsere Frage, wie sich das Berufsbild des Software-Ingenieurs in den vergangenen 30 Jahren verändert habe, erhalten wir eine erstaunliche Antwort: Eigentlich gar nicht. Hangartner: "Wir stellten schon damals hauptsächlich Ingenieure an. Zwar gab es noch keine "Informatiker", aber Mathematiker, Physiker, Elektroingenieure. Informatik braucht Leute, die systematisch vorgehen und ein Konzept erstellen können. Ob man dann in Assembler oder Java programmiert, spielt für mich keine Rolle. Es braucht Leute, die gerne ins Detail gehen und Spass daran haben zu programmieren und dabei etwas Neues zu kreieren."
Damals wie heute werde manchmal schon bei der Anstellung eines Ingenieurs oder einer Ingenieurin klar, ob jemand sein Leben lang programmieren wolle oder nicht, sagt Hangartner. "Einige wollen eher eine technische Karriere, andere gehen ins Management. Wieder andere bleiben ihr Leben lang Programmierer. Sie wollen eben nicht über Finanzen diskutieren und dafür Verantwortung übernehmen. Sie wollen programmieren und machen das gut. Alles was danach kommt, wie Inbetriebnahme oder Dokumentation, interessiert sie dann schon weniger. Andere, die gut erklären können, kommunikativ sind und Führungsqualitäten haben, sind natürliche Projektleiter."
Entscheidend sei, so Hangartner, das Profil der Mitarbeitenden richtig einzuschätzen. Ein guter Programmierer sei noch lange kein guter Projektleiter, und ein Genie, das keinen Rapport schreiben könne, eben noch immer ein technisches Genie.
Professionalisierung der Branche
Während sich also das Profil des Entwicklers nicht grundlegend verändert hat, hat sich die Branche doch entwickelt. "Wir haben heute mehr Erfahrung. Wir wissen, wie man Dokumentationen erstellt, welche Phasen ein Projekt hat und wir haben heute die Werkzeuge, um unsere Leute zu unterstützen. Mit unserer Erfahrung können wir auch immer öfter Entwicklungsprojekte zu Fixpreisen offerieren." umreisst Hangartner die Entwicklung. Zudem seien auch die Kunden professioneller geworden. Sie würden heute beispielsweise Pflichtenhefte schreiben, die - falls man genügend Reserven einbaut - eine gute Basis für Kostenschätzungen abgeben.
Bei Elca schätzen noch heute die Software-Ingenieure die Kosten eines Projekts. Das führt dann zwar oft zu internen Auseinandersetzungen, da die Verkäufer ein Projekt natürlich möglichst billig anbieten wollen, andererseits aber auch zu realistischen Angeboten.
Der zerplatzte Traum vom "Produkt"
Heftige Krisenbewegungen sind typisch für eine junge Branche. Doch Elca hat nach eigenen Angaben nur in einem Jahr der 40-jährigen Firmengeschichte rote Zahlen geschrieben. Das kam in Hangartners Worten so: "In den 80er Jahren hatten wir ein Projekt für die Fleischindustrie. Wir bauten die Software - eigentlich ein ERP für einen grossen fleischverarbeitenden Betrieb - und der Kunde war zufrieden. Da dachten wir, wir könnten noch mehr Kunden für diese Software finden. Die Romandie war zu klein, also versuchten wir mit "G3PV" ("gestion sur trois pilliers"), wie wir das Produkt nannten, in die Deutschschweiz zu expandieren. Damit begannen die Probleme. Wir mussten Verkaufsunterlagen, Handbücher und die Software für eine erste Implementation in der Deutschschweiz übersetzen. Doch wir merkten, dass auch die ganze Schweiz zu klein war, und versuchten die Software in Frankreich loszuwerden. Sie war aber in Assembler geschrieben und so bedeutete schon nur die Umstellung von vierstelligen auf fünfstellige Postleitzahlen einen ziemlichen Aufwand."
Zum Schluss sei der Aufwand vergeblich gewesen. In Frankreich habe man eine andere Mentalität gehabt und Elca war dann doch zu klein, um ein Partnernetz und womöglich auch noch Filialen aufzubauen. Hangartner: "Das hat überhaupt nichts mehr mit Software zu tun."
Seit dem Abenteuer mit "G3PV" hört man bei Elca das Wort "produit" nur mit viel Skepsis. Erst mit dem Ticketing-System SecuTix wagte sich Elca wieder ins Geschäft mit einer Komplettlösung, die auch "als Service" angeboten wird, vor.
Produktivität, Programmierung und die wichtigste Lehre aus 30 Jahren Software-Entwicklung
Zum Schluss unseres Gesprächs, stellten wir unserem Gesprächspartner drei Fragen.
Ist Programmierung heute produktiver als früher?
August Hangartner: Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Man kann heute sicher schneller Software herstellen, die gut aussieht. Es gibt Bibliotheken für die grafische Darstellung, die man früher "von Hand" programmieren musste. Wir programmieren aber auch "verschwenderischer", d.h. wir müssen viel weniger auf Ressourcen wie Speicher und Bandbreite achten. Ich bin mir deshalb nicht ganz sicher, ob Programmierung wirklich produktiver geworden ist.
Ist es heute einfacher, Software zu entwickeln als vor 30 Jahren?
Wieder lautet meine Antwort 'ja und nein'. Man kann heute mit Microsoft Share Point, um ein Beispiel zu nennen, sehr schnell eine Lösung entwickeln, die funktioniert. Aber es gibt auch unglaublich viele Möglichkeiten, Fehler zu machen und man stösst bei komplexen Aufgaben schnell an Grenzen. Die alte '80-20-Regel' gilt immer noch. Es ist relativ leicht, 80 Prozent der Ansprüche zu befriedigen aber immer noch schwierig, 90 oder 99 Prozent zu erreichen.
Welchen Ratschlag würden Sie allen, die Software entwickeln, geben? Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis?
Man darf nicht zum Freund des Kunden werden. Wir hatten einmal ein grosses Projekt, in dem eine richtig gute Atmosphäre herrschte. Alle verkehrten per Du, der Kunde war zufrieden und gewann mit der neuen Software nachweisbar Marktanteile. Trotzdem kamen am Schluss Klagen, wir seien zu teuer gewesen.
Meine Lehre daraus ist, dass man sich trotz bester Zusammenarbeit immer absichern muss. Man darf Probleme nie vertuschen oder verharmlosen und man muss sich bewusst sein, dass es trotz guter Arbeit jederzeit passieren kann, dass Schwierigkeiten eskalieren. Man darf einfach die Rollen von Kunde und Lieferant nie vermischen.
(Das Gespräch mit August Hangartner führten Hans Jörg Maron und Christoph Hugenschmidt)

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