Elisabeth Maier, Karakun

6. April 2021, 09:58
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Die Informatikerin und CEO der Individualsoftware-Entwickler über die Zukunft ihrer Rolle, Begeisterung, Fatalismus und Widerstände.

Monatlich beantworten namhafte Schweizer IT-Persönlichkeiten 10 Fragen, die man ihnen selten oder gar nicht stellt.
1. Was war Ihr erster Computer und woran erinnern Sie sich speziell dabei? Elisabeth Maier: Ganz am Anfang meines Berufslebens habe ich mir während eines längeren Arbeitsaufenthaltes in den USA einen Apple Macintosh SE gekauft. Mit dem Rechner wurde ich allerdings nicht wirklich warm - die Infrastruktur, die ich in der Firma zur Verfügung hatte, spielte damals in einer viel höheren Liga. Was mir aber in Erinnerung geblieben ist, ist die Tatsache, dass ich 15 Jahre später den Rechner für erstaunlich gutes Geld an eine grosse öffentliche Organisation verkaufen konnte, die diese Maschinen nach wie vor für ihren ausfallfreien Service schätzte.
2. Welchen Informatikberuf möchten Sie selbst nicht (mehr) ausüben und warum? Ich habe alle meine IT-Berufe zu ihrer Zeit sehr gerne gemacht und jeweils sehr viel dabei gelernt. Mit der Zeit wurde es aber immer wichtiger für mich in Bereichen zu arbeiten, in denen sehr viel Wert auf Austausch und Kooperation gelegt wird. Oder einfach ausgedrückt: wo es "menschelt". Ich habe mich deswegen bald schon auf Management- und Beratungsaufgaben konzentriert.
Grosse Hochachtung habe ich übrigens vor Kolleginnen und Kollegen, die den IT-Betrieb verantworten. Diese Aufgabe fiel in einer früheren Rolle bei einem globalen Dienstleister in meine Zuständigkeit. Bereitschaften und Eskalationen zu Randzeiten, an Wochenenden und Feiertagen waren üblich, was oft sehr belastend war - auch für mein privates Umfeld.
3. Wohingehend wird sich Ihre Stelle in den nächsten Jahren verändern? Wir werden uns neben unserem Lösungsgeschäft sehr stark auf einige Fokusthemen konzentrieren. Dazu gehören einerseits Themen wie Text Analytics und KI im Allgemeinen, sowie auch Big Data speziell in der Automobilindustrie. Das erfordert das Engagement in Bereichen mit hoher Schnelllebigkeit und grossem Innovationsdruck - sowohl was die Lösungsmethoden als auch den Technologiestack angeht. Diesen Wandel voranzutreiben und zu gestalten wird mehr und mehr zu meiner Rolle gehören.
4. Was raten Sie einem jungen Informatiker, der Karriere machen will? Ich würde jungen Informatikern und Informatikerinnen raten, sich möglichst breit aufzustellen, anstatt sich sehr stark nur auf einen Bereich zu fokussieren. Das bietet einerseits mehr Flexibilität, wenn sich das Arbeitgeber-Interesse an bestimmten Informatik-Themen abkühlt, andererseits verschafft es aber auch einen breiteren Hintergrund und mehr Entwicklungsmöglichkeiten.
5. Was konnten Sie erst in der jetzigen Rolle über Technologie lernen und nicht vorher? Das ist schwierig zu sagen - eigentlich denke ich nicht, dass meine Lernerfahrungen in letzter Zeit mit meiner Rolle zusammenhängen. Seit ich bei Karakun bin konnte ich meine Kenntnisse bzgl. der neueren Entwicklungen im Bereich Machine Learning und KI auf den neuesten Stand bringen und daraus interessante Business Cases ableiten. Ganz neu war für mich der Bereich Management und Analyse von Test- und Simulationsdaten im Bereich Automotive. Dieses Umfeld bietet noch viel Potenzial und wir können mit Sicherheit wertvolle Beiträge leisten.
6. Hat die Informatik etwas abgeschafft, das Sie vermissen? Ganz klar: Konzentration und Fokus! Dadurch, dass sowohl im privaten als auch im geschäftlichen Bereich alle Personen immer «on» sind, und das oft auch noch auf einer Vielzahl von Kanälen, geht oft der nötige Fokus verloren. Wer kennt nicht Videocalls, in denen der Gesprächspartner sicht- und hörbar parallel zum Meeting anderen Tasks nachgeht?
7. Wird es im Laufe der Karriere einfacher oder schwerer, sich für Technologie-Versprechungen zu begeistern? Das kommt auf das Thema an. Dass sich nach Jahrzehnten von Versprechungen und angekündigten Durchbrüchen die KI dann doch noch in einem solchen Tempo etabliert, hätte ich kaum zu hoffen gewagt. Umso mehr begeistert mich die Vielzahl von neuen Technologien mit ihren innovativen Einsatzbereichen. In anderen Gebieten neige ich manchmal zu Fatalismus, wie zum Beispiel im Gebiet der Definition und Implementation von Standards. Zu oft verwendet man sehr viel Zeit auf Abstimmungen, an die sich wichtige Player dann aber nicht gebunden fühlen.
8. Was/Welche Technologie wird in den nächsten 5 Jahren Ihrer Meinung nach dem grössten Einfluss auf Ihre Branche haben? Und warum? Ich sehe hier vier Punkte. Die Cloud Technologie wird sich in den nächsten Jahren vollends etablieren. Zudem werden KI-Ansätze im Rahmen der Digitalisierung aller Lebens- und Berufsbereiche eine wichtige Rolle spielen. Wir werden in diesem Umfeld viele innovative Ansätze sehen und es wird sich immer besser herauskristallisieren, für welche Business Cases sich KI-Verfahren am besten eignen und wie sie am besten einzusetzen sind. Der dritte Punkt ist ein Dauerbrenner: Open Source. Es gibt immer noch Gebiete wie zum Beispiel der öffentliche Bereich, die noch stark von Community-basierten Ansätzen profitieren können. Und zu guter Letzt: Security, Security, Security…
9. Gibt es eine Technologie im Moment, die Sie für total überschätzt halten? Es gibt sicherlich Technologien, die anfangs total interessant wirken, sich aber schlichtweg kein realer Business Case findet. Aber nein, aktuell habe ich so eine nicht auf dem Radar.
10. Was haben Sie persönlich aus der Corona-Krise gelernt? Zum einen habe ich gelernt, dass in besonderen Situationen wie dieser Pandemie Widerstände dem Pragmatismus schneller weichen. Genauso habe ich auch gelernt, dass man sich einfach aufeinander verlassen kann – wenn nötig kommt Hilfe von vielen Stellen und der Zusammenhalt in den beruflichen und privaten Netzen wächst enorm.

Zur Person:

Elisabeth Maier, CEO von Karakun AG, hält einen Doktortitel in Informatik. Vor Karakun war sie VP bei Lionbridge und UBS und verantwortete mehrere Jahre als Global CTO der CLS Communication alle IT- und Technologiethemen. In ihrer Freizeit engagiert sie sich als Mentorin. Ihr Credo: In der Ruhe liegt die Kraft.

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