Entbündelt Hollywood!

27. September 2004, 04:00
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Fernsehen per Telefon – Telefonie per Fernsehkabel. Die beiden de-fakto-Monopole Swisscom und Cablecom stehen sich auf den Zehen herum.

Swisscom besitzt die Kupferdrähte in praktisch jedem Haushalt und jeder Firma in der Schweiz. Der Besitz an dieser "letzten Meile" ist heiss umstritten: Die Konkurrenz verlangt die so genannte Entbündelung, sprich den Zugang zu diesen Drähten (und den Telefonzentralen) zu staatlich festgelegten "Selbstkosten". Cablecom seinerseits besitzt Koax-Kabel in etwa 1,5 Millionen Schweizer Haushalten. Weil man den Kabel-Fernseh-Provider nicht einfach wechseln kann, ist auch Cablecom ein de-fakto-Monopolist – allerdings in Privatbesitz. Auch in Bezug auf die Fernsehkabel sind Rufe nach "Entbündelung" laut geworden, namentlich seitens gewisser ISPs (Internet Service Provider). Lange lag Cablecom auch in einem Rechtsstreit mit dem Pay-TV-Anbieter Teleclub – auch da ging es um Durchleitungsrechte.
Mit dem Kauf einer 49-prozentigen Beteiligung an Cinetrade, einem Filmrechtehändler, der eben auch Teleclub besitzt, machte nun Swisscom letzte Woche einen grossen Schritt ins Gärtchen von Cablecom. Filme lassen sich nämlich auch über die Telefonkupferdrähte zu den Konsumenten bringen. Swisscom hatte bereits ein TV-Angebot über ADSL ("Bluewin-TV") angekündigt – mit Cinetrade/Teleclub hat man nun sogar auch ein Programm… Cinetrade besitzt auch die Kino-Kette Kitag, ist der wichtigste Schweizer Filmrechtehändler und stark im DVD-Markt.
Dagegen laufen nun natürlich wieder die Kabelnetzbetreiber Sturm. Sie befürchten, Swisscom könne attraktive Pay-TV-Angebote monopolisieren und haben nun ihre Anwälte mobilisiert, die "prüfen, ob die Weko (Wettbewerbskommission) eingeschaltet werden muss", so Swisscable-Sprecherin Claudia Bolla zur Sonntagszeitung.
Der Krieg um den Zugang zur letzten Meile, oder besser: den letzten Meilen, ist damit in eine neue Runde gegangen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird sich die Weko neben dem Dauerbrenner "Entbündelung der Telefonie-Anschlüsse" nun auch mit der "Entbündelung" von Hollywood-Filmen beschäftigen müssen und die Frage zu beantworten haben, wer darüber bestimmen darf, über welche Drähte und Kabel Hollywood in die Schweizer Haushalte transportiert wird. Die Arbeit wird den Hütern über die Marktwirtschaft nicht ausgehen.
(Christoph Hugenschmidt)

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