ERP-Anbieter: Führt zu schnelles Wachstum zu schlechten Projekten?

5. Oktober 2006, 16:58
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Trotz guter Noten der Anwender hat ERP-Experte Eric Scherer einiges an den Anbietern zu kritisieren.

Trotz guter Noten der Anwender hat ERP-Experte Eric Scherer einiges an den Anbietern zu kritisieren.
Eigentlich geben die Anwender in der aktuellen Schweizer "ERP-Zufriedenheitsstudie" ihren ERP-Softwareherstellern ja erstaunlich gute Noten, wie wir bereits berichteten. Und auch die Noten für die Einführungspartner sind kaum schlechter. (Mit Einführungspartnern sind je nachdem "echte" Partner oder die Dienstleistungsabteilungen der Softwareanbieter selbst gemeint.)
Trotzdem tischte der ERP-Experte Eric Scherer, Chef des ERP-Beratungshauses i2s, welches die Studie durchführte, an der gestrigen Vorstellung der Studie den zahlreich erschienenen Vertretern der Anbieterzunft auch einige kritische Bemerkungen auf. Eine seiner Hauptthesen: (Zu) schnelles Wachstum führt bei manchen zu einer Verschlechterung der Projekt- und Servicequalität. Solch schnelles Wachstum könne unter anderem dazu führen, dass in Projekten unerfahrene Leute eingesetzt werden, sei es, weil erfahrene Berater auf dem Arbeitsmarkt schwer zu finden sind oder man mit der Schulung nicht hinterherkommt. Schnelle Ausbreitung in neue Regionen kann zudem zu Sprachproblemen führen. Manche Salesabteilungen so vermutet Scherer, verkaufen auch etwas allzu enthusiastisch drauflos, ohne sich um die real vorhandenen Dienstleistungskapazitäten zu kümmern.
Projektprobleme
Dies könnte denn auch ein Grund für die bereits geschilderte Beobachtung Scherers sein dass im Vergleich zum letzten Jahr 10 der bewerteten Systeme "deutlicher schlechter" abschnitten, während nur zwei davon sich deutlich verbesserten.
Das von den Anwendern meistgenannte Problem bei Systemeinführungen ist "Mangelnde Kommunikation" (41 Prozent), gefolgt von "Fehlenden Personal-Ressourcen im Projekt-Team" (33 Prozent). Ebenfalls häufig genannt wurden "Mangelnde Fachkompetenz beim Einführungspartner" (23 Prozent), "Kosten höher als geplant" (21 Prozent, "Unzureichende Abbildung der Geschäftsprozesse (16 Prozent) und "Mangelnder Kooperationswille beim Einführungspartner" (13 Prozent).
Viele Anbieter, monierte Scherer ebenfalls, würden ihre "Hausaufgaben" nicht machen. So sollte es doch, fand er, eigentlich nicht so schwierig sein, das meistverbreitete Kundenproblem "Mangelnde Kommunikation" anzugehen. Ähnliches bemerkte er zur Situation bei der Erstellung von Formularen und Auswertungen: Schon seit Jahren ist das der Aspekt der Systeme, mit dem die Kunden mit einigem Abstand am wenigsten zufrieden sind. Und es hat sich gemäss Scherer wenig bewegt.
Zu wenig Business-Kompetenz
Der eigentliche Auslöser für die Einführung einer neuen ERP-Lösung ist in fast der Hälfte der Fälle schlicht und einfach ein veraltetes bestehendes System. Businessbezogene Auslöser wie veränderte Prozesse, neue strategische Ziele usw. werden demgegenüber viel seltener genannt.
Hat man sich aber einmal für die Einführung eines neuen Systems entschieden, möchte man schon "schneller, besser, schöner werden auf der Prozessebene", wie Scherer dies salopp ausdrückt. Häufig genannte Ziele der Kunden sind zum Beispiel die Vereinfachung und Beschleunigung von Prozessen und Abläufen (77 Prozent), ein schnellerer Zugriff auf Informationen (45 Prozent), bessere Informationen (39 Prozent) oder die Automatisierung von Prozessen (33 Prozent).
Um solche Ziele zur vollen Zufriedenheit der Kunden zu erreichen, so konstatierte Scherer ein generelles Problem der Anbieter, fehle diesen aber oft die nötige "Business-Kompetenz", da sie meist von der technischen Seite her ins ERP-Geschäft eingestiegen seien. In diesem Zusammenhang merkte Scherer auch an, dass bei der Einführung von Modulen für Materialbewirtschaftung/Beschaffung und Lagerhaltung oft ganz andere Berater am Werke seien, als bei Modulen für Controlling und Kostenrechnung. Die betriebswirtschaftliche und die logistische "Schiene" zusammenzubringen, so Scherer, müsste eigentlich ein Hauptanliegen für die Zukunft sein.
Auch Kunden machen Fehler
Nicht nur Anbieter und Dienstleister, auch die Kunden selbst kriegten von Scherer etwas Fett weg. Früher seien ERP-Einführungen gerade bei mittelgrossen Unternehmen der Anlass für gleichzeitige Prozessoptimierungen gewesen. Dieses "etablierte Erfolgsgespann" gehe im Mittelstand leider zunehmend verloren. Grund sei unter anderem der Preisdruck, den Kunden mit dem Verlangen nach Fixpreisen ausüben sowie ihr Wunsch nach möglichst schnellen und simplen ERP-Einführungen in der Art einer Commodity.
Auf- und Absteiger
Bei der diesjährigen ERP-Zufriedenheitsstudie wurden 738 gültige Bewertungen von Systemen abgegeben, deutlich weniger als vor einem Jahr (1131). Das Interesse der Anwender an der Studie scheint also nachgelassen zu haben.
Insgesamt wurden 92 Systeme bewertet, aber nur 24 davon schafften die nötigen mindestens 10 Bewertungen, um in den offiziellen Vergleich aufgenommen zu werden.
Die beiden diesjährigen Aufsteiger ("deutliche Verbesserung", siehe oben), sind "blue office Auftrag" und "OpaccOne". Die "Absteiger" sind "Alpha+", "IFAS V4", "Informaticon A2", "Microsoft Dynamics AX", "Microsoft Dynamics NAV", "Pro Finance", "ProConcept" "Proffix"+, "Steps Business Solution", und "Tosca". In etwa gleich bewertet wurden "Abacus", "Comatic ERP", "IN:ERP", "Infor COM", ", Infor SSA ERP" "mySAP ERP", "proALPHA", "PSIPenta", "Simultan" und "SQL Business.
Für eine ausführlichere Darstellung der Ergebnisse, inklusive der absoluten Noten, verweisen wir Sie auf diesen längeren Artikel des Medienpartners von i2s, der Zeitschrift "InfoWeek".
Die volle Studie kann hier vorbestellt werden. (350 Franken als pdf, 425 Franken für Printversion). (Hans Jörg Maron)

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