Es klebt Blut an deinem Smartphone

10. September 2014, 11:38
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Ökologisch und ethisch bedenkenlose Hightech-Produkte gibt es nicht. Dies stellen Fastenopfer und Brot für alle anlässlich des ersten Schweizer Ethik-Rankings für Smartphone & Co. fest.

Ökologisch und ethisch bedenkenlose Hightech-Produkte gibt es nicht. Dies stellen Fastenopfer und Brot für alle anlässlich des ersten Schweizer Ethik-Rankings für Smartphone & Co. fest.
Seit 2007 prangern die kirchlichen Hilfsorganisationen Fastenopfer und Brot für alle mit ihrer Kampagne "High Tech – No Rights" die zwar mittlerweile durchaus bekannten, bei Kaufentscheidungen aber nach wie vor wenig berücksichtigten Missstände bei der Gewinnung von Materialien und bei der Produktion von Elektronikprodukten wie Computer, Tablets und Smartphones an.
Erstes Rating von HP bis HTC
Nun stellen sie erstmals ein Ethik-Rating der zehn in der Schweiz meistverkauften Marken vor. Das Fazit: Bis dato klebt an allen Smartphones Blut, wie Kampagnenleiterin Daniela Renaud feststellt. Gegenüber einer letzten Erhebung von 2008 habe sich jedoch vieles verbessert, insbesondere die Transparenz: "Damals hatte sogar HP, der Hersteller mit dem aktuell besten Rating, laut eigener Aussage nicht einmal selbst die Übersicht über die Details seiner Lieferkette."
Bei der Beurteilung setzen die beiden NGOs nämlich auf die Angaben der Hersteller – unabhängige Kontrollen vor Ort lägen jenseits der Möglichkeiten. Die Informationen stammen einerseits von der Website, aus dem Geschäftsbericht und aus weiteren öffentlich zugänglichen Quellen. Ausserdem erhielten alle Anbieter einen detaillierten Fragebogen zu den Themenkreisen Umwelt, Arbeitsrechte und Konfliktmaterialien.
Das "Alphabet des guten Einkaufs", im Detail hier nachzulesen, fassen die Organisationen wie folgt zusammen: Auf gutem Weg sind HP und Nokia, mittelmässig fällt das Urteil für Apple und Dell aus, ungenügend für Acer, Lenovo, Samsung und Sony. Bei Asus und HTC heisst es gar "inakzeptabel" – im letzten Fall kein Wunder, denn HTC hat den Fragebogen als einziger Hersteller nicht beantwortet und stellt die Geschäftsinformationen auf seiner Website nur auf Chinesisch zur Verfügung.
Bei der Umweltfreundlichkeit seien die besten Fortschritte erzielt worden, während die Arbeitsrechte immer noch unzureichend durchgesetzt würden und sämtliche Hersteller auch heute noch Rohstoffe aus Konfliktregionen verwendeten.
Waffengewalt und Mauscheleien im Kongo
Konfliktregionen finden sich etwa in der Demokratischen Republik Kongo. Das Land ist unglaublich reich an Rohstoffen wie Kupfer, Gold, Kassiterit und Coltan, die bei der Herstellung von Elektronik unverzichtbar sind. Aus Coltan werden zum Beispiel Tantal und Niob gewonnen. Vor einigen Jahren hat es einen regelrechten Coltanrausch mit einem Preisanstieg von 30 auf 210 Dollar pro Pfund gegeben. Zahlreiche Rebellen sahen darin eine Einnahmequelle und haben die Minen mit Waffengewalt erobert.
Zwar seien viele Minen heute nicht mehr in der Hand von bewaffneten Verbrecherbanden, hält Bischof Fridolin Ambongo Besungu fest. Er leitet unter anderem die bischöfliche Kommission für natürliche Ressourcen und kennt sich mit der Rohstoffproblematik bestens aus. Aber, so Bischof Fridolin weiter, die Regierung sei schwach und könne die Abkommen, welche die Rohstoffkonzerne zur Zahlung von prozentualen Abgaben auf den Erlös aus den abgebauten Mineralien verpflichten, nicht wirklich durchsetzen.
Die Unternehmen arbeiten dabei auch mit Tricks. So würden zum Beispiel einzelne Schürfer die Erze zunächst Dutzende von Kilometern in 50-Kilo-Säcken mühsam zu Fuss zur nächsten Siedlung transportieren. Dann gehe es per Motorrad weiter, und zum Schluss würde das gesammelte Schürfgut mit Kleinflugzeugen ausser Landes geschafft, etwa nach Ruanda, und dort verkauft. Auf diese Weise lassen sich die Abgaben umgehen, denn die Verkaufstransaktion findet ja nicht mehr im Kongo statt.
Das traurige Ergebnis dieser Missstände laut der kongolesischen Bischofskonferenz: "Anstatt zur Entwicklung unseres Landes und zum Wohlergehen unseres Volkes beizutragen, sind die Mineralien, das Erdöl und der Wald zu Ursachen unseres Unglücks geworden." Anders ausgedrückt: Der natürliche Reichtum des Landes kommt nicht beim Volk an, er wird exportiert.
Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben
Derweil sind auch die Arbeitsbedingungen in der chinesischen Elektronikindustrie bedenklich. Dies ergibt sich aus den Untersuchungen der Hongkonger Organisation Students and Scholars against Corporate Misbehaviour (Sacom). Die Sacom-Forscher haben in fünf Werken, die Erzeugnisse für Samsung, HP, Asus und Lenovo produzieren, Mitarbeiter befragt und sind auf eine breite Palette von Rechtsverletzungen gestossen. Denn eigentlich gäbe es in China durchaus Arbeitnehmerrechte, sie werden aber nicht durchgesetzt. Daran ändern auch die Verhaltenskodizes und Auditings nicht, mit denen sich die Markenhersteller gerne brüsten, denn dazu werden kaum je die Mitarbeiter befragt.
So schreibt das Gesetz vor, dass pro Monat maximal 36 Überstunden angeordnet werden dürfen. Dies wurde in allen fünf besuchten Werken regelmässig um ein Vielfaches überschritten. In Spitzenzeiten waren bis zu 200 Überstunden pro Monat die Regel. Die Beschäftigten arbeiteten von 8 bis 22 Uhr und hatten selten auch nur einen Tag frei. Mit schuld an diesen Missständen sei die Just-in-Time-Produktion, betont die Sacom-Projektverantwortliche Pui-Kwan Liang. "Die Markenkonzerne sparen Lagerkosten, indem sie sehr kurzfristig bei den Zulieferern bestellen."
Leider seien die Überstunden aber sogar nötig, denn vom regulären Lohn könne man nicht existieren. Der Grundlohn entspricht meist dem gesetzlichen Mindestlohn der Region, in Hiuzhou etwa 1130 Yuan (Fr. 168.25). Die Lebenshaltungskosten liegen laut Sacom dort aber bei 3000 Yuan pro Monat.
Gemauschelt werde auch mit Leiharbeitern, die zum Beispiel kein Anrecht auf einen Bonus für langjährige Beschäftigung haben und auch sonst vertraglich schlechter gestellt sind. Vom Gesetz her darf der Anteil an Leiharbeitern nach einer zweijährigen Übergangsfrist künftig höchstens zehn Prozent betragen. Da muss sich noch einiges verbessern, denn Sacom hat aktuell bei einem Betrieb einen Leiharbeiteranteil von mehr als 90 Prozent ermittelt.
Gerne werden, so Sacom, in Elektronikfabriken auch Studierende eingestellt, "getarnt als Praktikanten". Diese seien 16 bis 18 Jahre alt und hätten Anspruch auf Minderjährigenschutz – keine Nachtarbeit und Überzeit zum Beispiel. Ihre Arbeitszeiten hätten sich aber nicht von denen der anderen Mitarbeiter unterschieden.
Mit Verträgen geht man offenbar generell eher locker um. So würden Interessenten oft gezwungen, einen leeren Arbeitsvertrag zu unterschreiben, oder sie erhalten den Vertrag nach Unterzeichnung nicht zurück und können ihn so auch nicht mehr kontrollieren.
Nicht nur die Arbeitszeiten, Löhne und Vertragsbedingungen, sondern auch die Arbeitsumgebung sind laut der Sacom-Untersuchung oft fragwürdig. Die persönliche Schutzausrüstung dient nach dem Empfinden mancher Arbeiter mehr dem Schutz der Produkte als dem ihrer Person. Detaillierte Angaben zur Arbeitssicherheit gibt es selten. Und oft werden giftige Chemikalien eingesetzt, die in Europa längst verboten sind, ohne die Mitarbeitenden über die Gefahr zu informieren. So sei in einem Fall für die Reinigung angeblich gewöhnlicher Alkohol zum Einsatz gekommen, vom Geruch und Aussehen her habe es sich aber um ein unbekanntes Lösungsmittel gehandelt, vielleicht sogar um das krebserregende Benzol.
Forderungen an Konzerne und Konsumenten
Aus den unbefriedigenden Ergebnissen des Ethik-Ratings leiten Fastenopfer und Brot für alle drei Forderungen an die Markenkonzerne ab: Sie sollen die Selbstorganisation der Arbeitnehmenden entlang der ganzen Lieferkette gezielt unterstützen und dabei mit unabhängigen Gewerkschaften und NGOs zusammenarbeiten. Sie sollen ihre Marktmacht dazu nutzen, bei den Zulieferern Verbesserungen bei Arbeitsrechten und Umweltschutz durchzusetzen, und sie sollen bei allen Zulieferern existenzsichernde Löhne einfordern.
Von uns Konsumenten – sowie auch vom Beschaffungswesen der öffentlichen Hand als Vorbild – wünschen sich die Organisationen zweierlei: Beim Kaufentscheid das Ethik-Ranking mitberücksichtigen oder gleich ganz auf einen Neukauf verzichten. Man brauche schliesslich nicht unbedingt jedes Jahr ein neues Smartphone. Defekte Geräte könne man auch reparieren. Und wenn es doch ein Neues sein soll: Das alte bitte rezyklieren, weitergeben, verkaufen oder spenden. Dazu gebe es Online-Plattformen wie revendo.ch. (Urs Binder)

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