Evernote: Der Anfang vom Ende?

2. Oktober 2015, 14:59
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Der Notizdienst macht, was sonst kein Hype-Unternehmen tut: Er entlässt Leute.

Der Notizdienst macht, was sonst kein Hype-Unternehmen tut: Er entlässt Leute.
Der Notizdienst Evernote entlässt rund 47 Angestellte, mehr als zehn Prozent der Belegschaft. Die Büros in Taiwan, Singapur und Moskau werden geschlossen, nur Redwood City und Zürich bleiben. Runterskalieren: Für ein Startup, dessen Wert auf eine Milliarde Dollar geschätzt wird, ein ungewöhnlicher Schritt. Was ist da los?
Unsicheres Geschäftsmodell
Als Durchschnitts-Nutzer habe ich nach wie vor keine Ahnung, wieso ich zu einem der kostenpflichtigen Premium-Modelle von Evernote wechseln sollte. Weil beide mit 25 Franken bzw. 45 Franken pro Jahr aber relativ wenig Geld bringen, braucht Evernote sehr viel mehr zahlende Nutzer als zum Beispiel ein ähnlich weit verbreitetes Freemium-Spiel, das schon zur Geldgrube wird, wenn nur ein Prozent der Nutzer regelmässig Geld investiert.
Jetzt ist es nichts Neues, dass Online-Plattformen wie Evernote erst einmal hohe Verluste in Kauf nehmen, um mit attraktiven Angeboten eine möglichst grosse Nutzerbasis aufbauen zu können. Die Entlassungen zeigen aber, dass Evernote wahrscheinlich die Schmerzgrenze der Investoren erreicht hat. Denn üblicherweise gibt es für die Milliarden-Dollar-Startups aus dem Silicon Valley nur eine Richtung: Nach oben.
Da hilft es auch nichts, dass sich der bisherige Geschäftsführer Phil Libin als verspielten Tüftler darzustellen sucht, der mit dem neuen CEO Chris O'Neill jetzt einfach eine Prise Professionalität in das Unternehmen gebracht hat. Denn Libin ist selbst ein bisher äusserst erfolgreicher Unternehmer, der schon eine ganze Reihe weiterer Startups aufgebaut und verkauft hat – nicht einfach als Bastler, sondern als Geschäftsführer.
Eingehen wird Evernote bestimmt nicht – zu wertvoll sind seine Nutzerdaten. Ob ein Verkauf die bisherigen Investitionen reinbringen würde ist die andere Frage.
Das Risiko einer neuen Dotcom-Blase
Die Schwierigkeiten von Evernote sind bezeichnend für das Hochrisikospiel, das zurzeit im Silicon Valley getrieben wird: 2001 lässt grüssen. Zwar verfügen heute alle grossen Internet-Startups über ein Geschäftsmodell – anders als vor der Dotcom-Blase – doch sind diese Modelle allesamt darauf ausgerichtet, dass die Gewinnzone irgendwo in der Grössenordnung eines Facebooks erreicht wird. Und um das zu schaffen, nehmen Startups und Investoren irrwitzige Risiken auf sich: Uber etwa pumpt Milliarden in sein Wachstum ohne zu wissen, ob sein Dienst in fünf Jahren überhaupt noch irgendwo auf der Welt legal sein wird.
Weiter ist das Wachstum in der Online-Welt nicht leicht vorauszusehen. Geht es zu schnell vorwärts, kann dieser Erfolg dem Unternehmen schnell einmal das Genick brechen. So ergangen dem Milliarden-Dollar-Startup fab.com, das in Europa so schnell gewachsen ist, dass ihm der Cash ausgegangen ist. Das Portal musste sich zum Schnäppchen von 15 Millionen Dollar in den Verkauf retten. Die Investoren verloren über 300 Millionen Dollar.
Die extremen Wachstumsstrategien setzen auch voraus, dass das Produkt des Startups mehr ist als eine Trenderscheinung. Denn die Anfangsinvestitionen wieder reinholen: Das dauert. Und wie schnell eine Erfolgsgeschichte zu Ende sein kann, hat im Ansatz eben erst Whatsapp gezeigt, das Facebook innert weniger Monate eine riesige Menge an Daten und Interaktionen abjagen konnte. Wäre Whatsapp nur wenige Jahre früher gekommen, Facebook hätte keine 19 Milliarden gehabt, um sich den Erhalt seiner Position zu erkaufen. (Michael Küng)

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