Exklusiv! Baloise bricht Software-Einführung ab

3. Juli 2013, 12:01
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Zurück zum Start: Die Basler Versicherungen stoppen die Beschaffung einer neuen Kernversicherungs-Lösung aus Deutschland. Das Projekt wird neu aufgegleist.

Zurück zum Start: Die Basler Versicherungen stoppen die Beschaffung einer neuen Kernversicherungs-Lösung aus Deutschland. Das Projekt wird neu aufgegleist.
Still und leise haben die Basler Versicherungen diesen April die Einführung einer neuen Kern-Versicherungslösung gestoppt, wie inside-it.ch weiss. Die Versicherung wollte die Standard-Lösung V'ger P&C des relativ kleinen deutschen Software-Herstellers Novum einführen und damit ihre bisherigen Eigenentwicklungen ablösen. Die Zusammenarbeit mit Novum wurde zwar gestoppt, doch ist damit das Projekt, die bisherige, in die Jahre gekommenen Lösungen abzulösen, natürlich nicht beendet. "Die Baloise hat im April entschieden, die Zusammenarbeit mit Novum bei der Entwicklung einer neuen Schadenversicherungsplattform aufzulösen. Das Projekt selber wurde nicht abgebrochen," so Baloise-COO Urs Bienz in einem E-Mail auf Anfrage.
V'ger P&C ist eine so genannte Kernversicherungs-Lösung für die Administration von allen Schadenversicherungen.
Verzögerung im Millionenprojekt
Die meisten Schweizer Versicherungen sehen sich heute mit einer ungemütlichen Situation in Sachen Software konfrontiert. Sie wickeln ihre administrativen Prozesse auf grossen, meistens selbst entwickelten IT-Plattformen aus den 90er oder sogar 80er Jahren ab. Diese funktionieren gut und sind zuverlässig aber unflexibel. So ist es zum Beispiel zeitraubend und aufwändig, neue Versicherungsprodukte auf den Markt zu bringen. Zudem werden die Programmierer, die mit der alten Technologie umgehen können, immer rarer.
Versicherungen, die ihre Kern-Lösungen ersetzen wollen, müssen entscheiden, ob sie selbst oder mit Partnern neue Software entwickeln wollen, oder ob sie eine Standardlösung, etwa von SAP oder AdCubum, einkaufen wollen. Die Erneuerung einer Kern-Versicherungslösung ist nicht billig: Als Faustregel kann man davon ausgehen, dass die Einführung einer neuen Kernlösung für Nicht-Leben-Versicherungen etwa 30 bis 50 Millionen Franken kostet.
Die Basler Versicherungen wurden in diesem Prozess nun mindestens ein bis zwei Jahre zurückgeworfen. Wieviel die Beendigung der Zusammenarbeit mit Novum gekostet hat, sagt die Baloise nicht: "Über die Kosten äussert sich die Basler nicht öffentlich," so Bienz. Man überprüfe nun die Ausrichtung und den Umfang des Projekts. "Zur Diskussion stehen verschiedene Szenarien. Diese reichen von neuer Standardsoftware bis zur Entwicklung einer eigenen Verwaltungsplattform," schreibt Bienz.
Novum: Entwicklung von V'ger P&C "nicht gefährdet"
Während sich Novum-CEO Michael Kraus nicht zu den Gründen äussert, warum die Einführung der Software bei Baloise abgebrochen worden ist, schreibt Bienz, zwischen Novum und der Basler Versicherungen habe es "unterschiedliche Auffassungen über den Projektfortschritt" gegeben. Den Ausschlag für den Stopp der Zusammenarbeit hätten "durch Novum angekündigte Projektverzögerungen und Kostenüberschreitungen" gegeben, so Bienz.
Das Projekt mit der Basler Versicherungen dürfte eines der grössten Software-Projekte der relativ kleinen Novum gewesen sein. "Ein Grossprojekt abzubrechen ist für einen Softwarehersteller immer "bitter". "Wir hätten das Projekt gerne zum Erfolg geführt", schreibt Novum-CEO Michael Kraus in einer E-Mail an inside-it.ch. Die Entwicklung von V'ger P&C sei dadurch aber nicht gefährdet. Kraus: "Die Entwicklung der Standardsoftware V’ger P&C ist nicht grundsätzlich gefährdet. Wir haben die Roadmap jedoch entsprechend der Prioritäten anderer Kunden angepasst. Konkret bedeutet dies, dass wir den Fokus auf das Produktmanagement und die Bestandesverwaltung von Motorfahrzeug, Hausrat, Gebäude und Unfall jeweils im Privatkundenbereich gelegt haben."
Gespannt wartet man nun in der Branche auf den Entscheid der Basler Versicherungen. Versucht die Baloise noch einmal, selbst ein grosses Software-Projekt zu stemmen und wieder eine Eigenlösung zu entwickeln? Oder wagt der grosse Versicherer noch einmal den Versuch, eine Standard-Lösung einzukaufen und an seine Bedürfnisse anzupassen, so wie es beispielsweise Generali Schweiz macht? (Christoph Hugenschmidt)

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