Exklusiv! Beim IT-Streit der Gerichte geht es um Open Source vs. Microsoft

2. Mai 2007, 14:22
  • e-government
  • bern
  • st. gallen
image

Das Bundesgericht setzt Open-Source-Lösungen ein und verwendet Eigenentwicklungen. Das Bundesverwaltungsgericht möchte lieber Standard-Produkte wie Microsoft einsetzen.

Das Bundesgericht setzt Open-Source-Lösungen ein und verwendet Eigenentwicklungen. Das Bundesverwaltungsgericht möchte lieber Standard-Produkte wie Microsoft einsetzen.
Der Anfang Jahr ausgebrochene Streit zwischen dem Bundesgericht in Lausanne und dem neuen Bundesverwaltungsgericht in Bern und Zollikofen dauert an. Das Bundesverwaltungsgericht – das erst seit dem 1. Januar existiert und die Informatik des Bundesgerichts nutzt – gab Anfang März bekannt, sich von der Informatik des Bundesgerichts trennen zu wollen. Dabei geht es um Applikations-Software. Das Problem: Die Einführung der Open-Source-Software und der Eigenentwicklungen des Bundesgerichts beim neuen Bundesverwaltungsgericht Anfang Jahr hat nicht richtig geklappt.
Open-Source und Eigenentwicklungen...
Das Bundesgericht setzt seit acht Jahren Open-Source-Lösungen ein. Gemäss Insidern sind beim Bundesgericht – und somit seit Anfang Jahr auch beim Bundesverwaltungsgericht – verschiedene Open-Source-Entwicklungen im Einsatz wie StarOffice und Evolution (E-Mail und Kalender) oder der Nautilus-Dateimanager. Bei gerichtsspezifischen Applikationen werden Eigenentwicklungen eingesetzt. So gibt es etwa das Dossierverwaltungsprogramm DossPlus (früher Bradoss) und die Archiv-Software Archiweb.
Insbesondere mit den Eigenentwicklungen sind die knapp 350 Angestellten des Bundesverwaltungsgerichts unzufrieden. Ein Richter wurde jüngst in der 'Weltwoche' mit der Aussage zitiert: "Tag für Tag verliert jeder von uns mindestens eine halbe oder eine ganze Stunde, weil die billig gebastelte EDV nicht funktioniert." Die Sache wird nun seit März im Parlament besprochen. Falls entschieden wird, dass das Bundesverwaltungsgericht eigene Wege gehen darf, will man auf dem freien Markt Standard-Produkte erwerben, die dann mit dem für 2010 geplanten Bezug des neuen Gerichtsgebäudes in St. Gallen zum Einsatz kommen könnten. Ein Alleingang des Bundesverwaltungsgerichts ohne den Segen des Parlaments ist zwar rechtlich möglich - doch wird dies von Gerichtspräsident Christoph Bandli ausgeschlossen.
...versus Microsoft
Mit Standard-Produkte sind vor allem Industrie-Produkte für Gerichte und die Büro-Programme von Microsoft gemeint. Das Bundesverwaltungsgericht hat ja bekanntlich die 36 bisherigen Rekurskommissionen und Beschwerdedienste des Bundes abgelöst. Rund 85 Prozent der neuen Mitarbeitenden stammen aus den bisherigen Rekurskommissionen und Beschwerdediensten. Die meisten dieser 36 Bundesstellen arbeiteten mit Microsoft-Produkten. Die ehemalige Asylrekurskommission hatte zudem Lotus Notes eingesetzt. Am ehemaligen Sitz der alten Asylrekurskommission in Zollikofen befinden sich heute die Abteilungen II, IV und V des Bundesverwaltungsgerichts. Die Angestellten im Bundesverwaltungsgericht wollen nun so schnell wie möglich wieder auf ein anderes Produkt (Microsoft) umstellen.
Ob es je dazu kommen wird, ist derzeit unklar. Gemäss Bundesgericht sollen bei den Open-Source-Lösungen und Eigenentwicklungen bis Ende Juni Änderungswünsche durchgeführt werden, damit das Bundesverwaltungsgericht effizient damit arbeiten kann. Ob das genügen wird, um die Angestellten im Bundesverwaltungsgericht zufrieden zu stellen, bleibt offen. (Maurizio Minetti)

Loading

Mehr zum Thema

image

Schwyz erhält einen neuen CIO

Im Sommer wird Marcel Schönbächler die Leitung des Amts für Informatik im Kanton übernehmen.

publiziert am 27.1.2023
image

Podcast: Wie fair und objektiv ist künstliche Intelligenz?

Der Bundesrat will, dass KI Behörden effizienter macht. Warum das zu einem Problem werden kann, diskutieren wir in dieser Podcast-Folge.

publiziert am 27.1.2023
image

Luzerner können Wille zur Organspende in App hinterlegen

Patientinnen und Patienten des Luzerner Kantonsspitals können ihre Entscheidung zur Organspende neu in der Patienten-App ablegen.

publiziert am 26.1.2023
image

PUK soll Zürcher Datenskandal durchleuchten

Datenträger der Justizdirektion landeten im Sex- und Drogenmilieu. Jetzt soll eine Parlamentarische Unter­suchungs­kommission zum Vorfall eingesetzt werden.

publiziert am 26.1.2023