Exklusiv! Das ist die Abraxas-Strategie

26. Mai 2011, 12:36
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Abraxas-Chef Thomas Flatt im Gespräch: Warum er das Geschäftsmodell eines interkantonalen IT-Dienstleisters für gescheitert hält, welche Strategie Abraxas im E-Health-Business verfolgt und warum Abraxas mehr als IT-Dienstleister im Projektgeschäft auftreten will.

Abraxas-Chef Thomas Flatt im Gespräch: Warum er das Geschäftsmodell eines interkantonalen IT-Dienstleisters für gescheitert hält, welche Strategie Abraxas im E-Health-Business verfolgt und warum Abraxas mehr als IT-Dienstleister im Projektgeschäft auftreten will.
Noch gehört der IT-Dienstleister Abraxas zu je 50 Prozent den Kantonen St. Gallen und Zürich. Doch der Kanton Zürich will die Beteiligung abstossen Wie geht der doch grosse Dienstleister mit dieser Situation um? Und was ändert sich an der Strategie von Abraxas? inside-it.ch hat bei Abraxas-CEO Thomas Flatt nachgefragt.
Abraxas vermochte im vergangenen Jahr, den Gewinn um fast 50 Prozent zu steigern. Der Umsatz dagegen stagniert bei plus 2 Prozent. Sie haben also vor allem Kosten gespart?
Thomas Flatt: Vor drei Jahren haben wir tief greifende Veränderungen im Unternehmen eingeleitet. Heute können wir ernten, was wir damals gesät haben. Wir sind sehr viel effizienter aufgestellt und erzielen dadurch bei unseren Dienstleistungen eine bessere Marge.
Das heisst, Sie haben Stellen abgebaut?
Thomas Flatt: Der Personalbestand lag insgesamt per 1. Januar 2011 nur geringfügig unter dem Vorjahr. Es gab aber Verschiebungen zwischen den Bereichen. Wir konnten vor allem Drittkosten reduzieren und produzieren heute effizienter.
Ging es bei den Restrukturierungen vor allem darum, die Braut für den Verkauf herauszuputzen? Bekanntlich will ja der Kanton Zürich aus dem Aktionariat von Abraxas aussteigen.
Thomas Flatt: Als ich vor rund vier Jahren bei Abraxas angetreten bin, war das Unternehmen stark verschuldet und kaum profitabel. Jetzt haben wir eine stabile Basis geschaffen, um nachhaltig operieren zu können. Die Braut erscheint heute also in attraktivem Kleid – dies hat aber nichts mit einem allfälligen Verkauf zu tun.
Tatsache ist aber auch, dass sich bislang kein Käufer für die Anteile des Kantons Zürich finden liess?
Thomas Flatt: Offensichtlich ist es nicht ganz einfach, die unterschiedlichen Interessen aller Beteiligter – Kanton Zürich, Kanton St. Gallen, potenzielle Investoren – unter einen Hut zu bringen. Hinzu kommt, dass der Kanton Zürich mit seiner Verkaufsabsicht nicht unter Zeitdruck steht.
Macht es diese Unsicherheit in der Eigentümerstruktur für Abraxas nicht schwieriger, am Markt zu operieren?
Thomas Flatt: Natürlich möchten unsere Kunden gerne wissen, mit wem sie es künftig zu tun haben werden. Mit dieser Frage werden wir insbesondere dann konfrontiert, wenn es um längerfristige Verträge geht oder bestehende Verträge verlängert werden sollen. Mit dieser Unsicherheit muss man als Kunde aber auch bei anderen Anbieter leben.
Warum konnte denn Abraxas in den vergangenen Jahren nur moderat wachsen?
Thomas Flatt: Wir mussten Preissenkungen, welche wir an Kunden weitergaben, durch Neugeschäfte kompensieren. So gesehen können wir mit "nur" 2 Prozent Umsatzwachstum zufrieden sein. Positive Treiber waren meist Mehraufträge von bestehenden Kunden. Zudem befinden wir uns nach wie vor in einem schwierigen Marktumfeld: Zum einen unterliegen die öffentlichen Verwaltungen einem grossen Spardruck. Zum anderen haben sich gewisse Geschäftsfelder, in die wir stark investiert hatten, kommerziell nicht wie erwartet entwickelt. Ich denke hier etwa an den Bereich E-Health. Anbieter, die sich auf die Vorfinanzierung neuer Geschäftsmodelle eingelassen haben, bekunden derzeit erhebliche Mühe, ihre Investitionen zu monetarisieren.
Warum kommt denn das Thema E-Health nicht vom Fleck?
Thomas Flatt: Wir haben hier ein strukturelles Problem. Die Adaption neuer Technologien bedingt immer auch kulturelle Veränderungen. Dabei gilt es, die Partikularinteressen der einzelnen Stakeholder zu berücksichtigen, zu denen sich jetzt noch diejenigen der E-Health-Serviceprovider gesellen.
Wie wird sich Abraxas künftig in diesem Umfeld positionieren?
Thomas Flatt: Statt in Vorleistungen zu investieren, um möglichst schnell am Markt präsent zu sein, werden wir unsere Kompetenzen mehr und mehr auf Projektbasis einbringen. Damit reduzieren wir zwar mögliche Gewinne in der Zukunft, tragen aber auch weniger Risiko. Diese Strategieänderung müssen wir uns auch für andere Geschäftsbereiche überlegen.
Das heisst, Abraxas forciert vermehrt das Projektgeschäft?
Thomas Flatt: Bislang haben wir uns auf die Entwicklung von Fachapplikationen sowie auf den Rechenzentrumsbetrieb konzentriert. Beides generiert vor allem wiederkehrende Einnahmen. Beratung und Individualsoftwareentwicklung sind noch an einem sehr kleinen Ort, deshalb sehen wir hier auch das grössere Entwicklungspotenzial.
Heisst dies umgekehrt, dass Sie im bisherigen Kerngeschäft kaum noch wachsen können?
Thomas Flatt: Solange wir uns auf Outsourcing-Dienstleistungen für staatsnahe Betriebe konzentrieren, sind die Grenzen zwangsläufig sehr eng gesetzt. Im Prinzip ist dieser Markt gesättigt, teilweise sogar inexistent. Wir beobachten eine grosse Zurückhaltung bei Kantonen und grösseren Kommunen, ihren IT-Betrieb auszulagern.
Hinzu kommt, dass gerade im Infrastrukturgeschäft die Margen sehr unter Druck sind?
Thomas Flatt:
Das stimmt. Um neue Kunden zu gewinnen, ist man nicht selten gezwungen, in Offerten sehr knapp zu kalkulieren. Zudem müssen die grossen Aufträge in unserem Kundensegment nach GATT/WTO ausgeschrieben werden. Als Anbieter hat man dann genau einen Schuss. Ein Nachverhandeln oder eine Abstimmung der Offerte ist nicht möglich. Oft entscheidet der Preis alleine. Dabei könnte man zum Beispiel glaubwürdig aufzeigen, dass eine gewünschte, mit hohen Kosten verbundene Funktionalität gar nicht notwendig ist. Oder umgekehrt, dass eine Preisdifferenz aufgrund eines klar erkennbaren Mehrwerts absolut gerechtfertigt wäre.
Und Cloud Computing wird den Preis jetzt nochmals drücken?
Thomas Flatt: In der Praxis wünschen viele unserer Kunden nach wie vor einen sehr individuellen Service und eine eigene Infrastruktur. Zudem sorgen gesetzliche Auflagen dafür, dass Daten lokal gespeichert werden müssen. Deshalb fokussieren wir als Abraxas stark auf dedizierte, individualisierte Dienstleistungen, die wir wenn immer möglich virtualisiert und als Private Cloud aufsetzen.
Warum nicht eine nationale Private Cloud für staatliche und staatsnahe Betriebe lancieren?
Thomas Flatt: Es gibt zwar Beispiele von öffentlichen Verwaltungen in anderen Ländern, die ihre ganze Office-Kommunikation aus der Cloud beziehen. Dies erscheint mir heute in der Schweiz als nicht realisierbar. Wir haben ein völlig anderes Verständnis, was schützenswerte Daten betrifft. Bei uns muss sich zum Beispiel selbst ein volkswirtschaftlich so attraktiver Service wie Street View den Interessen von einigen wenigen unterordnen.
Dabei könnte die Cloud den Zusammenschluss der kantonalen IT-Betreiber fördern?
Thomas Flatt: Konsolidierungsbestrebungen haben seinerzeit zur Gründung von Abraxas geführt. Die Idee eines überkantonalen IT-Dienstleisters finde ich zwar nach wie vor bestechend, doch ist das Unterfangen an der politischen Realität in unserem föderalistischen System gescheitert. Das müssen wir akzeptieren. Daran kann und wird auch Cloud Computing in absehbarer nichts ändern können.
Übernahmen sind also kein Thema mehr?
Thomas Flatt: Doch, aber nicht in diesem Bereich. Abraxas hat eine gute Grösse, um Übernahmen zu tätigen. Wir sind kein Multi, der sich ein Unternehmen einfach einverleibt. Trotzdem verfügen wir über eine Grösse, die es uns erlaubt, einem KMU oder Start-up stabile Strukturen für den nächsten Wachstumsschritt zu bieten.
Mit dem Verkauf von abx-tax.pro hat aber Abraxas im vergangenen Jahr vor allem desinvestiert – dabei hatte man das Unternehmen erst Ende 2005 übernommen. Was lief schief?
Thomas Flatt: Nichts. Im Markt der Steuerlösungen für Treuhänder gab es letztlich eine Pattsituation zwischen uns und Ringler Informatik, dem Käufer von abx-tax.pro. Wir kamen zum Schluss, dass der Markt nicht gross genug ist, um längerfristig die hohen Entwicklungskosten von zwei Anbietern tragen zu können.
Auf der anderen Seite hat man sich mit der Beteiligung am ISG Institut auf die Finanzierung eines Start-ups eingelassen. Wie passt dieses Abenteuer ins Portfolio von Abraxas?
Thomas Flatt: Beim ISG Institut handelt es sich um ein strategisches Investment. Wir haben bewusst eine Minderheitsposition übernommen. Das Unternehmen soll sich mit einem hohen Selbstständigkeitsgrad selber weiterentwickeln. Die Lösung des ISG Instituts basiert auf einer innovativen Methodik zur Ermittlung des Wertbeitrags von IT-Vorhaben. CIOs befinden sich regelmässig im Argumentationsnotstand, wenn sie den Nutzen ihrer Arbeit belegen müssen. Hier können wir helfen. Zudem gibt es noch einen positiven Nebeneffekt: Das ISG Institut soll auch als Kaderschmiede dienen und uns helfen, neue Talente für die Abraxas Gruppe zu entwickeln.
Dies ist auch nötig. Der "War for Talents" dürfte sich gerade im IT-Umfeld drastisch verschärfen. Aktuelle Studien sprechen von 34’000 fehlenden Fachspezialisten bis 2017. Müssen die Kontingente erhöht werden?
Thomas Flatt: Anders als bei global aufgestellten Schweizer Unternehmen, in denen heute vielfach offiziell englisch gesprochen wird, ist im Kundensegment, für das wir tätig sind, Deutsch Pflicht. Deshalb profitieren wir nicht direkt von einer Erhöhung der Kontingente für ausländische IT-Fachkräfte. Trotzdem brauchen wir den Zustrom dieser Menschen, sonst wird der Wettbewerb um die lokal verfügbaren Fachleute noch härter.
(Das Gespräch führte Thomas Brenzikofer. Fotos: Daniel Boschung. Das Interview erscheint gleichzeitig in leicht geänderter Form auch im Geschäftsbericht von Abraxas.)

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