Exklusiv! Das ist die Bison-Strategie

30. Januar 2015, 16:23
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Weiterer Stellenabbau, schwarze Zahlen ab 2016, ERP-Nischen-Anbieter ausserhalb des Fenaco-Konzerns. Und ja: Wir haben eine "lebende" Bison-Lösung gesehen.

Weiterer Stellenabbau, schwarze Zahlen ab 2016, ERP-Nischen-Anbieter ausserhalb des Fenaco-Konzerns. Und ja: Wir haben eine "lebende" Bison-Lösung gesehen.
Der Mann hat Nerven: Erst stellte sich Michael Buser (Foto) gestern Mittag im Bieler Seeland den kritischen Fragen eines Wirtschaftsjournalisten der Neuen Luzerner Zeitung und des Schreibenden. Kurz nach ein Uhr setzte er sich ins Auto und fuhr nach Sursee, wo er in einer zweistündigen Mitarbeiter-Information den Bison-Leuten Red und Antwort stand und einen weiteren Stellenabbau ankündigen musste. Buser ist CEO des Surseer Software-Herstellers Bison Holding und gleichzeitig Informatik-Chef seines grössten Kunden, des Agro-Konzerns Fenaco. Er hat den Job als Chef des grossen Softwareherstellers als der Fenaco-Konzern notfallmässig 100 Prozent seines wichtigen Softwarelieferanten übernommen hatte, um den Fortbestand der Lösung zu sichern. Grund: Bison hat mit einer fragwürdigen Expansionsstrategie über Jahre rote Zahlen geschrieben und per Ende 2013 einen Schuldenberg von 285 Millionen Franken angehäuft - bei Fenaco.
Bison hat nach einem ersten Stellenabbau im November von 22 Stellen vor allem im Management, Marketing- und Back-Office-Bereich diese Woche weitere 15 Stellen in den operativen Einheiten abgebaut. Die Mitarbeitenden, die ihre Stelle verlieren, werden gemäss Fenaco bei der Suche nach einer neuen Stelle unterstützt und durch Austrittsvereinbarungen sozial abgefedert. Buser betont im Gespräch mit inside-it.ch: "Entwicklerstellen haben wir keine abgebaut." Die Bison Holding – nicht zu verwechseln mit Bison ITS, die nicht zum Fenaco-Konzern gehört – will 2015 mindestens zehn zusätzliche Entwickler einstellen.
Die gute Nachricht von Buser: Fenaco hält an der Zukunft von Bison und auch am Entwicklungsstandort Sursee fest. Das Know-How der Mitarbeitenden in Sursee sei "wertvoll", was die Luzerner Kleinstadt zum attraktiven Standort mache, so Fenaco. Nach dem erneuten Stellenabbau diese Woche soll die Talsohle nun erreicht sein. Buser ist überzeugt, mit der neuen Konstellation 2016 schwarze Zahlen erreichen zu können. Bei der Bison Holding werden in Zukunft rund 280 Mitarbeitende beschäftigt sein, wovon ungefähr 200 Mitarbeitende bei Bison Schweiz, dem Hersteller der Business Software Bison Process. Die anderen sind bei Bison Deutschland, bei europa3000 und bei Bison Marketstream beschäftigt.
Bison bleibt als Nischenanbieter im Dritt-Markt
Wie Buser gestern erläuterte, wird man Bison Process weiterhin auch ausserhalb des Fenaco-Konzerns an Dritte anbieten. Allerdings hat man sich von der Idee verabschiedet, SAP oder Microsoft konkurrenzieren zu können. Bison will ein ERP-Nischenanbieter sein und ist als solcher auch bereits heute im Markt präsent. So hat die Recycling-Firma Ruag Environment Bison per Januar 2015 erfolgreich eingeführt. Weitere Nischenmärkte, die Buser anpeilt, sind Pflanzenbau, Futtermittel, Wein und Getreidehandel.
Insgesamt gibt es aktuell 15 Drittkunden von Bison Process, so Buser. Dazu kommen je rund 40 Anwender von Bison Process für IBMi (früher alpha.px2) und der Lösung Bison Process Retail, die von der 2013 übernommenen deutschen Firma maxess stammt.
"Modernisieren"
Bison Process ist heute eine fertige Lösung. Sie wird seit 2011 bei Landi Schweiz erfolgreich eingesetzt, wie wir uns gestern mit einem Blick auf die laufende Software überzeugen konnten. Landi Schweiz ist die zentrale Marketing-, Einkaufs- und Logistik-Firma der rund 200 Landi Genossenschaften. Sie macht mit rund 400 Mitarbeitenden einen Umsatz von 1,3 Milliarden Franken.
Man versteht nach einem Gespräch mit IT- und Logistik-Spezialist Simon Hochuli von Landi Schweiz, warum Fenaco nach der Jahrtausendwende entschieden hatte, eine eigene Lösung zu entwickeln. Denn der Landi-Konzern ist in seiner Komplexität wohl einmalig. So handelt die Landi-Zentrale mit völlig unterschiedlichen Produkten und Eigenmarken vom Heizöl über Futtermittel bis zu Whirlpools, hat mit mehreren komplexe Logistikprozesse wie "Crossdocking" zu tun und muss - um nur ein kleines Beispiel zu nennen - den komplizierten Umgang mit Gefahrengut abbilden können.
Die Einführung von Bison Process bei Landi Schweiz muss ein schmerzhafter und auch teurer Prozess gewesen sein. Statt wie ursprünglich erhofft 2005, war die Lösung erst 2011 einsetzbar. Auch war der Entscheid, die Einführung von Bison bei der grössten und komplexesten Landi-Organisation zu beginnen, wohl falsch.
Und auch heute sind noch nicht alle Probleme mit der Software restlos beseitigt. Bison werde nun in die weitere "Modernisierung" der Lösung investieren, sagte Buser gestern. Das stellt der alten Führung kein gutes Zeugnis aus.
Hochgeschwindigkeits-ERP-Einführung bei den Landi Genossenschaften
Nachdem sich der Fenaco-Konzern gegenüber den Fragen von inside-it.ch lange bedeckt gehalten hat, hat man sich nun gestern um Transparenz bemüht. Wir konnten nicht nur den Einsatz von Bison Process bei Landi Schweiz anschauen, sondern auch die Einführung der Lösung bei einer einzelnen der 200 "Landis". Während sich die Einführung der Software bei der Zentrale um Jahre verzögert hat, werden die Genossenschaften nun eindrücklich schnell auf die neue IT-Plattform migriert.
So zeigte uns Finanz- und Informatik-Chef Martin Weber von der Landi Seeland AG, immerhin eine 100-Millionen-Franken-Firma, wie sie Bison Process eingeführt hat. Auch Landi Seeland ist äusserst komplex, denn sie ist beileibe nicht nur Detail- und Treibstoffhändler, sondern auch Kunde der Bauern, deren Produkte sie vermarktet und die sie berät. Die Aktiengesellschaft macht ungefähr 100 Millionen Franken Umsatz, hat 107 User des ERP-Systems, ungefähr 32'000 Artikel und macht etwa 30'000 Kundenrechnungen pro Jahr. Die völlig unterschiedlichen Produkte, die man den Bauern liefert, werden auf jede mögliche und unmögliche Art geliefert und verrechnet und ähnlich kompliziert sind die umgekehrten Prozesse, wenn die lokale Landi die Ernten der Bauern vermarktet. Die Informatik von Landi Seeland wurde im November 2013 komplett bei Landi Schweiz zentralisiert - der 100 Millionen-Betrieb beschäftigt heute keinen einzigen Informatiker.
Bison Process wurde in gerade mal vier Monaten eingeführt, ohne dass ein Laden deswegen je geschlossen wurde. Die Warenwirtschaft war nur ein Tag lang nicht verfügbar und der Finanzchef hatte den ersten provisorischen Abschluss diese Woche auf dem Tisch.
Bison hat einen akribischen Einführungsprozess entwickelt, der nun auf alle der rund 200 Landi-Genossenschaften, die ihr uraltes aber raffiniertes Win3000 ablösen wollen, angewendet wird. Mit Bison Process kann man nicht nur Prozesse mehr abbilden, die man bisher "von Hand" abwickeln musste, sondern hat vor allem auch eine Lösung, die man nun weiterentwickeln kann.
Volg: Nur noch Dynamics AX und SAP im Rennen
Bison ist aber für Fenaco offensichtlich keine "heilige Kuh" (mehr?). Je nach Anforderungen scheut sich der Konzern nicht, andere Lösungen zu kaufen - und kommuniziert dies nun auch. So befindet sich die Detailhandelskette Volg in einen Evaluationsprozess. Wie Buser sagte, sind Dynamics NAV und Bison Process im Rennen um den Deal ausgeschieden. Entschieden wird nun noch zwischen SAP und Dynamics AX.
Auch andere Fenaco-Firmen, zum Beispiel der Fleischverarbeiter Ernst Sutter und der Getränkeproduzent Ramseier setzen SAP ein. Davon, dass Bison Process eine Lösung für alle Firmen des Milliarden-Konzerns Fenaco sein soll, spricht heute niemand mehr.
Andere Fenaco-Firmen, die heute noch alte Lösungen einsetzen, sollen nun Schritt für Schritt mit Bison Process ausgerüstet werden. Wie Fenaco-Sprecher Hans Peter Kurzen sagt, hat man dies erfolgreich beim Gemüsehändler Steffen-Ris und beim Bereich Pflanzenschutz in Sursee gemacht. Der Geschäftsbreich GOF (Getreide, Ölsaaten, Futtermittel) seinerseits hat Bison Process Trading eingeführt. Diese Lösung stammt aus der Übernahme des deutschen Herstellers Marketstream.
Welche Zukunft für Europa3000?
Fraglich scheint uns die Zukunft von Europa3000 innerhalb von Bison. Bison hatte den KMU-Spezialisten im Jahr 2004 übernommen. Europa3000 ist ein umfangreiches Software-Paket für KMU und passt weder in den Fenaco-Konzern noch zu Bison.
Buser hält sich bedeckt. Europa3000 arbeite "kostendeckend". Wenn er aber ein interessantes Angebot für den KMU-Softwarehersteller habe, werde er dieses prüfen, so der Bison-Chef. Ein klares Bekenntnis zu einem Produkt tönt anders. (Christoph Hugenschmidt)
Lesen Sie auch unseren Kommentar: Von Bauern, Büffeln und verlochten Millionen.

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