Exklusiv! HP und das ethische Gewissen

6. März 2007, 15:24
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Im Gespräch mit inside-it.ch erläutert die HP-Managerin für soziale und ökologische Fragen, Bonnie Nixon-Gardiner, wie HP die schlechten Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten der Elektronik-Industrie verbessern will.

Im Gespräch mit inside-it.ch erläutert die HP-Managerin für soziale und ökologische Fragen, Bonnie Nixon-Gardiner, wie HP die schlechten Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten der Elektronik-Industrie verbessern will.
Die Dame von Hewlett-Packard spaziert durch die Gänge der Fabrik eines Zulieferers und wundert sich, wieso alle 2000 Angestellten so krumm und weit nach vorne gebeugt auf den Stühlen sitzen. Sie spricht den Verantwortlichen der Fabrik an und sagt: "Ich glaube, Sie sollten ihren Angestellten beibringen, dass diese Haltung nicht gesund ist." Vier Minuten später kann sie beobachten, wie alle Fabrikarbeiter wie per Knopfdruck eine anatomisch korrekte Haltung einnehmen.
Die Anekdote erzählte Bonnie Nixon-Gardiner (Bild). Sie ist bei HP als Global Program Manager für die ethischen, sozialen und ökologischen Aspekte der Beschaffungskette verantwortlich. In diesen Tagen ist sie wieder einmal in der Schweiz, um HPs Sicht der Dinge betreffend Arbeitsbedingungen in Niedriglohnländern darzulegen. Mit der obigen Geschichte will sie illustrieren, welchen Einfluss HP auf die Arbeitsbedingungen bei eigenen Zulieferern hat.
"High Tech – No Rights?"
Das Thema wurde vergangene Woche wieder aktuell, als die drei christlichen Hilfswerke 'Brot für alle', 'Partner sein' und 'Fastenopfer' die Kampagne "High Tech – No Rights?" gegen die Ausbeutung von Menschen bei der Herstellung von Computern lanciert haben. Den PC-Herstellern HP, Dell, Acer, Apple und Fujitsu Siemens wird vorgeworfen, mit Lieferanten zusammenzuarbeiten, die ihre Angestellten regelrecht ausbeuten. Seit einigen Jahren machen verschiedene Nichtregierungsorganisationen (NGOs) auf dieses Problem aufmerksam.
Wenn PC-Hersteller kritisiert werden, dann trifft die Kritik vor allem auch den momentan grössten Player HP, obwohl das Unternehmen gemäss unabhängigen Studien gute Fortschritte macht. Doch Nixon-Gardiner hat trotzdem einige Argumente in der Schublade, um den Vorwürfen zu begegnen. In den vergangenen drei Jahren habe HP 300 Audits bei Zulieferfirmen (Foxconn, Flextronics, Jabil und wie sie alle heissen) durchgeführt. Und man habe dabei durchaus Einfluss (wie obiges Beispiel illustrieren soll) auf die Arbeitsbedingungen in China, Taiwan, Singapur, Vietnam und überall dort, wo die grössten Hersteller von PC-Komponenten zuhause sind.
Ein Industriekodex verspricht Besserung
Die Managerin verweist auch auf den Industriekodex EICC (Electronics Industry Code of Conduct), der zwar erst in der zweiten Jahreshälfte 2004 eingeführt wurde, aber laut Nixon-Gardiner die meisten grossen PC-Brands und Zulieferer dazu gebracht hat, Umwelt- und Sozialaspekte zu berücksichtigen. HP zählt wie Dell, IBM, Flextronics, Celestica, Jabil, Sanmina SCI und Solectron zu den Initianten dieses Kodex. Später kamen auch Firmen wie Intel, Cisco, Microsoft und Sony hinzu. Heute sind es bereits 26.
Doch bis dato scheint sich noch nicht viel geändert zu haben. Eine aktuelle Tabelle von HP zeigt, dass nur ein sehr kleiner Anteil von Zulieferern die EICC-Richtlinien befolgt. Die Frage stellt sich, wie stark die Zulieferer an einer Änderung ihrer Arbeitsbedingungen interessiert sind. HP sagt, man verhandle mit den Herstellern und versuche ihnen beizubringen, dass sie – wenn sie diese Richtlinien befolgen – im Nachhinein eine effizientere Unternehmensstruktur mit zufriedenen Angestellten hätten, die in einer sicheren und gesunden Umgebung arbeiten können, was wiederum zu mehr Profit führen soll. Dass solche Änderungen anfänglich auch kostspielig sind, und sich dieser Aspekt auf die Preise niederschlägt, die HP den Zulieferern bezahlt, stellt laut Nixon-Gardiner kein Problem dar. Man müsse investieren, wenn man Qualität erreichen wolle. Menschenwürdige Arbeitsbedingungen seien nicht ein "nice to have", sondern geradezu eine Voraussetzung für eine effiziente und effektive Produktionsstätte.
Bereits in den neunziger Jahren begannen HP und andere Industriegrössen, die Produktion von PC- und Drucker-Teilen auszulagern. Wieso wurde dieser menschenfreundliche Code erst vor weniger als drei Jahren eingeführt? Laut HP hängt dies direkt mit der Tatsache zusammen, dass erst um die Jahrtausendwende China als attraktives Outsourcing-Land erkannt wurde. Kurze Zeit später wurden die Arbeitsbedingungen im Westen lautstark kritisiert. 2001 hatte HP einen eigenen Code of Conduct, zwei Jahre später fing der konstruktive Dialog mit NGOs an. Anfänglich wollte jede Partei einen eigenen Code einführen. "Dass jetzt der EICC von den grössten Herstellern unterstützt wird, ist ein gutes Zeichen", meint Nixon-Gardiner.
Die Kritik von Greenpeace
Ein wichtiger Aspekt in Sachen PC-Produktion ist der Umweltschutz. Greenpeace hat in der Vergangenheit mehrmals auf die Verwendung von giftigen Stoffen bei der PC-Produktion hingewiesen. Die Umweltschutzorganisation wird wahrscheinlich noch lange nicht mit den Bemühungen der grossen PC-Hersteller zufrieden sein. Aber was HP betrifft, hat sich die Lage in den vergangenen Jahren etwas verbessert. Im Vergleich sind Lenovo, Motorola, Acer und Apple richtige Umweltsünder.
Hier hat sich aber auch seit einer Direktive der EU (RoHS) im Juli 2006 einiges geändert. Sechs giftige Chemikalien – darunter Quecksilber, Kadmium und Polybrombiphenyl – dürfen nicht oder nur noch in festgelegten kleinen Mengen verwendet werden. HP hat diese Richtlinien nach eigenen Aussagen bereits weltweit angewendet.
Ihre Vision: Fair Trade Computer
Für Nixon-Gardiner ist auch ein anderer Aspekt wichtig: Das Training der Angestellten. Es bringe nicht viel, einfach Arbeitsrichtlinien durchzusetzen, die für die Angestellten nicht viel Sinn machen. Die Leute in China und anderswo sollen verstehen, wieso es wichtig ist, die richtige Kleidung, Handschuhe, Schutzbrillen oder Ohrenschutz zu tragen. Man stosse hierbei oft auch auf kulturelle Grenzen, die überwunden werden müssten.
"Es ist eine Reise", sagt Nixon-Gardiner. Sie würde gerne sagen, die Probleme, die sie seit ihrer Ankunft bei HP vor neun Jahren zu beseitigen versucht, nächstes Jahr gelöst seien. Aber sie will nicht utopisch sein. Ein solcher Prozess sei nie wirklich abgeschlossen.
Ein wichtiges Glied in der Kette sei der Endverbraucher, sagt die Managerin. Wenn der Konsument bewusst Produkte kaufe, die mit fairen Mitteln produziert wurden, könne er einen erheblichen Beitrag leisten. Ihre Vision sei es, eine "Fair Trade"-Marke, wie sie schon seit Jahren für Nahrungsmittel existieren, für Elektronik-Produkte einzuführen. Nach Meinung von Experten dürfte es mindestens noch ein halbes Jahrzehnt dauern, bis der "faire Computer" auf dem Markt sein wird. Aber Nixon-Gardiner ist zuversichtlich und zitiert ein chinesisches Sprichwort: "Hohe Berge erklimmt man in keinen Schritten." (Maurizio Minetti)

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