Exklusiv! Neue Kontroverse um öffentliche SW-Ausschreibung

15. Januar 2010, 16:20
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Bis zu 290 Gemeinden wollen neue Software beschaffen. Doch der wichtige Anbieter von Gemeindesoftware, NEST / Abacus, wird kein Angebot einreichen. Die Hintergründe.

Bis zu 290 Gemeinden wollen neue Software beschaffen. Doch der wichtige Anbieter von Gemeindesoftware, NEST / Abacus, wird kein Angebot einreichen. Die Hintergründe.
Eigentlich sollten sich alle auf Gemeindelösungen spezialisierten Anbieter nach diesem Auftrag die Finger lecken: Der Verein SSGI (Schweizerische Städte- und Gemeindeinformatik) evaluiert in einer öffentlichen Ausschreibung eine neue Lösung für bis zu 290 Gemeinden (!) aus den Kantonen Luzern, Aargau, Schaffhausen, Obwalden/Nidwalden, Bern und Appenzell-Ausserrhoden. Ziel der Ausschreibung ist die Beschaffung topmoderner, auf einer serviceorientierten Architektur (SOA) aufbauenden Software für das Rechnungswesen und die Einwohnerkontrolle. Die Lösungen müssen insbsonders vollständig den Standards von eCH entsprechen und den medienbruchfreien Datenaustausch zwischen Gemeinden, Kantonen und Bund ermöglichen.
Die Ausschreibung wird durch das Informatik-Leistungszentrum (ILZ) der Kantone Ob- und Nidwalden durchgeführt, der SSGI wird den Gewinner der Mega-Ausschreibung bis Mai 2010 küren. Offerten können bis zum 22.1.2010 eingereicht werden.
NEST / Abacus macht nicht mit
"Es handelt sich um die grösste Ausschreibung im Kommunalbereich", heisst es in einem vierseitigen Papier des SSGI. Trotzdem wird mit NEST / Abacus einer der wichtigsten Anbieter von Gemeindesoftware kein Angebot einreichen, wie wir dem E-Mail-Newsletter von NEST entnehmen. Obwohl NEST / Abacus die fachlichen Anforderungen "fast ausnahmslos" erfülle und auch in Sachen "E-Government und HRM2 bestens gerüstet" sei, sei man zusammen mit den Partnern OBT, Talus, BDO und Transform "zum Entscheid gekommen, nicht an der Ausschreibung teilzunehmen", heisst es da.
SSGI verlangt Miteigentum an der Software
Grund dafür ist, dass SSGI von den Software-Anbietern ein Miteigentum an der Software verlangt. Wer diese Bedingung nicht erfüllt, wird schlechter bewertet. Damit stellt das ILZ das Geschäftsmodell von Software-Herstellern, die nicht zum Open-Source-Lager gehören, faktisch in Frage.
Begründet wird die Bedingung damit, dass der SSGI sowie die Kantone Obwalden, Nidwalden und Appenzell-Ausserrhoden "kostenlos Fachpersonal zur Definition der notwendigen Anforderungen" bereitstelle.
Diese Bedingung sei für NEST / Abacus nicht akzeptabel, denn sie stelle nicht nur ihr Geschäftsmodell in Frage, sondern würde auch "die unternehmerischen Freiheiten etwa im Bereich der Produkte- und Entwicklungsplanung zu stark einschränken," heisst es im Newsletter von NEST. "Miteigentum am Source Code zu verlangen, geht entschieden zu weit. Die Software von NEST / Abacus wurde in den letzten 10, 15 Jahren entwickelt. Sie existiert real und funktioniert." so Abacus-Marketingleiter Thomas Köberl auf Anfrage.
"Für Gemeinden existenzielle Kernapplikationen"
SSGI-Präsident Lukas Fässler wollte auf unsere Fragen erst keine Stellung nehmen, da es sich um eine laufende Ausschreibung handle, begründete die Forderung nach Miteigentum an der Software dann aber doch. "Es geht um Kernapplikationen, die für Gemeinden existenziell sind. Da ist man nicht gerne auf eine private Firma angewiesen, die eventuell einmal andere Prioritäten hat." Ausserdem, so Fässler, verlange der SSGI keine ausschliesslichen Eigentumsrechte an der Software, sondern schlage ein partnerschaftliches Modell vor.
Mehr Sicherheit oder grössere Risiken für Gemeinden?
Spricht man mit den Beteiligten, so spitzt sich die Kontroverse auf die Frage zu, ob eine solche moderne Lösung bereits existiert, oder ob sie neu entwickelt werden muss. Ist letzteres der Fall, so kann die Forderung der SSGI Sinn machen, da es sich bei der Ausschreibung um eine Neuentwicklung mit all ihren Risiken handeln würde.
Genau dies bestreiten etablierte Anbieter aber, so Thomas Peterer von NEST: "In der Ausschreibung werden etablierte Anbieter nicht gleich wie neue behandelt. Wenn man auf die Bedingung nach Miteigentum nicht eingehen würde, müsste man die von den Gemeinden und dem SSGI im Projekt gestellten Fachleute bezahlen. Doch wir haben eine etablierte Standardlösung und kennen die Prozesse. Neuerungen, solange es sich nicht um neue Module handelt, werden von uns innerhalb der normalen Wartungsgebühr entwickelt."
Tatsächlich arbeiten bei der Entwicklung der eCH-Standards, die von der "neuen" Gemeindesoftware eingesetzt werden müssen, nicht nur Leute aus den Gemeinden, sondern auch solche von Anbietern wie eben NEST und Abacus mit.
Hohe Anforderungen aber keine verpflichtende Nachfrage
Die Anforderungen der Ausschreibung an die neue Gemeindesoftware sind hoch, sollen die neuen Lösungen (Finanzen und Einwohnerkontrolle) doch auf einer neuen, standardisierten SOA-Referenzarchitektur aufbauen und sowohl als Miet-Online-Lösung im SaaS-Modell wie auch vor Ort betreibbar sein. Die wenigsten der heute im Markt verfügbaren Gemeindelösungen dürften diese Anforderungen erfüllen.
Trotzdem gibt es in der Ausschreibung keinerlei Garantie dafür, dass auch tatsächlich alle der ungefähr 290 Gemeinden, deren Informatik-Verbände beteiligt sind, die neue Lösung kaufen werden. So heisst es in den Ausschreibungsunterlagen, die inside-it.ch vorliegen, ausdrücklich: "Die Anbieter werden darauf aufmerksam gemacht, dass allenfalls nicht zwangsläufig bei allen Mitgliedern des Vereins SSGI sowie bei den teilnehmenden Kantonen eine Bestellung der gesamten evaluierten Produkte oder Dienstleistungen aus dieser Ausschreibung erfolgen wird."
Die meisten, nämlich über 100 der beteiligten Gemeinden setzen heute die Lösung GeSoft von Ruf Informatik ein. Über 30 der Gemeinden haben NEST / Abacus im Einsatz, 18 arbeiten mit Dialog, 15 mit W&W von Ruf. "Die Gemeinden, die unsere Lösung einsetzen, werden nicht wechseln wollen," so Peterer von NEST.
Autonomie versus Risiko
Die Ziele der Ausschreibung der SSGI sind hoch: "Die Ausschreibung schafft Synergiepotenziale für die Zukunft sowie eine wesentlich bessere Autonomie und Selbstbestimmung im Bereich künftiger Informatik-Programmentwicklungen," heisst es im Papier des Vereins SSGI. Doch die völlige Neuentwicklung einer Lösung, auf die die Ausschreibung hinzuzielen scheint, birgt auch Risiken bis hin zum ergebnislosen Projektabbruch wegen Nichteinhaltung von Budget oder Terminplänen.
Die Grösse der Auschreibung - es geht um viele Millionen Franken jährlich - wie auch die ungewöhnlichen Anfordungen an die Anbieter scheint sie zu einem heiklen Thema zu machen. So publizierte der SSGI auf unsere blosse telefonische Anfrage hin eine Stellungnahme auf seiner Webseite. Und Stefan Fellmann vom NEST-Konkurrenten Dialog beantwortete unsere mehrfachen Anfragen um Rückruf nicht. (Christoph Hugenschmidt)
(Interessenbindung: Abacus ist als "Gold Sponsor" ein wichtiger Kunde und Partner unseres Verlags.)

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