Exklusiv! Ramco und Ex-Kunde Kardex im Clinch

21. November 2006, 14:55
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Obwohl in einer Fallstudie von einer Fachhochschule als vorbildlich gepriesen, scheiterte das Ramco-Projekt bei Kardex KRM spektakulär - nun streiten sich die Anwälte.

Obwohl in einer Fallstudie von einer Fachhochschule als vorbildlich gepriesen, scheiterte das Ramco-Projekt bei Kardex KRM spektakulär - nun streiten sich die Anwälte.
Noch 2004 wurde die Einführung des ERP-Systems "Ramco Enterprise Series 4.1" von der eXperience! der Fachhochschule Nordwestschweiz für würdig befunden, in einer Fallstudie verewigt zu werden. Wer hingegen auf der Webseite des indisch-baslerischen Herstellers Ramco nach Hinweisen auf das Kardex-Projekt sucht, findet nichts. Kein Wunder: Das Projekt ist mit Pauken und Trompeten gescheitert - Kardex und Ramco beschäftigen unterdessen ihre Anwälte. Andreas Heinz, CIO von Kardex KRM schrieb uns in einem Mail gar: "Kardex und Ramco klären ihre Differenzen auf gerichtlichem Weg."
"Nicht fertig" oder "andere Erwartungshaltungen"?
In dem Projekt hätte Ramco Enterprise Series beim Hersteller von Lagersystemen als zentrales, webbasiertes System für den Vertrieb, als Produktekonfigurator und als Bindeglied zu zwei unterschiedlichen PPS-Systemen (Produktonsplanung- und -Steuerung) eingesetzt werden sollen. Ziel: Senkung der IT-Kosten der Divison KRM von Kardex um 35 Prozent.
Doch die Sache zögerte sich heraus. Das Projekt wurde erst um ein Jahr verschoben, dann ganz aufgegeben. Heinz: "Im Laufe des Projektes musste Kardex feststellen, dass das von Ramco angebotene Produkt zum Zeitpunkt der Implementierung bei Kardex nicht fertig entwickelt war und in weiten Teilen nicht den Anforderungen eines europäischen Marktes gerecht wurde. Kardex musste feststellen, ein Produkt bestellt zu haben, welches zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses sowie während der gesamten Projektdauer nicht existierte und in keiner Art und Weise dem Pflichtenheft entsprach."
Natürlich sieht man die Sache bei Ramco in Basel anders. Ramco-Sprecher Lars Frutig zu den Gründen für die Terminverschiebungen: "Die Gründe für die Verschiebungen waren sehr vielseitig. Hauptgrund waren aber die kontinuierlichen ad-hoc Änderungswünsche - abweichend von der ursprünglichen Spezifikation -, die zu erheblichen Verzögerungen führten. Allerdings wurden diese zusätzlichen Wünsche in regelmässigen Projektsitzungen besprochen und die Go-Live Termine entsprechend immer in gegenseitigem Einvernehmen verschoben." Ramco habe feststellen müssen, dass "unterschiedliche Projekt-Mitarbeiter andere Erwartungshaltungen hatten," so Frutig.
Auf den Vorwurf, Ramco Enterprise Series 4.1. sei damals (ab Sommer 2004) "nicht fertig gewesen", erwidert Frutig, dass sämtliche andere Kunden, die sich für diese Version entschieden hätten, unterdessen damit live gegangen seien.
Gutachter und Anwälte...
Zur Zeit streiten sich die Anwälte darüber, wer am Debakel schuld ist und entsprechend haftet. Heinz zitiert aus einem Gutachten, das sich mit der Ramco-Lösung, die als Pilot bei Kardex Austria installiert wurde, befasst. Das Gutachten lässt kein gutes Haar an der Lösung: "...musste festgestellt werden, dass die Installation von Ramco bei der Kardex Austria nach wie vor erhebliche Mängel aufweist. Diese scheinen so gravierend zu sein, dass der Erfolg einer produktiven Inbetriebnahme der per 31.01.06 installierten Software ernsthaft bezweifelt werden muss." Frutig seinerseits sagt, Ramco habe das Gutachten "zur Kenntnis genommen, könne es aber "nicht sinnvoll" kommentieren.
Kommen die Anwälte nicht zu einer Einigung, so wird sich wohl ein Richter mit der kompexen Materie beschäftigen müssen - noch mehr Futter für die Gutachter.
Köpferollen und eine Fallstudie bei eXperience
Sowohl bei Ramco wie auch bei Kardex sind unterdessen einige der beteiligten Leute nicht mehr an Bord. Ramco-Geschäftsführer Eren Kangeldi ging im Januar 2006, und Projektleiter Andreas Heinz wechselte vom Anbieter zum Kunden.
Wer die Kardex-Ramco-Story im Internet recherchiert, stösst vor allem auf eines: Eine Fallstudie der E-Business-Experten von "eXperience", des Competence Center E-Business Basel der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Für Ralf Wölfle von "eXperience" war die Info neu, dass das Kardex-Ramco-Projekt in einem Desaster endete. Seine Gruppe erarbeite die Fallstudien aufgrund der Informationen der Beteiligten zum Stand eines Projektes zum Zeitpunkt, an dem die Studie entsteht, sagt Wölfle. Eine "eXperience"-Fallstudie garantiere also nicht, dass ein Projekt auch wirklich ein Erfolg werde und alle Anforderungen erfüllt werden. Man habe das Ramco-Kardex-Projekt Anfang 2004 ausgewählt und das Projekt und die geplanten Prozesse zu damaligen Stand der Dinge beschrieben. Daraus könnten Leser auch heute noch profitieren.
Unsere etwas spitze Vermutung, dass die sehr positive Studie der "eXperience" damit zu tun hat, dass Ramco als Sponsor der Veranstaltung auftrat, lehnt Wölfle entschieden ab: "Wir haben acht Sponsoren und können gar nicht auf einzelne von ihnen Rücksicht nehmen." Trotzdem fügt er noch hinzu: "Wenn uns die Verzögerungen im Projekt im Voraus bekannt gewesen wären, hätten wir die Fallstudie nicht gemacht."
Für den unabhängigen Beobachter bleibt trotzdem ein schales Gefühl: Die Fachhochschule Nordwestschweiz veröffentlicht offenbar Fallstudien zu E-Business-Projekten, von denen macht nicht weiss, ob die Ziele auch erreicht wurden oder ein Projekt auch nur umgesetzt wurde. (Christoph Hugenschmidt)

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