Falks Fakes

14. Januar 2005, 18:01
  • kolumne
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Protokoll einer Sitzung

Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht:
Im 'Cash' von gestern gibt es einen exklusiven Vorabdruck aus dem Buch "Der 800-Millionen-Jackpot" von Sandra Willmeroth. Das Buch befasst sich mit dem Aufstieg und Fall des Internet-Milliardärs Alexander Falk (Distefora), dessen Strafprozess zur Zeit in Hamburg läuft. Das Buch erscheint am nächsten Dienstag beim Orell Füssli Verlag.
'Cash' druckt in voller Länge ein Protokoll einer interessanten Sitzung (natürlich ein "Kick-off-Meeting") vom 19. September 2000 ab. An der Sitzung nahmen Alexander Falk, ein Verwaltungsrat und der Chefbuchhalter der Ision AG, drei Geschäftsführer von weiteren Distefora-Tochterfirmen sowie ein Wirtschaftsprüfer teil. Es ging um die Distefora-Tochter Ision, ein ISP-Konglomerat, das Falk zusammengekauft, an die Börse gebracht und später an die britische Energis zu einem völlig überrissenen Preis verkauft hatte.
Falks Distefora-Holding war damals in der Schweiz börsenkotiert, die Tochter Ision war im März an den deutschen "Neuen Markt" gebracht worden und hatte zweitweilig einen Börsenwert von 2,3 Milliarden Franken. Falk und seine Geschäftsfreunde schwammen also in (zumeist) virtuellem Geld, das aber rasch schrumpfen würde, wenn die kommunizierten Umsatz- und Ertragsziele nicht erreicht würden. Und genau dies drohte: Es war klar, dass Ision die Umsatzziele verfehlen würde. Das Kartenhaus wankte.
Was tun?
Also galt es, die angekündigte Umsätze des Providers um jeden Preis zu erreichen. Die illustre Runde beschloss zu diesem Zweck den "externen Strang" und den "internen Strang" zu verwenden. Der "externe Strang" ging so:
  1. Distefora erteilt "befreundeten" Firmen Aufträge, bezahlt diese und versorgt sie so mit Geld.
  2. Ision macht Umsatz.

Selbstverständlich hatte dies alles unter dem Mantel der Verschwiegenheit zu erfolgen: "AF erklärt, dass die Produktion von unnötigen Unterlagen zu unterlassen ist..." heisst es in dem Protokoll. Und die "Umsätze" waren "rückwirkend in die Buchhaldung von Ision zu integrieren".
Böser, böser Falk?
Das Spiel hat funktioniert. Im Dezember 2000 gelang es Falk, Ision an Energis für über eine Milliarde Franken (davon 300 Millionen in Cash) zu verkaufen. Der Käufer Energis geriet weniger später in massive Schwierigkeiten, Distefora und Ision sind verschwunden.
Alexander Falks steht in Hamburg unter anderem wegen Betrug vor Gericht. Im schlimmsten Fall wird er noch mehrere Jahre hinter Gittern bleiben. Doch ist er, der einmal Hauptaktionär einer vom Zürcher "New Market" mit 5,1 Milliarden Franken bewerteten Firma war, der alleinige Bösewicht? Oder war er in einem von vielen anderen mitgeträumten Traum gefangen und konnte nicht mehr raus?
Immerhin bewerteten seriöse Bankanalysten im Februar 2000 das damalige Geschäft von COS mit gebrauchten Computern (Auctionline) mit potentiell 200 Millionen Franken. Auch Auctionline gibt es heute nicht mehr... (Christoph Hugenschmidt)
Quellen: Cash vom 13.1.2005, div. Ausgaben von 'Finanz & Wirtschaft' 1999 und 2000.

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