"Falsche Bescheidenheit" in der Schweizer Software-Industrie

20. Oktober 2011, 15:04
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Geri Moll, CEO der eben preisgekrönten Noser Engineering, über den Schweizer Franken, den Export von Schweizer Software und disruptive Technologien.

Geri Moll, CEO der eben preisgekrönten Noser Engineering, über den Schweizer Franken, den Export von Schweizer Software und disruptive Technologien.
Wo Android drauf steht, ist Schweizer Software drin. Denn die Winterthurer Noser Engineering hat im Auftrag von Google an Android mitgearbeitet und etwa einen Drittel des Codes des Smartphone- und Tablet-Betriebssystems geschrieben. Dass das neben iOS wichtigste neue Betriebssystem der letzten Jahren auch in der Schweiz entwickelt wird, ist allerdings ein Geheimnis.
Swiss made Software hat für das eben erschienene Buch zur Schweizer Software-Industrie im Bereich "Champions" (etablierte Firmen) gekrönt.
'Noser Engineering heisst: Technologie – Lebensfreude – Leistung'. So steht es auf Ihrer Website. Es gibt wenige Unternehmen, die sich Lebensfreude auf die Fahne schreiben.
Geri Moll: Jedes Unternehmen braucht seine Philosophie. Wir sind überzeugt, dass der Mensch nur dann leistungsfähig sein kann, wenn er mit sich selbst in Einklang steht. Dafür braucht es neben der Arbeit auch einen Ausgleich. Man muss und soll das Leben geniessen können, dann hat man auch Freude an der Arbeit. Und Freude an der Arbeit ist die beste Motivation. Das Ziel eines Unternehmens kann es deshalb gar nicht sein, sechzehn Stunden am Tag zu arbeiten.
Dabei gilt doch gerade Informatik als Stressjob?
Geri Moll: Ich beneide manchmal den Lokführer: Denn im Gegensatz zu ihm können wir unsere Arbeit mit nach Hause nehmen und tun das eben auch meist. Es ist für einen Entwickler tatsächlich schwierig, abends abzuschalten. Ein ungelöstes Problem lässt einen nicht schnell los. Aber ich glaube nicht, dass das berufsspezifisch ist. Viele Berufe haben heute diese Eigenheit.
Was die Arbeitgeber dann auch schamlos ausnützen könnten?
Geri Moll: Informatiker gehören schon zu der Sorte von Berufsleuten, die um 22 Uhr mal kurz vom Bildschirm aufschauen, um erstaunt festzustellen, dass sie nicht alleine da sitzen. Wir bemühen uns deshalb auch, hier eine etwas andere Kultur vorzuleben. Ich plädiere dafür, dass man bei der Arbeit Freude hat, begeistert und begeisterungsfähig ist. Dann spielt es nämlich auch keine Rolle, ob man 45 oder 60 Stunden arbeitet.
Der überbewertete Kurs des Frankens macht der Exportindustrie zu schaffen. Gibt es überhaupt noch eine Möglichkeit, Swiss made Software im Ausland zu vermarkten?
Geri Moll: Unsere Strategie muss sein, auf das zu setzen, wofür die Schweiz schon immer eingestanden ist: Qualität, Qualität und Qualität. Bislang waren wir 30 Prozent teurer, jetzt sind es mehr als 50 Prozent. Argumente dafür zu finden, warum dieser Aufpreis gerechtfertigt ist, ist in der Tat nicht ganz einfach.
Auch weil qualitativ hochstehende Software überall in der Welt entwickelt werden kann, oder gibt es ein Alleinstellungsmerkmal, für das auch ein Aufpreis bezahlt wird?
Geri Moll: Einzigartig sind wir nicht, aber ein gewisser Goodwill liegt drin. Dafür muss man jedoch das Maximum an Zuverlässigkeit und Qualität liefern. Wenn das Kostenargument nicht im Zentrum eines Projekts steht, dann ist die Schweiz absolut wettbewerbsfähig. Erhält nämlich der Kunde für 50 Prozent mehr Kosten 100 Prozent mehr Leistung, geht seine Rechnung letztlich wieder auf.
Ist deshalb Google mit dem Android-Projekt bei Noser Engineering gelandet?
Geri Moll: Sicher darf man es als Auszeichnung für den ICT-Werkplatz Schweiz betrachten, wenn Google ein derart strategisches Projekt zu einem grossen Teil hier entwickeln lässt. Mit eine Rolle spielte dabei natürlich auch, dass wir in der Lage waren, innert Wochen ein sehr kompetentes, gesamteuropäisches Team aufzubauen. Auch diesen Standortvorteil sollte man nicht ausser Acht lassen: Schweizer Firmen gelten als sehr attraktive Arbeitgeber, und die Lebensqualität bei uns ist überdurchschnittlich.
Könnte, müsste sich die Schweiz nicht mehr als europäischer ICT-Hub positionieren?
Geri Moll: Absolut. In unserem Fall hat das ja auch bestens funktioniert. Allerdings wird dies nur im sehr spezialisierten Hochpreissegment gelingen. Alles andere ist nicht nachhaltig. Für Swiss made Software gilt: Es gibt nur Ferrari.
Softwareentwicklung eignet sich hierfür aber ausgezeichnet. Denn zwischen einem exzellenten Entwickler und einem durchschnittlichen Entwickler können Lichtjahre liegen.
Geri Moll: Der Faktor ist wirklich gross, das stimmt. Und das müssen wir auch pflegen, indem wir das Ausbildungsniveau hoch halten. Zudem müssen wir an unseren Methodologien arbeiten, denn hier holt man das meiste heraus.
Die Schweizer mögen hervorragend sein in der spezialisierten Individualentwicklung. Beim Productizing hat man hingegen sehr viel mehr Mühe
Geri Moll: Ja, hier haben wir uns bislang in falscher Bescheidenheit geübt. Viele technologische Basisentwicklungen, welche auf Schweizer Boden vollbracht wurden, wanderten in die USA und kamen von da als Produkte wieder zurück. Das ist vielleicht auch einfach eine kulturelle Frage. Wer auf Perfektion aus ist, hat Mühe, dem Kunden einfach mal eine Betaversion zu überlassen. Ich frage mich aber auch, ob der US-Weg für uns der richtige ist. Wir sind nun mal nicht ein Volk, das tanzenden CEOs applaudiert. Und ja, der typische Schweizer Ingenieur ist sicher auch nicht der beste Verkäufer. Trotzdem sage ich immer: Die nächste Google müsste aus der Schweiz kommen.
Fehlt dazu nicht das Ökosystem, sprich das Risikokapital? Würden Sie in einen Start-up investieren?
Geri Moll: Die Vision vom Familienunternehmen ist bei uns sehr stark. Ein Unternehmen hochzuziehen, einfach um es dann wieder zu verkaufen und in der Zwischenzeit den grossen Reibach zu machen, entspricht nicht unserer Kultur. Das Unternehmen stiftet bei uns noch einen Lebenssinn. Das zeigt sich auch auf oberster Führungsebene. Dort finden sich fast ausschliesslich Ingenieure. Technologiefirmen, die von einem Finanzer oder Vertriebler geführt werden, stehen dagegen eher in Verruf.
Aber genau weil fremdes Kapital fehlt, wanderten letztlich die interessantesten Cases wie Endoxon, Day oder Media Streams ins Übernahmeportfolio von US-Konzernen. Wie könnte man in der Schweiz ein ICT-Unternehmen hochziehen, das dann auch nachhaltig Bestand hat?
Geri Moll: Das ist eine gute Frage. Wenn wir schon eine andere Kultur haben als die Amerikaner, dann sollten wir diese auch pflegen. Dies wäre mein Ansatz. So schwebt mir analog zum Kulturprozent eine Art «Innovationsprozent» vor.
Also einen in der Branche breit abgestützten Investitionsfond, über den dann Start-ups gefördert werden?
Geri Moll: So ähnlich. Über die konkrete Ausgestaltung müsste man sich unterhalten. Aber als CEO eines etablierten Unternehmens könnte ich mir durchaus vorstellen, Jungunternehmen Infrastruktur und Management Support sowie auch mein persönliches Netzwerk zur Verfügung zu stellen.
Und als Gegenzug würde man Aktienoptionen erhalten?
Geri Moll: Unter Umständen. Ich würde das von Fall zu Fall offen lassen. Es könnte ja sein, dass man auch als selbstständiges Familienunternehmen weiterarbeiten möchte und die Starthilfe dann zurückzahlt.
Ist denn das Feld nicht schon abgegrast? Oder wo sehen Sie die künftigen Technologietrends mit disruptivem Potenzial?
Geri Moll: Der grosse Trend ist die Miniaturisierung sowie die Integration verschiedener Geräte und Technologien. So machen wir heute relativ viele Projekte im Bereich der Embedded Software auf der Basis von Android. Ein Fahrzeug könnte zum Beispiel einer Zentrale melden, ob sein ABS-System gerade eingesetzt wird. Wenn dies alle Autos in einer bestimmten Region gleichzeitig tun, dann gäbe dies einen ziemlich genauen Hinweis darauf, dass dort Glatteisgefahr besteht. Wenn nun solchermassen mehr und mehr Systeme miteinander kommunizieren, entsteht eine immense Verdichtung von Daten und Informationen, und zwar weitaus grösser, als dies das Web heute schon bietet. Durch die Fähigkeit, solche Informationen auszuwerten und dann wieder in die Systeme zurückzuspielen, werden meines Erachtens ganz neue Businessmodelle entstehen. (Das Interview wurde von Thomas Brenzikofer geführt und erschien erstmals in swiss made software, das buch, Vol. 1)

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