Fax-Spam-Welle überflutet Europa

13. Mai 2011, 13:22
  • politik & wirtschaft
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Wer steckt hinter dem Börsendienst "Swiss Money Report"? Europäische Behörden versuchen, die Urheber der ärgerlichen Fax-Spams zu eruieren. Doch das ist fast unmöglich, sagt auch das Bakom.

Wer steckt hinter dem Börsendienst "Swiss Money Report"? Europäische Behörden versuchen, die Urheber der ärgerlichen Fax-Spams zu eruieren. Doch das ist fast unmöglich, sagt auch das Bakom.
Eine Welle von Börsen-Fax-Spam, die einem den Nachtschlaf, die Tinte und das Papier raubt, überschwemmt ganz Europa in einem bisher nie gekannten Ausmass: Ein ominöser Dienst aus London namens "Swiss Money Report" versendet seit geraumer Zeit angeblich heisse Anlagetipps, die gar keiner haben will. In der Schweiz und in Deutschland hat der Spam zu tausendfachen Beschwerden und harten Auseinandersetzungen in den Internet-Foren geführt. Da die Behörden nichts unternehmen, suchen die Konsumenten fieberhaft selbst nach dem Absender und legen zwei seiner Domains lahm. Doch das lässt den grossen Unbekannten kalt: Denn jetzt hat die Fax-Flut sogar Polen erreicht.
Fax-Spam in der Nacht
"Heute habe ich wieder eine Empfehlung über eine Aktie namens Vegas77 bekommen - und zwar mitten in der Nacht um 3.40 Uhr", ärgert sich Jacek, ein Transport-Unternehmer aus dem grosspolnischen 20'000-Einwohner-Städtchen Sroda Wielkopolska (Schroben), das fast genau auf der Hälfte der knapp 600 Kilometer langen Strecke von Berlin nach Warschau liegt. "Schade, dass die Tarife in der Transportbranche nicht so schnell steigen, wie der Wert der Aktien, die hier beworben werden", witzelt er. Der Absender: Der Börsendienst "Swiss Money Report". Jacek hat davon noch nie etwas gehört. Er nimmt es aber relativ gelassen, denn seine Geschäfte werden dadurch nicht unbedingt beeinträchtigt.
Ärgerlich ist die ständige Zusendung dieser Faxe aber schon, weil sie Tinte und Papier strapazieren. Wie man dieses Ärgernis stoppen kann, wissen er und seine Kollegen aus den anderen Transportfirmen, die diese Aktienempfehlungen jetzt regelmässig bekommen, aber auch nicht. Es bleibt ihnen also nur, den "Swiss Money Report" immer wieder in den Müll zu schmeissen und sich nicht zu sehr zu ärgern. Und schliesslich wieder dem eigenen Job nachzugehen.
"European Money Report", "European Stock Report"...
Was Jacek nicht weiss: Er und seine polnischen Kollegen sind in Europa mit ihrem Frust mit Sicherheit nicht allein. Denn dieser aggressive Fax-Spam, der von einer ominösen Firma mit dem Namen Altanus Private Media Services Ltd. mit Sitz in London verschickt wird, überflutet derzeit wieder verstärkt viele europäische Länder und lässt die Emotionen vieler Anleger, Konsumenten und Firmenvertreter in der Schweiz und in Deutschland hochkochen. Meistens wird er nachts verschickt, weil die Gebühren dann am billigsten sind. Dieser Börsendienst hatte zwischenzeitlich seine Empfehlungen auch schon auf Webseiten unter den Namen "European Money Report" und "European Stock Report" beworben.
Es geht dabei offenbar um folgendes: Der Dienst empfiehlt Aktien von kleinen Unternehmen, die selten und in geringer Stückzahl gehandelt werden. Das heisst, es befinden sich nur wenige davon im Umlauf. Deswegen reicht eine geringe Anzahl von Anlegern aus, um den Kurs nach oben zu treiben. Die Empfehlung soll also den Kurs in die Höhe treiben. Wenn dieser dann gestiegen ist, verkaufen die Hintermänner dieses Dienstes ihre Papiere, die sie zuvor billig eingekauft hatten. Dadurch könnte der Spam sogar eine versuchte Marktmanipulation darstellen und eine strafrechtliche Relevanz haben - neben den zivilrechtlichen Folgen, die er nach sich ziehen kann. Seine Spur lässt sich mindestens bis ins Jahr 2008 zurückverfolgen. Danach haben sich die Anleger, Konsumenten, die Verbraucherzentralen, aber auch die Medien immer wieder damit auseinander gesetzt.
SLK und Bakom bisher ohne Erfolg
Und jetzt, nachdem sie im Mai 2011 sogar in polnischer Sprache das grösste östliche EU-Land erreicht hat, gibt es einen erneuten Höhepunkt dieser Fax-Welle. Ähnlich wie Jacek in Grosspolen leiden auch die Schweizer bereits darunter - und das seit mindestens einem Jahr. Dabei lässt sich der dubiose Absender auch von nichts beeindrucken. Denn erst Ende März 2011 nahm die Schweizerische Lauterkeitskommission (SLK) die Firma bereits zum zweiten Mal ins Visier und forderte sie auf, endlich den Versand zu beenden. Und das, obwohl die SLK diesen Dienst schon im vergangenen Jahr deswegen kritisiert hatte - allzu gross waren die Klagen der Schweizer Verbraucher geworden. Insbesondere eine Konsumentin aus der Romandie hatte sich beschwert, weil sie in ihrer Nachtruhe empfindlich gestört werde. Ausserdem verstehe sie ja das Deutsch in diesen Faxen nicht. "Und Anlagetipps wünsche ich schon gar nicht", so die verärgerte Verbraucherin.
"Ja, die Beschwerden darüber erhalten wir seit etwa Mitte 2010", sagt Deborah Murith, die Sprecherin des Bundesamts für Kommunikation (Bakom) in Bern. "Und sie nehmen seitdem zu", unterstreicht sie. Die Behörde gibt zwar konkrete technische Hinweise, wie man den Empfang unerwünschter Faxe eindämmen oder verhindern kann. Doch lässt sich das Übel nicht an der Wurzel packen. Und das Bakom kann nur schwer den Londoner Absender von seinem Treiben abhalten. "Leider sind mögliche Massnahmen dagegen im internationalen Kontext nur schwer durchsetzbar und kaum mit positiven Erfolgsaussichten verbunden", gibt Murith zu bedenken. Sie könnten nur dann erfolgreich sein, wenn die Beteiligten in der Schweiz ansässig seien, so die Sprecherin.
Genauso sieht es auch beim Nachbarn Deutschland aus. "Auch uns ist dieses Problem seit Monaten bekannt", betont Niels Nauhauser, der Experte für Banken und Kredite von der Verbraucherzentrale in Stuttgart. "Uns liegen hierzu schon viele Beschwerden vor", erklärt der Fachmann. Faxwerbung ohne vorherige Einwilligung gegenüber Verbrauchern sei wettbewerbswidrig. "Betroffene haben einen Anspruch auf Unterlassung", erklärt Nauhauser. Die Schwierigkeit sei, dass die Hintermänner oft im Ausland sässen und dass es aufwändig sei, seine Rechte im Ausland durchzusetzen, so der Fachmann. "Ob es sich dabei um Betrug handelt, müsste ein Gericht entscheiden", sagte er.
Gegenangriff der Verbraucher
Da die Behörden nichts unternehmen, gehen die deutschen Verbraucher derweil zum Gegenangriff über, organisieren sich selbst und versuchen fieberhaft, den Absender zu finden. Auf den Internetforen und Sonderseiten über Spam haben sie zumindest einen kleinen Erfolg erzielt, ohne das Problem vollständig zu lösen. Sie haben einen niederländischen Domainbetreiber für die Website "European Stock Report" ausfindig gemacht, von der aus dieser Dienst zwischenzeitlich auch seine Empfehlungen angepriesen hatte. Der Betreiber nahm schliesslich die Seite vom Netz, nachdem die Konsumenten ihn persönlich angerufen und mit Gegenmails zugeschüttet hatten. An ihm entlud sich der gesamte Frust der vergangenen Zeit. In den Foren bat der Niederländer dann in englischer Sprache, ihn doch in Ruhe zu lassen, da er nicht der Urheber dieser Fax sei. Und auch die zweite Domain namens "European Money Report", von der aus auch der Spam beworben wurde, ist zunächst einmal verschwunden. Hier hatte eine einfache Beschwerde der Verbraucher beim Betreiber Domaindiscount24 ausgereicht, damit dieser die Seite abklemmt.
Doch jetzt hat dieser Fax-Spam sogar Polen erreicht - aller Bemühungen zum Trotz, ihn zu stoppen. Es sieht ganz danach aus, dass er noch lange negative Schlagzeilen von sich machen wird, da die internationale Kooperation unter den Behörden nur schlecht funktioniert und sich der Absender von niemandem beeindrucken lässt. (Sebastian Becker, Warschau)

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