Finnova-CEO: "Wir müssen schneller, besser, günstiger werden"

19. September 2012, 12:06
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Charlie Matter, seit 1999 CEO des Lenzburger Bankensoftware-Herstellers Finnova, äussert sich im Interview mit inside-it.ch über die Bankenkrise und ihre Auswirkung auf IT-Anbieter, die Entwicklung von Business Process Outsourcing und die Industrialisierung der Software-Entwicklung.

Charlie Matter, seit 1999 CEO des Lenzburger Bankensoftware-Herstellers Finnova, äussert sich im Interview mit inside-it.ch über die Bankenkrise und ihre Auswirkung auf IT-Anbieter, die Entwicklung von Business Process Outsourcing und die Industrialisierung der Software-Entwicklung.
Die Finanzbranche hat sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 stark gewandelt, doch sie steht weiterhin vor grossen Herausforderungen. Im gleichen Boot sitzen sämtliche IT-Anbieter, denn sie leben von den Aufträgen der Banken. Was Bankensoftware betrifft, wird der Schweizer Markt von Avaloq und Finnova dominiert. Nachdem sich inside-it.ch Ende 2011 mit Avaloq unterhielt, folgt nun das Interview mit Charlie Matter, CEO von Finnova.
Herr Matter, in der Schweiz gibt es für Anbieter von Kernbankensoftware nicht mehr viel zu holen. Die meisten Banken arbeiten mittlerweile mit Standardlösungen. Potenzial gibt es höchstens noch bei Privatbanken oder einigen Grossbanken. Mit welcher Strategie will Finnova angesichts des gesättigten Schweizer Bankensoftware-Marktes das Überleben sichern?
Es ist richtig, dass die Periode des Technologieersatzes in der Schweiz weitgehend abgeschlossen ist. Die Grossbanken spielen in einer anderen Liga und es hat noch grössere Retailbanken, die den Wechsel auf eine neue Lösung noch nicht vorgenommen haben. Und dann bleibt eine "atomisierte" Welt von Privatbanken. In beiden Segmenten möchten wir unsere Position in der Schweiz ausbauen. Man darf nicht vergessen: Schon heute sind 20 Prozent unserer Kunden Privatbanken. Darüber hinaus haben wir eine Internationalisierungsstrategie definiert. Wir wollen in Luxemburg, Deutschland und im asiatischen Raum Fuss fassen.
Die Expansionsstrategie scheint aber ins Stocken geraten zu sein. "Back to square one", sagten Sie diesbezüglich im Mai dieses Jahres.
So dramatisch ist es nicht. Schauen Sie, eine Auslandsexpansion ist eine langfristige Sache. Mir bekannte Unternehmer brauchten zehn Jahre, um im Ausland Fuss zu fassen und sind heute sehr erfolgreich. Wie lange es bei uns gehen wird, weiss ich nicht. Ich habe allerdings immer schon erwartet, dass es nicht einfach sein wird - auf einen ausländischen Softwarehersteller wartet schliesslich niemand.
Natürlich haben wir uns erhofft, schneller zu einem positiven Resultat zu kommen. Ich verzweifle deswegen aber überhaupt nicht. Es bestehen auch keine Pläne, die Auslandexpansion abzubrechen - im Gegenteil: Wir haben erst gerade eine Niederlassung in Singapur eröffnet. Neu adressieren wir nicht nur Vermögensverwaltungsbanken in Singapur und Hongkong, sondern auch Retailbanken in den asiatischen Wachstumsländern. Das ist eine Strategie-Änderung. Ich bin überzeugt, dass es dort ein Bedürfnis für unsere integrierte Lösung gibt.
Wie sehr hängt die Zukunft von Finnova vom Erfolg dieser Auslandsexpansion ab?
Von Abhängigkeit würde ich nicht sprechen. Ich bin überzeugt, dass der Schweizer Markt für einen Anbieter wie Finnova genug Potential bietet für das mittel- bis langfristige Überleben. Wir haben hierzulande immer noch eine sehr grosse Bankendichte und die IT bleibt für die Produktivität einer Bank entscheidend. Der Schweizer Markt bietet also noch genug Möglichkeiten, um profitabel zu wachsen.
Unsere Expansionsstrategie ist eine Erweiterung unserer etablierten Geschäftsbasis in der Schweiz. Es geht nicht um eine Frage des Überlebens. Vielmehr müssen wir zwischen Risiken und Chancen abwägen. Diesen Weg gehen wir vorsichtig.
Banken- und Währungskrise
Seit Ihrem letzten Interview mit inside-it.ch vor sechseinhalb Jahren hat sich einiges getan in der Banking-IT-Szene. Das Eldorado der grossen und teuren Migrationsprojekte ist vorbei. Anfang dieses Jahres erfolgte durch den Stellenabbau bei Ihrem direkten Mitbewerber Avaloq eine Art Zäsur. Einerseits ist dies auf die oben angesprochene Sättigung zurückzuführen, anderseits kamen die Bankenkrise und im Fall von Avaloq der starke Franken als negative Faktoren hinzu. Finnova dürfte von diesen Problemen nicht unberührt sein.
Wir sind in einer andern Situation. Wir werden dieses Jahr voraussichtlich im Vergleich zum Vorjahr umsatzmässig wieder mit einem leicht besseren Geschäftsjahr abschliessen. Die Profitabilität stimmt. Ich muss aber auch gestehen, dass wir vom Euro nicht abhängig sind oder anders gesagt: Wir profitieren momentan sogar vom starken Schweizer Franken, weil wir im europäischen Ausland nur Ausgaben haben.
Was die Bankenkrise betrifft, so haben wir davon nicht viel gespürt. Was sicherlich auch mit dem grossen RBA-Projekt zusammenhängt, das dieses Jahr abgeschlossen wurde. Doch auch abgesehen davon glauben wir, richtig aufgestellt zu sein, denn wir haben eine Umsatz- und Kostenstruktur, die langfristig ausgelegt ist. Grosse Ausschläge sind dadurch für uns nicht zu erwarten.
Sie rechnen für 2013 also nicht mit einem Umsatzeinbruch?
Nein, ich rechne nicht damit. Und zwar weil wir laufende Einnahmen aus Nutzungsgebühren und Wartungsverträgen haben. Dieser "ongoing revenue" ist ein sehr wichtiger Punkt für die langfristige Weiterentwicklung einer Softwarefirma. Diejenigen, die nur von den Primärlizenzen leben, sind verdammt, immer weiter zu wachsen oder nach ein paar Jahren das gleiche Produkt wieder neu zu verkaufen. Es gibt Firmen, die machen das hervorragend. Ich denke aber, dass dies im Core-Banking-Umfeld schwierig ist.
Das "Geschäften" ist allerdings anspruchsvoller geworden, weil auch der Margendruck bei unseren Kunden zunimmt. Sie müssen Kosten sparen und werden dadurch auch auf ihre Lieferanten Druck ausüben. Wir spüren das: Verhandlungen mit bestehenden oder neuen Kunden sind intensiver geworden.
Dieser Druck dürfte dazu führen, dass auch Finnova stärker auf die Kosten achten muss. Wäre es vor diesem Hintergrund für Finnova eine Option, Stellen ins Ausland zu verlagern?
Wir haben bereits heute Softwareentwicklungs-Partnerschaften in Indien und auf den Philippinen. Ich glaube, es geht hier primär um eine unternehmerische Frage. Was ist unser Auftrag als Unternehmer? Der Ökonom Peter Drucker sagte einst, das Ziel bestehe darin, Kunden zu halten und neue zu gewinnen. Auf der anderen Seite muss man - um den Fortbestand eines Unternehmens zu sichern - zu optimalen Kosten produzieren können. Es gehört also zu den unternehmerischen Aufgaben, sich immer wieder Gedanken darüber zu machen, wie man schneller, besser und günstiger werden kann, um auf mögliche negative Szenarien vorbereitet zu sein. Wer sich nicht frühzeitig mit anderen Businessmodellen beschäftigt, der überlebt nicht.
In diesem Kontext machen wir uns sehr wohl Gedanken über Offshoring und Sourcing-Strategien. Es ist aber nicht so, dass wir sagen: "jetzt wollen wir so und so viel Prozent unserer Arbeitskräfte ins Ausland verlagern." Wir sind genauso dem Arbeitsplatz Schweiz verpflichtet wie unseren Kunden.
Finden Sie denn überhaupt noch genug Software-Spezialisten in der Schweiz?
Wir haben dieses Jahr neben der Besetzung von anderen Positionen wieder eine zweistellige Anzahl Software-Spezialisten angestellt; es bleibt aber tatsächlich anspruchsvoll, gute Leute zu finden. Wir finden welche, aber es geht nicht immer so schnell, wie wir uns das wünschen.
Es gibt in der Schweiz einige kleine Anbieter von spezialisierter Bankensoftware, etwa für das Portfolio- oder Risikomanagement oder dergleichen. Kann sich Finnova vor dem Hintergrund des steigenden Drucks vorstellen, solche Firmen zu übernehmen, um so die Kundenbasis auszuweiten?
Wir sind bislang ohne Akquisitionen gewachsen und es gehört nicht zu unserer Strategie, Übernahmen zu tätigen. Wir pflegen eine Partnerlandschaft und bieten spezialisierten Softwarefirmen Schnittstellen. Wenn man einen Anbieter kauft, ist man auf diesen fokussiert und nicht mehr neutral.
Andererseits überlegen wir uns sehr wohl, Funktionalitäten, die heute von Drittanbietern kommen, in unsere Kernbankenlösung zu integrieren - sofern das auch kommerziell sinnvoll ist.
Wird Finnova also vermehrt in die Breite wachsen?
Die Grenzen eines Kernbankensystems sind nicht fix definiert. Gewisse Teile wird man vielleicht nicht mehr weiterentwickeln, in andere wird man stärker investieren. Ein Beispiel ist unser PMS oder die Gesamtbankensteuerung "Finnova Control" mit dem Data Warehouse. Mit solchen Zusatzlösungen kann man neue Umsatzkanäle erschliessen und die Kosten auf Kundenseite optimieren.
Neue Technologien
Reden wir über neue Technologien. Stichwort Mobile Banking. In welche Richtung bewegt sich Finnova diesbezüglich?
Mobile ist Teil unserer E-Channel-Strategie. Ich bin überzeugt, dass die elektronischen Kanäle für die Banken eine immer grössere Rolle spielen werden. Deshalb investieren wir speziell in diesen Kanal. Neben dem klassischen Internetbanking bieten wir unseren Kunden eine App an und rollen aktuell die zweite Version mit zusätzlichen Funktionen aus. Letztlich müssen die Banken entscheiden, ob sie diesen Weg gehen wollen. Wir als Front-to-Back-Anbieter haben entsprechende Lösungen parat. Diesem Megatrend können und wollen wir uns nicht entziehen.
Glauben Sie wirklich, dass Bankkunden unterwegs auf ihren Smartphones und Tablets Bankgeschäfte abwickeln wollen?
Wer hätte sich noch vor einigen Jahren vorstellen können, dass heute jedermann praktisch pausenlos im Internet unterwegs ist. Vor fünf Jahren gab es noch keine Tablets, heute ist "always on" selbstverständlich. Ich glaube, dass sich das Verhalten in der Gesellschaft laufend verändert und diese mobilen Geräte schon heute Teil unseres Lebens sind. Ob wir ein Bankgeschäft im Tram oder erst zuhause erledigen - darüber wird man sich künftig keine Gedanken mehr machen.
Gibt es bei Finnova Bestrebungen, die grundlegende Technologie völlig zu erneuern? Was kommt nach der Schichtenarchitektur?
Ich bin zwar kein Prophet, aber wir sehen keine Revolution. Wir überlegen uns natürlich laufend, wie die Zukunft aussehen mag und was das für unsere Software bedeuten kann. Einen radikalen Bruch wird es aber vorläufig nicht geben. Unsere Philosophie ist eine kontinuierliche Technologie-Evolution. So entwickeln wir zurzeit unter anderem ein neues GUI auf .NET-Basis. Wichtig bei einer integrierten Core-Banking-Lösung, die an und für sich schon komplex genug ist, ist, dass man einzelne Schichten möglichst unabhängig voneinander weiterentwickeln kann.
BPO mehr als ein Beraterthema?
Anfang 2006 sagten Sie im Gespräch mit inside-it.ch: "Alle reden von Business Process Outsourcing aber passiert ist bis jetzt eher wenig." Und heute?
Es hat sich einiges getan. Im Gespräch mit Banken spürt man, dass BPO, also die Auslagerung von Geschäftsprozessen, immer mehr zum Thema wird. Auch Privatbankiers befassen sich vermehrt mit ihren Verarbeitungsprozessen, getrieben durch schlechtere Cost/Income Ratios. Die Banken überlegen es sich aber gleichzeitig sehr gut, welche Prozesse sie herausgeben werden, um ihre Abwicklungs- und Transaktionskosten zu senken. BPO-Dienstleister müssen den Banken aufzeigen, wie sie die Kosten um 25 bis 30 Prozent senken können.
Wir sind heute sicherlich näher an der Umsetzung als damals, als BPO fast nur ein Beraterthema war. Banking aus der Steckdose oder "from the Cloud" ist ein schönes Bild, aber da braucht es wohl noch einiges. Ich glaube aber, wir waren noch nie so nah dran wie heute, denn es gibt mittlerweile gute Angebote auf dem Markt, gerade auch im Finnova-Umfeld: InCore, Swisscom IT Services (ex Sourcag), Finanz-Logistik - und einer der grössten BPO-Anbieter ist Entris Banking mit 50 Banken. Das ist für mich der Beweis, dass BPO funktioniert. Jetzt gilt es, diese Dienste zu multiplizieren und zu kommerzialisieren.
Gerade dies scheint aber nicht zu gelingen. Die BPO-Anbieter im Finnova-Umfeld bleiben meist im eigenen Universum. Drittkunden anzulocken, ist schwierig. Der Avaloq-eigene BPO-Dienstleister B-Source scheint diesbezüglich wesentlich erfolgreicher zu sein als die vielen BPO-Dienstleister auf Finnova-Basis.
Wenn sie aus einer "closed community" rausgehen wollen, ist das immer ein grosser Entwicklungsschritt und es gibt gute Beispiele von Firmen, die es geschafft haben.
Finnova gehört zur Hälfte den ursprünglichen Kundenbanken und dem Management. Etwas unter 50 Prozent der Anteile hält der deutsche IT-Dienstleister MSG, der auch im Finanzumfeld tätig ist. Wird sich an dieser Konstellation etwas ändern?
Dieses Konstrukt ist extrem ausgewogen und einvernehmlich. Das Verhältnis zwischen den Aktionären ist sehr stabil und nachhaltig ausgelegt. Ich bin sehr froh, dass wir das so gemacht haben. Wir profitieren organisatorisch, technologisch, aber auch im Sourcing-Bereich von MSG.
Sie stehen mittlerweile seit 13 Jahren an der Spitze von Finnova. Was macht Ihnen noch Sorgen?
Echt grosse Sorgen habe ich nicht. Da bin ich relativ gelassen. Das heisst aber nicht, dass ich mir nicht ab und zu Sorgen mache und mich richtig ärgere. Eine Herausforderung ist es, noch professioneller zu werden bei der Softwareentwicklung und bei der Kundenakquisition und -pflege. Wir müssen schneller, besser und günstiger werden und mehr über das "Wie" statt über das "Was" nachdenken. Die Industrialisierung der Softwareentwicklung - das bleibt eine Herausforderung.
(Interview und Foto: Maurizio Minetti / Christoph Hugenschmidt)

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