Fixed Mobile Convergence im Praxistest

2. Mai 2008, 09:58
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Die "Fixed Mobile Convergence", die Einbindung von Handys in Firmennetzwerke, ist eine verlockende Technologie, aber in der Praxis hat sie noch Tücken.

Die "Fixed Mobile Convergence" ist eine verlockende Technologie, aber in der Praxis hat sie noch Tücken. Ein Bericht von Thomas Messerer von Fraunhofer ESK für Berlecon Research.
Durch Fixed Mobile Convergence (FMC), die Einbindung von Handys in Firmennetzwerke, wird Kommunikation reibungsloser und kostengünstiger. Das zumindest ist das Wertversprechen der Anbieter von FMC-Lösungen. So sollen FMC-Lösungen Funktionen das Ein-Nummern-Prinzip (nur noch eine Nummer für Festnetzanschluss und Handy), und Least Cost Routing (bei Handyanrufen soll automatisch die jeweils günstigste Verbindungsart gewählt werden) bieten und die Funktionen der Firmentelefonanlage auch auf dem Handy zur Verfügung stellen. Dadurch soll zum einen die Erreichbarkeit der Mitarbeiter verbessert und zum anderen durch die Nutzung kostengünstiger WLAN-Verbindungen hohe Roaming-Kosten vermieden werden.
Ungeachtet der zahlreichen Vorteile treten bei der konkreten Umsetzung von FMC jedoch noch einige – teilweise grundlegende – Probleme auf, die Anwenderunternehmen bei der technischen Realisierung berücksichtigen sollten.
Installation der Clients auf mobilen Endgeräten
Zunächst müssen bei der Installation der FMC-Clients auf den mobilen Endgeräten einige Punkte beachtet werden:
Die Installation von FMC-Clients kann schon daran scheitern, dass Konflikte mit anderen installierten Applikationen auftreten können. Vor diesem Hintergrund ist es unbedingt sinnvoll, dass der Administrator aufeinander abgestimmte Anwendungen auswählt.
Bei einigen Windows-Mobile-basierten Geräten (besonders Windows Mobile 5) ist die Nutzung von VoIP im Rahmen von FMC nur möglich, wenn dafür zusätzliche Headsets eingesetzt werden, weil Lautsprecher und Mikrofon anscheinend exklusiv der GSM-Applikation zugeordnet werden. Bei Symbian-basierten Geräten hingegen können die FMC-Clients die normale Audiohardware nutzen, mit der auch der GSM-Teil arbeitet. Darüber hinaus reagieren manche Handys träger, wenn mehrere Anwendungen parallel laufen.
In der Praxis zeigen sich bei den aktuellen FMC-Clients weitere Unzulänglichkeiten. Ist z.Bsp. die automatische Sperre des mobilen Gerätes bei längerer Nichtaktivität aktiviert, kann es bei manchen Geräten passieren, dass diese während des Gespräches in den Sperrmodus gehen. Will der Benutzer das Gespräch beenden, muss er erst durch Eingabe des Passwortes die Sperre aufheben – entsprechendes gilt für die Rufannahme.
Nutzung von WLAN
Bei FMC versucht der auf dem mobilen Endgerät installierte Client nach Möglichkeit, die Verbindungen über ein WLAN aufzubauen. Ein einzelner Accesspoint an einem Flughafen, Bahnhof oder im Hotel reicht dafür schon aus. Innerhalb des Firmengeländes können auch bereits einfache WLAN-Infrastrukturen Voice over WLAN (VoWLAN) ermöglichen. Damit der Durchsatz für VoWLAN ausreicht, sollte man aber schon beim Netzdesign darauf achten, dass das Netz nicht zu stark belastet oder von anderen WLANs gestört wird. Ein einfacher Netzaufbau hält darüber hinaus das Delay (die Verzögerung bei der Übermittlung der Gespräche) möglichst gering. Durch diese Massnahmen kann eine weitgehend gute Sprachqualität von VoWLAN sichergestellt werden.
Trennung von Sprach- und Datennetz
Neben der Sprachqualität wird auch die Funktionalität von der zugrunde liegenden WLAN- und LAN-Infrastruktur beeinflusst. Bei der Planung von Infrastrukturen werden Sprach- und Datennetze gerne (logisch) voneinander getrennt. Mobile Endgeräte können sich in der Regel jedoch nur in ein WLAN einbuchen. Auf einem Smartphone werden heute aber neben den Diensten des Sprach-LANs auch Dienste aus dem Daten-LAN, z.Bsp. für die Mail- und Kalendersynchronisation genutzt. Die gewünschte Trennung kann also in der Praxis nicht aufrecht erhalten werden. Es gibt zwar Ansätze, beispielsweise von Microsoft , ein Gerät in mehreren WLANs gleichzeitig nutzbar zu machen, Standard ist dies jedoch (noch) nicht.
Handover zwischen WLAN und GSM
Darüber hinaus ist ein nahtloses Handover zwischen WLAN und GSM während eines Gesprächs nicht bei allen Lösungen möglich. Die Übergabe von WLAN ans GSM-Netz funktioniert zwar in der Regel, in der Gegenrichtung stellt sich jedoch bei einigen Geräten/Clients das Problem, dass diese sich nicht automatisch in das WLAN einbuchen, wenn das Gebäude/Firmengelände betreten wird. Das heisst, Gespräche werden über GSM aufgebaut und geführt, obwohl es möglich wäre, das deutlich kostengünstigere WLAN zu verwenden.
Die Probleme werden dabei weniger von der FMC-Clientsoftware an sich, sondern eher von den Einschränkungen der Schnittstellen und Eigenheiten des Handybetriebssystems in der Zusammenarbeit mit dem FMC-Client verursacht. Die Handyhersteller arbeiten an einer Verbesserung der Situation, so dass man davon ausgehen kann, dass FMC bei neueren Handymodellen besser funktioniert.
Konfiguration der Telefon-Anlage
Für FMC muss auch die Telefon-Anlage entsprechend konfiguriert werden. Im System muss unter anderem „Early Media“ konfiguriert werden, damit der Anrufer beispielsweise auch Ruftöne hört. Wenn dies nicht der Fall ist, wird die Sprachverbindung erst durchgeschaltet, wenn sich die Gegenseite meldet und der Anrufer tappt ohne die Rückmeldung durch die Ruftöne quasi im Dunkeln.
Erhöhter Stromverbrauch
Durch die FMC-Clients erhöht sich der Stromverbrauch der Endgeräte im Ruhezustand, wodurch die Standby-Zeit verkürzt wird. In von Fraunhofer ESK durchgeführten Tests verringerte sich z.Bsp. die mit einer Akkuladung erzielbare Laufzeit von ca. 3 Tagen mit dem integrierten SIP-Client auf ca. 2 Tage. Wenn der FMC-Client zur Sprachcodierung die CPU verwendet, was bei Windows Mobile der Fall ist, erhöht sich der Stromverbrauch drastisch. Bei Mobiltelefonen mit Symbian Betriebssystem hingegen, kann der FMC-Client über APIs den integrierten Signalprozessor verwenden, der weniger Strom verbraucht.
Umsetzung von Sicherheitspolicies
In einigen Firmen schreibt die Sicherheitspolicy vor, dass für den WLAN-Zugriff aufs Firmennetzwerk ein Virtual Private Network (VPN) verwendet werden muss. Dabei stellt sich – nicht nur für FMC – das Problem, dass für Mobiltelefone nur wenige VPN-Clients verfügbar sind, und diese auch noch auf das VPN-Gateway abgestimmt sein müssen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die im VPN verwendeten Zertifikate nur dann Schutz bieten, wenn sie zusätzlich durch eine PIN oder z.Bsp. einen Fingerabdruckscanner geschützt sind. Sonst kann jeder, der (unberechtigten) Zugang zum Gerät hat, auf alle Daten zugreifen, weil diese automatisch entschlüsselt werden.
Fazit
Ob die geschilderten Probleme auftreten, ist sowohl abhängig von den jeweils verwendeten Endgeräten, als auch von der Netzinfrastruktur. Das erschwert Anwenderunternehmen zusätzlich eine Entscheidung für FMC. Die Anbieter haben dies durchaus erkannt und es ist zu erwarten, dass mit den FMC-Clients der zweiten Generation einige dieser Probleme ausgeräumt und weitere Dienste integriert sind sowie die Usability verbessert ist. Nur so kann in Zukunft auch FMC im Praxistest punkten. (Thomas Messerer)
(Diese Spotlight-Analyse wurde von Berlecon Research erstellt. Publikation auf inside-it.ich mit freundlicher Genehmigung von Berlecon Research. Copyright © 2008, Berlecon Research GmbH)

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