Föderalismus kompliziert die Umsetzung von E-Government

3. November 2004, 17:51
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Eine Studie von Cambridge Technology Partners untersucht die Situation im Bereich E-Government in 11 Deutschschweizer Kantonen

Autor: Patrik Hofer, Marketingleiter bei Cambridge Technology Partners / Novell Schweiz.
E-Government in der Schweiz widerspiegelt das föderalistische politische System des Landes. Gemeinden, Kantone und Bund sind auf den Ebenen Information, Kommunikation und Transaktion mit der Planung und Umsetzung von Projekten befasst. Wichtige Voraussetzungen, die zentral definiert werden müssen wie z.B. PKI, sind noch nicht gelöst und beeinflussen vor allem die Realisierung von Projekten auf Transaktionsstufe. Diesen nüchternen Befund ergibt eine kürzlich von Cambridge Technology Partners / Novell Schweiz durchgeführte Untersuchung in 11 Deutschschweizer Kantonen.
Die Resultate unserer Studie basieren auf persönlichen Interviews in 11 Kantonen, nämlich Aargau, Basel-Stadt, Bern, Glarus, St. Gallen, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, Thurgau, Zug und Zürich. Interviewpartner waren Kantonsvertreter, die für das E-Government in ihren Kantonen verantwortlich zeichnen bzw. eine zentrale Funktion dabei einnehmen. Im Zentrum der Untersuchung standen Fragen zum E-Government unter besonderer Berücksichtigung von E-Voting. Darüber hinaus wurden die Themen „Identity Management“ und „Open Source“ angesprochen.
In 7 der befragten 11 Kantone fällt das E-Government in den Zuständigkeitsbereich einer einzigen Stelle. In 4 Kantonen wird das Thema E-Government von verschiedenen Bereichen koordiniert – in der Regel von der Staatskanzlei und vom Amt für Information und Organisation. 8 Kantone besitzen eine E-Government-Strategie.
Was gemacht wird
Alle 11 befragten Kantone realisieren Projekte in den Bereichen Information und Steuern, 10 Kantone setzen Administrations- Projekte um. Der am wenigsten gut abgedeckte Bereich ist E-Voting / Abstimmung. Die Zielsetzungen der E-Government- Projekte im Bereich Information liegen primär in der umfassenden Information der verschiedenen Anspruchsgruppen im Kanton. Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen sowie Organisationen wie Verbände oder Vereine sollen einen einfachen Zugang zur kantonalen Verwaltung erhalten und schnell die gesuchten Informationen finden. Im Bereich Administration sollen die Projekte vor allem zur Vereinfachung der Abläufe im Umgang der verschiedenen Anspruchsgruppen mit der Verwaltung führen und die Verwaltung näher an den Bürger, die Bürgerin bringen. Die Steuerprojekte sind im Vergleich zu jenen in den Bereichen Information und Administration komplexer und umfangreicher. Sobald das Thema „PKI“ geregelt ist, werden die Lösungen in diesem Bereich vollumfänglich über das Internet abgewickelt werden können.
E-Voting ist in den untersuchten Kantonen ein Thema, das bisher überhaupt nicht oder nur sehr zögerlich angegangen wurde. Nur in 6 der 11 in die Untersuchung einbezogenen Kantone bestehen Projekte. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Teilprojekte, die bestimmte Phasen des Wahl- bzw. Abstimmungsprozesses betreffen. Mehrere Kantone führen an, dass in Bezug auf E-Voting Kosten und Nutzen in keinem Verhältnis zueinander stünden. Die Mehrheit, nämlich 7 Kantone, plant im Bezug auf den Wahl- und Abstimmungsprozess keine Veränderungen.
Outsourcing
4 Kantone spielen mit dem Gedanken, die Wahl- und Abstimmungs- Plattform vollständig an ein externes Unternehmen auszulagern. Zwei Kantone wären bereit, einzelne Teilbereiche extern zu vergeben. Der Rest kann sich eine Auslagerung nicht vorstellen. Die grosse Mehrheit der befragten Kantone, nämlich 10, nimmt bei der Umsetzung von E-Government Projekten sowohl interne als auch externe Ressourcen in Anspruch. Strategie und Projektleitung liegt dabei im Verantwortungsbereich der Kantone, der Betrieb, die Entwicklung oder die Betreuung von Angeboten werden aber ausgelagert.
Zusammenarbeit mit dem Bund
Sämtliche befragten Kantone arbeiten mit dem Bund, mit anderen Kantonen und mit den Gemeinden des Kantons zusammen. Typische Kooperationsprojekte mit dem Bund sind das Guichet virtuel, eVanti oder eCH. Die Rolle des Bundes als treibende Kraft bei E-Government-Projekten wird sehr unterschiedlich bewertet. Die grössten Probleme bestehen nach Meinung der Kantone im Bereich PKI sowie in der Tatsache, dass der Bund seine Führungsrolle nur teilweise wahrnimmt. Die zentralen Wünsche und Bedürfnisse der Kantone betreffen vor allem die Aktivitäten des Bundes, die Akzeptanz in der Bevölkerung und die Kosten. Gefordert wird insbesondere, dass der Bund seine Führungsrolle besser ausfüllen und klarere Richtlinien definieren soll. Alle Kantone verwalten die Daten ihrer BürgerInnen, Unternehmen und Organisationen in sehr vielen Systemen. In mehreren Kantonen werden die relevanten Informationen in über 100 Systemen bewirtschaftet.
Open Source in 10 Kantonen
Kein Kanton hat bisher ein Meta-Directory realisiert, in dem alle relevanten Informationen zentral verwaltet werden. 2 Kantone verfügen für die interne Benutzerverwaltung über ein zentrales Meta-Directory, 5 Kantone planen den Aufbau eines solchen für die externe Benutzerverwaltung und 6 Kantone sehen zurzeit keinen Bedarf. In 10 der befragten Kantone ist Open Source / Linux ein Thema. In 8 Kantonen wird Open Source / Linux bereits heute eingesetzt. Die Anwendungen reichen von E-Mail-Systemen über Server und Security-Funktionen bis zu Lösungen für Portale. (Patrik Hofer)

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