Ganz unterschiedliche Zukünfte sind wahrscheinlich und möglich

6. April 2021, 15:18
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Ein WEF-Bericht will Chefs sinnvolle Denkwerkzeuge bieten, um zu verstehen, wie Technologie die Welt nun verändert und umgekehrt.

Zukunftsforschung ist methodologisch und inhaltlich umstritten. Für die einen bietet sie spannendes Fast-schon-Wissen, für die anderen kombiniert sie nicht mehr als x-beliebige Analysen öffentlicher und wissenschaftlicher Forschungsorganisationen.
Einen laut eigenen Angaben neuen methodischen Weg beschreiten die Autoren eines Reports des World Economic Forums (WEF), übertitelt mit "Technology Futures: Projecting the Possible, Navigating What’s Next".
Man könne aus der Informatikgeschichte durchaus Lehren für die Zukunft ableiten und habe diese mit "der praktischen Linse des Futurismus" und "fantasievollen Wegweisern" kombiniert.
"Es ist erwähnenswert, dass Berichte über den Tod der Technologie als kritischem geschäftlichem und gesellschaftlichem Katalysator stark übertrieben sind und schon immer waren", heisst es in der Einleitung in Anlehnung an Mark Twain und mit Verweis auf Francis Fukuyamas berühmt-berüchtigte Aussage zum "Ende der Geschichte".
Der Wandel komme nach wie vor in Wellen, postulieren die Autoren, und diese Wellen folgen sich immer schneller. "Die Ära der Grossrechner im 'Laborkittel' dauerte gut 30 Jahre; die Ära der Minicomputer/Mikrocomputer 20; das Internet 1.0 veränderte die Welt in 10, und die digitale Mobilität veränderte sie in nur fünf Jahren erneut".
Interaktion (von Lochkarten bis VR), Information (vom Speichern bis Cognitive Automation) und Berechnungen ("computation", von den Anfängen bis aktuell zu verteilten Plattformen) seien immer involviert, wenn man den Fortschritt in der Informationstechnologie seit der Entwicklung der "Analytical Engine" von Charles Babbage und Ada Lovelace im frühen 19. Jahrhundert beschreiben wolle.
Dieses historische Wissen müsse man mit technologischen Neuerungen und mit Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten kombinieren, so erhalte man schliesslich Werkzeuge, um sich die Zukunft besser vorstellen zu können. Ihr Prognosemodell nennen sie "LEnS" in Anlehnung an eine Augenlinse.
In Bezug auf die Daten sehen es die Autoren als wahrscheinlich an, dass die Datenmengen weiterhin wachsen werden, weil die Menschheit wie die Maschinen permanent verbunden sein werden. Ebenso wahrscheinlich sei, dass ihre Nutzung unter dem Primat von Datenschutz und -sicherheit stehen werden.
Weniger klar sei die Zukunft der Ownership von Daten aller Art. Es sei möglich, dass es auf zentrale oder verteilte Konzepte der Verantwortung herauslaufen könne.

"Die Zukunft scheint offenen Tech-Konzepten zu gehören"

In ebenso unterschiedliche Richtungen könnten sich Technologien entwickeln, entweder als proprietäre oder als offene Ansätze. Besser in den Startlöchern ständen aber offene Technologien: "Mit dem wachsenden öffentlichen Bewusstsein und den Diskussionen über Datenschutz und -eigentum wird die Zukunft von geschlossenen und proprietären Ansätzen für Software und neue Technologien beeinträchtigt werden." Selbiges gelte auch für KI, prognostizieren die Autoren. Offene und erklärbare Modelle würden "wahrscheinlich weiter zunehmen, da die regulatorischen Bemühungen und Gespräche in Richtung einer kollaborativen, offenen und und ethischen Denkweise gehen."
Unentschieden ist auch die künftige Bedeutung von AR und VR. Es könnte in Richtung Metaversum gehen, in welches die Tech-Firmen investieren. Andererseits habe gerade Corona den Menschen vor Augen geführt, dass direkte menschliche Kontakte besser sind als "digitale". Es sei möglich, dass "Menschen vielleicht vor vernetzten Diensten fliehen, um ihr Leben bewusst zu vereinfachen." Zumindest würde es vielen Menschen vermehrt schwerer fallen, Entscheide zwischen Wirklichkeit und virtueller Realität zu fällen.
In ökonomischer Hinsicht sei es wahrscheinlich, dass Software weiterhin die Welt frisst und dass die "Gig-Economy" der klassischen Karriere nachfolge. Dies entspreche auch dem Wunsch der Arbeitnehmer, glauben die Autoren. In Kombination mit immer mehr Versuchen mit dem bedingungslosen Grundeinkommen und der steigernden Alterung der Menschen werde dies die Arbeitswelt und die gesellschaftlichen Erwartungen an die Arbeit verändern.
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Die Vergangenheit weist in die Zukunft, so die Autoren (Screenshot)
Auch für weitere ökonomische und bildungspolitische wie -ökonomische Fragen halten die Autoren auf 63 Seiten ihre Prognosen bereit.
Bestimmt laufe jede technologische Entwicklung darauf hinaus, dass sie durch Einfachheit, irgendeine Form von Intelligenz sowie schier unbegrenzte rechnerische Möglichkeiten geprägt sein werde.
Und das Fazit soll die Adressaten - verunsicherte Leader in allen Gebieten - ermutigen, sich die Zukunft bis 2030 über Quartalszahlen und Wahltermine hinaus genauer vorstellen und entsprechend planen zu können: "Auch wenn die Herausforderungen zunehmend komplexer werden, scheint sich unsere kollektive Kreativität und Intelligenz schneller zu entwickeln als die Herausforderungen selbst."
Der Bericht, geschrieben von Deloitte-Autoren für das WEF, kann als PDF heruntergeladen werden.

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