Gefährliche Zahlenakrobatik um Handystrahlung

20. Juni 2011, 09:26
  • politik & wirtschaft
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Die WHO hat mit einer Erklärung über die Wirkung der Handystrahlung in den letzten Wochen nicht nur beträchtliche Verwirrung gestiftet, sondern sich auch bis auf die Knochen blamiert.

Die WHO hat mit einer Erklärung über die Wirkung der Handystrahlung in den letzten Wochen nicht nur beträchtliche Verwirrung gestiftet, sondern sich auch bis auf die Knochen blamiert.
Dem legendären englischen Premierminister Winston Churchill wird das geflügelte Wort zugeschrieben: "Die einzige Statistik, der man trauen kann, ist jene, die man selbst gefälscht hat". Das sollte sich die International Agency for Research on Cancer (IARC) der World Health Organisation (WHO) hinter die Ohren schreiben. Denn sie hat mit einer kürzlich veröffentlichten Presseerklärung die schon lange schwelende Kontroverse über die Wirkung elektromagnetischer Strahlung von Mobiltelefonen neu angeheizt.
Die weltweite Interphone-Studie
Es begann im Mai 2010, als die IARC die Resultate der Interphone Study veröffentlichte. Diese Erhebung war die bisher umfassendste ihrer Art. Über 5'000 an Hirntumoren erkrankte Menschen auf der Welt waren nach ihren Telefongewohnheiten befragt und deren Daten mit einer Kontrollgruppe gesunder Menschen verglichen worden. Das verblüffende Resultat: Menschen, die selten oder nie ein Handy ans Ohr halten, erkranken häufiger an Hirntumoren als solche, die seit Jahren Hunderte von Stunden im Gespräch über Mobiltelefone verbringen. Diese waren um 29 Prozent weniger oft von einem bösartigen Hirntumor befallen, medizinisch Gliom genannt.
Dieser Befund deckt sich in etwa mit den jüngst publizierten Resultaten eines schweizerischen Nationalfonds-Programms mit dem Titel "Nichtionisierende Strahlung - Gesundheit und Umwelt". Das gemeinsame Ergebnis einer Vielzahl von seit 2005 im Rahmen dieses Programms eingereichter Forschungsarbeiten: Elektromagnetische Strahlung vermag zwar menschliches Gewebe zu erwärmen, doch die von Handys abgestrahlte Energie ist so gering, dass Zellkerne nicht geschädigt werden und diese Strahlung als weitgehend unbedenklich eingestuft werden muss - selbst wenn sich ihr ein Mensch jährlich Hunderte von Stunden aussetzt.
Die IARC war mit ihrer Interphone-Studie zwar materiell zum gleichen Ergebnis gekommen, aber in der WHO-IARC-Pressemitteilung wurde das so kommuniziert: Die elektromagnetische Strahlung von Mobiltelefonen sei "möglicherweise krebserregend". Und prompt ging ein geschockter Aufschrei durch die Medien.
Statistischer Taschenspielertrick
Das deutsche Nachrichtenmagazin 'Spiegel' erklärt in einem Beitrag mit dem Titel "Die Angst-Macher" diesen seltsamen Widerspruch: "Die IARC-Beamten verdrehen die Daten in einer Art und Weise, die für eine WHO-Behörde blamabel ist. In acht Gruppen von Testpersonen ergaben sich Hinweise auf ein verringertes Krebsrisiko durch Handys - das behalten die Angst-Macher für sich. Stattdessen stützen sie sich ausschliesslich auf eine Probanden-Gruppe, in der ein um 40 Prozent erhöhtes Krebsrisiko für Vieltelefonierer beobachtet wurde."
Die Zahlen-Akrobaten der IARC beziehen ihr erschreckendes Ergebnis aus dem statistischen Begriff der relativen Risikoerhöhung. Was heisst im Zusammenhang mit dem Befall von Hirntumoren relativ? Jährlich erkranken drei von 100'000 Menschen an einem Gliom. Eine Steigerung um 40 Prozent dieser Rate, so schreibt der 'Spiegel', entspräche einem zusätzlichen Fall auf 100'000 - und das muss niemanden ängstigen.
Es ist unredlich, dass die IARC ihr Zahlenmaterial auf diese Weise verzerrt interpretiert. Und es ist kaum sehr verantwortungsvoll, wenn eine angesehene Institution wie die WHO auf so unbedarfte Weise kommuniziert. (Gregor Henger)

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