Gewaltiges Rumoren im RZ-Markt

12. September 2014, 10:09
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Gartners Seismographen schlagen aus wie wild. Gibt es bald ein Erdbeben, dass HP, Cisco, Dell und Co. ins Wanken bringt?

Gartners Seismographen schlagen aus wie wild. Gibt es bald ein Erdbeben, dass HP, Cisco, Dell, Oracle und Co. ins Wanken bringt?
Die neuste Prophezeiung des Marktforschers Gartner dürfte den grossen Herstellern von RZ-Infrastruktur - sofern sie sie denn glauben - die Schweissperlen auf die Stirn treiben. Oberflächlich gesehen, so findet Gartner, ist alles ruhig im Markt für Rechenzentrums-Infrastruktur. Die Zeichen stehen auf Wachstum, und die alteingesessenen Player wie HP, IBM, Cisco, Oracle oder EMC versuchen zwar, sich gegenseitig etwas Marktanteile abzujagen, beschützen aber gleichzeitig ihre bestehenden, teilweise sehr hohen Margen. Der Konkurrenzkampf bleibt gesittet und noch hat niemand wirklich die Boxhandschuhe ausgezogen. Unter der Oberfläche, so Gartner, bauen sich aber immer mehr Spannungen auf. Diese könnten in den nächsten zwei bis drei Jahren zu einem grossen Erdbeben führen, das die RZ-Landschaft grundlegend verändert. Vor allem wenn einer der grossen Hersteller die Nerven verlieren sollte und einen Präventivschlag versucht.
Laut Gartner gibt es vier Gefahrenquellen, die alleine oder im Zusammenspiel das Erdbeben auslösen könnten: Plötzliche, mörderische Preiskriege, die wachsende Dominanz der grossen Cloud-Provider, Wirtschaftskriege und ein neuer, technologischer Nationalismus. Der Zeitrahmen, in dem diese Faktoren Druck auf den Markt ausüben ist zwar unterschiedlich, aber mindestens zwei davon könnten noch vor Ende 2016 zu einem grossen Umbruch führen.
Der Präventivkrieg
Zwischen den bekannten Playern im RZ-Markt herrscht gemäss Gartner ein unruhiger Frieden. Es gibt zwar vermehrt Spannungen, weil einige begonnen haben, im Revier von ehemaligen Partnern zu wildern, aber niemand ist an einer richtigen Schlacht interessiert. Alle sind "süchtig" nach den schönen Bruttomargen von 50 Prozent und mehr im Geschäft mit Storage- und Netzwerkhardware und Infrastruktursoftware. Gartner nennt diese Hersteller "Beschützer", beziehungsweise "evolutionäre Rebellen", wenn sie zwar versuchen, fremdes Territorium zu erobern, sich dabei aber trotzdem an die bestehenden Regeln halten. Hohe Margen bedeuten aber, dass es eigentlich noch grossen Spielraum für Preiskämpfe gäbe. Und neue Technologietrends wie Software Defined Storage und Networking oder Open-Source-Hardware üben zusätzlichen Druck auf die bestehenden Preisstrukturen aus.
Auch die Beschützer stehen aber unter dem Druck, Wachstum zu erzielen. Vor allem ein in letzter Zeit wenig erfolgreicher "Beschützer“ könnte entscheiden, dass er nichts mehr zu verlieren hat und versuchen, mit einem Präventivschlag ein neues Gebiet zu erobern, glaubt Gartner. Wenn er dabei den bisherigen "Margenknigge“ fallen lässt, wird er zum "Revolutionär". Dies wiederum würde, glaubt Gartner, umgehend eine Schockwelle auslösen und zu mörderischen Preiskriegen im ganzen RZ-Infrastrukturgeschäft führen.
Die Cloud frisst ihre Hersteller
Ein weiterer Trend ist die zunehmende Verlagerung der IT in die Cloud, und damit einhergehend die zunehmende Marktdominanz der grossen Cloud-Provider wie Amazon, Google, IBM, Microsoft oder – im Osten – Baidu. Regionale Managed Service Provider haben Schwierigkeiten, konkurrenzfähige Infrastructure- oder Platform-as-a-Service-Angebote auf die Beine zu stellen.
Die grossen Cloud-Provider sind zwar an sich äusserst verlockende Kunden für RZ-Infrastrukturhersteller. Aber ihre schiere Grösse verleiht ihnen auch eine Macht über diese Hersteller, welche die traditionellen Kunden, auch die grössten Konzerne, nie hatten. Zudem haben Cloud-Player die aus der Sicht der traditionellen Hersteller beunruhigende Tendenz, eigene Hardware und Software zu entwickeln. Und in letzter Zeit versuchen manche davon – vor allem Facebook - das dabei entstandene Know-how in Form von "Open-Source-Bauplänen" an asiatische White-Box-Hersteller weiterzugeben, um später billig bei diesen einkaufen zu können.
Der Trend zum Cloud-Computing hat auch noch eine weitere, nachfragehemmende Auswirkung auf die Hersteller: Applikationen brauchen zwar an sich gleich viele IT-Ressourcen, egal, ob sie in einem In-House-Rechenzentrum oder in der Cloud laufen. Aber Cloud-Provider können Lastspitzen viel besser verteilen und damit Ressourcen sparen. Insgesamt heisst das: Je mehr Applikationen in die Cloud wandern, desto weniger Equipment wird gekauft.
Wirtschaftskriege: Ost gegen West
In den grossen aufstrebenden Märkten, insbesondere China und Indien, gibt es eine zunehmende, von den jeweiligen Regierungen geförderte Tendenz, einheimisch einzukaufen. Zudem geniessen Hersteller aus diesen Ländern, vor allem in China, staatliche Unterstützung, die ihre Entwicklungskosten vermindert. China investiert schon seit 1986 Milliarden in sein High-Tech-Forschungsprogramm, dessen Resultate direkt in die Wirtschaft fliessen. Das Ergebnis sind chinesische Hersteller wie Huawei oder Lenovo, die auch im Westen immer mehr Ansehen geniessen. Gartner sagt voraus, dass diese Unternehmen ihren westlichen Konkurrenten in den nächsten Jahren vermehrt Marktanteile abnehmen werden. Eine weitere Konkurrenz aus dem Osten könnten zudem No-Name-Hersteller sein, die auf Open-Source-Bauplänen basierende, sehr billige Hardware auf den Markt werfen.
Der Snowden-Effekt fragmentiert den globalen Markt
Die Enthüllungen von Edward Snowden haben weltweit zu einem Vertrauensverlust in die grossen US-Cloud-Provider und -Infrastrukturhersteller, geführt. Das bremst zwar den erwähnten Aufstieg der Cloud-Provider, könnte aber laut Gartner gleichzeitig zu einer Fragmentierung des globalen Markts für RZ-Infrastruktur führen. Kunden, die nicht mehr glauben, dass die US-Anbieter vertrauenswürdig sind, wenden sich vermehrt einheimischen Anbietern zu. Gartner glaubt, dass dies zuerst im Softwarebereich Auswirkungen haben wird. Anfänglich bedeutet dies vor allem eine Chance für Open-Source-Software, da diese von den Kunden als transparenter empfunden wird.
Mit der Zeit dürften aber auch im Hardwaregeschäft Auswirkungen zu spüren sein. Gartner sagt voraus, dass es in einigen Ländern zu einer Wiederauferstehung von kleinen, regionalen Assemblierern kommen wird. Diese können zwar nicht die "Economies-of-Scale" der globalen Player nützen und haben insbesondere mit einem grösseren Anteil der Entwicklungskosten an den Gesamtkosten zu kämpfen. Die zunehmende Verwendung von Open-Source-Bauplänen und lokal "verifizierter" Open-Source-Software wird ihnen aber helfen, dieses Problem zumindest zu vermindern. (Hans Jörg Maron)

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