Google-Logik: Kompliziert und nur beschränkt praxistauglich

19. August 2014, 07:58
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    Nicht alles was glänzt, ist Gold. Das gilt auch für Google, wo sowohl Produktlogik als auch Produktqualität meist nicht über jeden Zweifel erhaben sind. Ein Beispiel. Silly Valley at its best.

    Nicht alles was glänzt, ist Gold. Das gilt auch für Google, wo sowohl Produktlogik als auch Produktqualität meist nicht über jeden Zweifel erhaben sind. Ein Beispiel. Silly Valley at its best.
    Oberflächlich gesehen sind die meisten Google-Angebote ja mittlerweile hübsch anzusehen und auch die versprochene Funktionalität ist ansprechend. Doch bei vielen Produkten tun sich bei näherer Betrachtung Abgründe auf. Und die sind tief. Wie wenig durchdacht viele der Produkte sind, zeigt sich exemplarisch am Google Play Book Store. Das beginnt mit dem Hinaufladen von Büchern und endet mit der Verfügbarkeit des Buches im Store.
    Google Play Books Partner Center
    Es gibt Bücher, die etwas kosten, und es gibt Bücher, die kostenlos abgegeben werden. Für die einen muss der Kunde etwas zahlen und für die anderen nicht. Das hat wiederum Auswirkungen auf die für die Veröffentlichung benötigten Daten. Und hier fängt auch das Problem mit der Google-Logik an. Ein kostenloses Buch kostet nichts, die Kosten sind also Null. Gibt man einen Wert von Null ein, so merkt Google Play Books Partner Center das sogar und ersetzt den Wert "0" durch "Free". So weit, so gut.
    Dann schlägt aber die verquere Logik voll zu: Selbst für kostenlose Bücher muss die Währung bestimmt werden, als ob es eine Rolle spielt, in welcher Währung die Kosten Null sind. Kostenlos ist und bleibt aber kostenlos, unabhängig von der verwendeten Währung. Das weiss sogar ein Primarschüler. Obwohl für ein kostenloses Buch kein Geld fliesst und keine Zahlungen erfolgen, verlangt Google Play Books Partner Center zusätzlich das Ausfüllen eines Payment Profile. Sonst wird das kostenlose Buch schon gar nicht erst in den Google Play Book Store aufgenommen. Ohne ausgefülltes Payment Profile fehlen angeblich wichtige Daten. Schliesslich muss ja sichergestellt sein, dass die Erträge von Null sauber abgerechnet und zugewiesen werden können. Sind sämtliche dieser unnötigen Hürden überwunden, so wird das kostenlose Buch endlich für das Territorium "World" im Google Play Book Store veröffentlicht.
    Google Play Book Store
    Nun würde man eigentlich erwarten, dass das kostenlose Buch problemlos aus dem Google Play Book Store heruntergeladen werden könnte. Schliesslich wird das Buch auch als kostenlos aufgeführt. Ein Google Play-Konto sollte dafür genügen.
    Aber auch da kommt es anders, als man erwarten würde. Zuerst erfolgt die Aufforderung, eine Zahlungsmethode einzugeben, um das Land des Wohnsitzes bestimmen zu können. Netterweise wird auch darauf hingewiesen, dass keine Kosten in Rechnung gestellt werden. Das Land des Wohnsitzes ist bei einer Freigabe des Buches für alle Länder der Welt irrelevant. Diese Information ist deshalb für die Transaktion nicht nötig. Es kommt dann aber noch dicker: Ohne Preisgabe von Kredit- oder Debitkarte oder der Eingabe eines Gutscheincodes gibt es nichts. Diese Angaben müssen dem Konto als Zahlungsoption zwingend hinzugefügt werden. Sonst klappt das nicht mit dem Herunterladen eines kostenlosen Buches. Zumindest nicht im Google Play Store. Es ist ja nachvollziehbar, dass Google die vom Benutzer bevorzugte Zahlungsoption beim Bezug von kostenpflichtigen Inhalten kennen will. Nur braucht es keine Zahlungsoption für kostenlose Bücher, denn kostenlos bedeutet nichts anders als dass keine Zahlung erfolgen wird. Die Transaktion könnte also ohne weiteres ohne Kenntnis einer Zahlungsoption ausgeführt werden.
    Die verquere Logik von Google Play Books Partner Center
    Die Aufgabenstellung für die Google-Software war eigentlich ziemlich einfach: Ein kostenloses Buch ohne Einschränkungen mit weltweiter Verfügbarkeit veröffentlichen und über den Play Book Store zugänglich zu machen. Da bei der Konzipierung der Software von Google die beiden unterschiedlichen Varianten, kostenlos und kostenpflichtig, nicht genügend unterschieden wurden, muss sich der Benutzer an die Google-Logik anpassen: Ein kostenloses Buch ist ein Buch mit Kosten von 0. Produktkosten können nur in einer Währung ausgedrückt werden, weshalb dem "kostenlos" eine Währung zugewiesen werden muss. Da somit jedes Produkt etwas kostet, auch wenn das zuweilen nichts ist, muss zwangsläufig ein Payment Profile ausgefüllt werden. Darüber werden dann die Zahlungen abgewickelt, auch wenn sie bei einem kostenlosen Produkt nie erfolgen werden.
    Fazit: Korrektes Requirement Engineering und qualifiziertes Product Management hätten zu einem deutlich besseren Produkt geführt.
    Optimierung des Geschäftspotentials mittels Google Play
    Führt man die oben beschriebene Logik weiter, so müsste für das kostenlose Buch ein Betrag von CHF 0 bezahlt werden. Für eine Zahlung eines Betrages, auch wenn der Null ist, müsste der Kunde eine Zahlungsoption bereitstellen. Deshalb muss zwingend entweder eine Kredit- oder Debitkarte oder ein Gutschein mit dem Benutzerkonto verbunden sein. Sonst könnte man den Betrag von Null nicht abbuchen, auch wenn effektiv nichts abgebucht wird. Eine solch abstruse Denkweise ist aber eher unwahrscheinlich und widerspricht den auf dem Bildschirm gemachten Angaben.
    Die Zielsetzung ist höchstwahrscheinlich eine andere. Google benutzt kostenlose Inhalte Dritter auch dazu, um künftige kommerzielle Transaktionen zu vereinfachen und um Informationen zu sammeln. Die Preisgabe einer Kredit- oder Debitkarte oder die Eingabe eines Gutscheincodes und die anschliessende Verknüpfung mit dem Konto dient der künftigen nahtloseren Abwicklung von Online-Geschäften und hat nur auf diese eine Auswirkung. Das ist geeignet, um die künftigen Einnahmen des Google Play Store zu erhöhen und kann auch die Grundlage für einen künftigen Payment Service bilden. Je einfacher der Einkaufsvorgang, desto höher die Anzahl der Transaktionen.
    Damit ein Online-Konto für eine Firma wie Google richtig werthaltig ist, braucht es so viele Informationen zum Inhaber wie möglich. Dazu gehören neben einer E-Mail-Adresse auch möglichst eine Kreditkartennummer, eine Adresse und eine Mobiltelefonnummer. Kombiniert mit Tracking-Informationen erlaubt das zielgerichtete Werbung. Und mit Werbung verdient Google schliesslich sein Geld. Die Einnahmen des Google Play Store gehen da im Vergleich zur Zeit noch komplett unter. (cj)

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