Haben bei Foxconn die Knüppel gesprochen?

25. September 2012, 13:15
  • international
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War der Auslöser der Schlägerei bei Foxconn wirklich nur ein Handgemenge zwischen Arbeitern in einem Werkswohnheim? Und gab es sogar Tote? Die Hintergründe.

War der Auslöser der Schlägerei bei Foxconn wirklich nur ein Handgemenge zwischen Arbeitern in einem Werkswohnheim? Und gab es sogar Tote? Die Hintergründe.
Abgesehen von Berichten über eine Suizidserie vor zwei Jahren und übermässig viele, teils nicht bezahlte Überstunden gibt es auch immer wieder den Vorwurf, dass bei Foxconn (Hon Hai Precision Industry) wie auch in anderen chinesischen Fabriken Arbeiterinnen und Arbeiter von ihren Vorgesetzten oder Sicherheitskräften geschlagen werden.
Medienberichten zufolge soll das auch jetzt wieder der eigentliche Auslöser der massiven Ausschreitungen mit rund 2'000 Beteiligten im nordchinesischen Taiyuan gewesen sein. Der Apple-Lieferant Foxconn bleibt indes bei seiner Version, dass ein Handgemenge zwischen zwei Gruppen von Mitarbeitenden in einem Werkswohnheim am Sonntag kurz vor Mitternacht zu der Massenschlägerei und den Unruhen geführt habe. Da steht nun Aussage gegen Aussage. Gegen die Version, dass Sicherheitskräfte die Ausschreitungen geschürt hätten, spricht die Tatsache, dass davon am Vortag nirgends die Rede war.
Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua (Neues China) wurden 5'000 Polizisten gesandt, um die Unruhen zu stoppen. Die Behörden in China zeigen sich in der Regel einseitig zu sehr arbeitgeberfreundlich, wird vielfach kritisiert. Dabei kommt es laut Berichten von chinesischen und ausländischen Beobachtern nicht nur in, sondern auch vor den Werken zu immer mehr Demonstrationen und Unruhen, weil die Fabriken der Bevölkerung im wahrsten Sinne des Wortes zunehmend stinken. Mancherorts soll sich die Luft- und Wasserqualität innerhalb kürzester Zeit so sehr verschlimmert haben, dass sich die Krankheitsfälle stark häufen. Betroffen sind vor allem viele Kinder, was angesichts der Ein-Kind-Politik noch mehr zu Unruhen führt.
Die Polizei soll auch am heutigen Dienstag noch immer auf dem Werksgelände sein, um Strassenecken zu überwachen und einen Haupteingang zur Fabrik. In Blogs wurden Fotos von brennenden Motorrädern und zerschlagenen Fensterscheiben gezeigt. Wie Foxconn-Sprecher Louis Woo (Hu Guohui) sagte, werde der eintägige Produktionsstopp nicht die Lieferziele fürs iPhone 5 gefährden, zumal das Smartphone in Taiyuan nicht assembliert werde.
Gab es sogar Tote?
Schlimmer noch sind die rund 40 männlichen Verletzten, die ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Auch zu Verhaftungen soll es gekommen sein, zu wie vielen, das wollte oder konnte laut dem chinesischsprachigen 'Wall Street Journal‘ niemand sagen. Gestorben ist nach offiziellen Angaben niemand.
Bei der chinesischsprachigen 'cnYES.com' findet sich jedoch ein ausführlicher Bericht, wonach interne Quellen bei Foxconn in Taiyuan sehr wohl von 10 Toten gesprochen haben. Wie das Online-Magazin einen Foxconn-Mitarbeiter zitiert, hätten die Ausschreitungen begonnen, nachdem ein Mann aus der Provinz Shandong von anderen Männern aus der Provinz Henan erschlagen worden war. Daraufhin hätten Männer aus Shandong wie wild um sich geschlagen. Als ein Sicherheitsmann einen Arbeiter aus Shandong mit Schlägen niedergerungen hatte, soll sich der Zorn dieser Gruppierung gegen die Sicherheitskräfte gerichtet haben, weil diese den prügelnden Kollegen nicht an sie ausliefern wollten. Schließlich habe die Security mit Stahlknüppeln auf die Arbeiter aus Shandong eingeprügelt, woraufhin die Massenschlägerei ihren Ausgang genommen habe. Anders als offiziell behauptet, seien tatsächlich 10 Todesfälle zu beklagen gewesen, behauptete der von 'cnYES.com' zitierte Foxconn-Arbeiter. Ob und wie glaubhaft die Stimme ist, wird sich zeigen. Fest steht, dass westliche Medien bisher nichts von Todesfällen berichtet haben.
Mit iPhone 5 wächst der Arbeitsdruck
In Taiyuan in der nordchinesischen Provinz Shanxi, nicht zu verwechseln mit der an die Innere Mongolei grenzenden und fast gleich ausgesprochenen Provinz Shaanxi, wird unter anderem das neue iPhone 5 produziert, von dem innerhalb einer Woche weltweit schon über 5 Millionen Stück verkauft wurden. Umso grösser ist der Druck, der auf den Arbeitnehmern dort und anderswo lastet. Das neue Apple-Phone wird zum Teil auch bei der Asus-Schwester Pegatron produziert, wo wie in Produktionsstätten für Samsung, HTC & Co. teils ähnlich besorgniserregende Verhältnisse herrschen sollen, wie bei Foxconn, wie 'Cnet'-Kollege Jay Greene kritisiert.
Das Foxconn-Werk in Taiyuan ist mit 79'000 Beschäftigten vergleichsweise klein für den EMS-Riesen (Electronic Manufacturing Service Provider). Das aus Taiwan gebürtige Unternehmen verfügt über mehr als 20 Produktionsstätten mit rund 1,1 Millionen Beschäftigten allein in China.
Wie gestern schon berichtet, haben Arbeiter in der Hochphase der Produktion des neuen Apple-Handys geklagt, dass der Druck tatsächlich stark zugenommen habe und sie bei Nichterreichen des Sollziels zu unbezahlten Überstunden herangezogen würden. Ähnliche Kritik kam auch von China Labor Watch.
Wachsendes Bewusstsein für die Rechte der Arbeiter
Li Qiang, Gründer der Arbeitsrechtsgruppe, hat in einem E-Mail erklärt, dass es vermutlich zu den Ausschreitungen gekommen sein, weil Foxconn die Arbeitsrechte zu wenig beachte und der Druck an den Fliessbändern sehr hoch sei. Noch brisanter Lis Aussage, dass die Sicherheitskräfte von Foxconn die Arbeiter häufig tyrannisierten. Wenn das zu weit gehe, führe es dazu, dass die Arbeiter Widerstand leisteten und es dann zu Ausschreitungen komme.
Die Arbeitsrechtsorganisation China Labor Bulletin (Zhongguo Laogong Tongxun, kurz CLB) rechnet vor, dass sich die Zahl der Streiks und Arbeiterunruhen in chinesischen Fabriken, nicht nur bei Foxconn, von im Monatsschnitt 11 innerhalb der ersten achten Monate dieses Jahres auf 26 Vorfälle mehr als verdoppelt habe. Gleichzeitig weist CLB auch darauf hin, dass die zweite Generation der Landbevölkerung, die in die Fabriken einzieht, Jahren sehr viel gebildeter ist und mehr über die eigenen Rechte informiert sei, mit ein Grund dafür, dass sie eher aufbegehren als ihre Elterngeneration.
Das Durchschnittsgehalt ist zwar innerhalb eines Jahres um 18,9 Prozent gewachsen, aber immer mehr Unternehmen wenden sich daher wie Foxconn von Standorten im "Pazifikspeckgürtel" ab und ziehen mit ihrer Produktion ins weit günstigere chinesische Hinterland, vorzugsweise nach Chongqing oder nach Changdu, Hauptstadt der Provinz Sichuan (Berthold Brechts Zezuan). Dadurch steigt im reichen Osten die Angst vor Arbeitslosigkeit, zumal das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal 2012 mit 7,6 Prozent so niedrig ausgefallen ist wie schon lange nicht mehr.
Foxconn selbst auch zunehmend unter Druck
Doch auch die Marge von Foxconn ist mit 1,4 Prozent gegenüber 1,5 Prozent im ersten Quartal trotz der Produktionsverlagerung auf ein neues Rekordtief gesunken, was zeigt, wie stark der Druck ist, der von Apple ausgehen muss. Denn 40 bis 50 Prozent der Foxconn-Umsätze kommen von der Mac-Company – derein eigene Margen sehr, sehr viel höher liegen.
Und den Druck muss der Auftragsfertiger wohl weitergeben. Weder Foxconn, noch Apple konnten sich ihrerseits allerdings weiter dem Druck wiedersetzen, der von nationalen und internationalen Arbeitsrechtsgruppen und Gewerkschaften ausgeht. Schliesslich hat Apple die amerikanische Fair Labor Association (FLA) eingeladen, Audits über die Arbeitsbedingungen bei Foxconn und anderen Auftragsfertigern durchzuführen. Foxconn selbst spricht auch schon von deutlichen Verbesserungen beim Abbau von Überstunden im Auch die FLA hat seit Jahresbeginn ebenfalls schon Verbesserungen gesehen.
97 Prozent Einhaltung von nicht mehr als 60-Stundenwochen
Was zu viele Überstunden sind, wird aber in China sowieso schon etwas anders definiert, als bei uns. Was den Abbau von Überstunden angeht, behauptet Foxconn selbst, dass wöchentlich die Arbeitszeiten von über 700'000 Beschäftigten verfolgt werde und man mittlerweile in 97 Prozent der Fälle im Einklang mit den von den Behörden vorgeschriebenen wöchentlichen 60 Stunden Maximalarbeitszeit angelangt sei. Dagegen steht aber die Aussage von Mitarbeitern, die beklagen, dass sie wegen Nichterfüllung des Plansolls zu unbezahlten Überstunden gezwungen würden, womit sie zum Teil 13 Tage am Stück mehr als 10 Stunden arbeiten würden.
Anders als sein Vorgänger Steve Jobs, der die Arbeits- und Lebensbedingungen bei Foxconn nach der beispiellosen Suizidserie Mitte 2010 noch gelobt hatte und die Todesfälle zu relativieren versuchte, gilt der heutige Apple-Chef Tim Cook als einfühlsamer. Im Januar 2012 hat er das in einem von '9-toMac‘ veröffentlichten internen E-Mail nach wiederholten Angriffen von Aktivisten deutlich gemacht, dass die Arbeitsbedingungen in der Lieferkette ihm sehr wohl am Herzen lägen, ebenso wie jeder Zwischenfall Anlass zur Sorge gebe. (Klaus Hauptfleisch)

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