Hat EDS Schweiz eine Zukunft ohne Swiss-Vertrag?

14. Juli 2005, 17:32
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~~Der Schweizer EDS-Chef Pierre Klatt im Exklusiv-Gespräch mit inside-it.ch~~

Der Schweizer EDS-Chef Pierre Klatt im Exklusiv-Gespräch mit inside-it.ch
Als bekannt wurde, dass sich Lufthansa in Übernahmegesprächen mit der Swiss befindet, warnte EDS Schweiz, der Verlust des Vertrages mit Swiss könne potentiell bis zu 300 Arbeitsplätze der ehemaligen Swissair-Tochter Atraxis in Zürich gefährden. Wie schätzt man bei EDS nun die Situation ein? Wird der Swiss-Auftrag verloren gehen? Und welche Strategie will man im Airline-Business und im Outsourcing-Geschäft einschlagen? Pierre Klatt (Foto), seit Mai für EDS Schweiz und das europäische Geschäft mit der Transport-Industrie verantwortlich, nimmt im Exklusiv-Gespräch mit inside-it.ch Stellung.
inside-it.ch: Aus der alten Atraxis wurde das Zürcher "Air Transportation Centre of Excellence" von EDS. Was passiert damit, falls der Grosskunde Swiss aus den Verträgen aussteigt und sich IT-mässig der Mutterfirma Lufthansa anschliesst oder anschliessen muss?
Pierre Klatt: Das ist eine gute Frage. Ich gehe davon aus, dass die Lufthansa-Gruppe ihre Systeme früher oder später konsolidiert. Und bekanntlich hat sich Lufthansa für das Reservationssystem von Amadeus entschieden.
Swiss hat mit uns einen Vertrag bis 2008 für den Betrieb unseres Reservationssystems. Es gibt bis heute keine Stellungnahme von Swiss, was nach 2007 oder 2008 passieren soll. Ich glaube, es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass Swiss sich ebenfalls für Amadeus entscheiden wird.
Doch auch bei Amadeus gibt es Fragezeichen. Zum einen ist die Frage, ob das sogenannte „NextGen Reservationssystem“ bis 2008 fertig sein wird. Zum anderen wissen wir nicht, wer wann migrieren wird.
Hat das Luftfahrt-Zentrum von EDS in Zürich ohne den Grosskunden Swiss denn überhaupt eine Chance zu überleben?
Pierre Klatt: Um diese Frage zu beantworten, muss ich ausholen: Es gibt weltweit etwa 200 Airlines, die den Verkauf ihres Produktes – der Sitze – via die vier Global Distribution Systems (GDS) steuern. Auf der gleichsam anderen Seite sind an diese GDS wiederum circa 200'000 Abnehmer – typischerweise Reisebüros - angeschlossen.
In Europa entstanden zwei GDS: Amadeus, eine Gründung von Air Franche, Lufthansa und anderen, und Galileo, zu dessen Gründern die British Airways und die Swissair gehörten.
Heute verfolgen die inzwischen selbständig agierenden aber ob ihrer Profitabilität unter Druck geratenden GDS verschiedene Strategien, um im Markt zu bestehen. Eine ist es, vertikal zu wachsen – mit anderen Worten: Beispielsweise in den Reservationssystemmarkt einzusteigen. Das hat Amadeus getan – und zwar alles andere als im Stillen.
Gleichzeitig aber haben auch wir gelernt. Ich muss zugeben: EDS stand sich auf manchmal selbst auf den Füssen. Wir besitzen zwei Reservationssysteme und betreiben ein drittes, aber wir waren zuwenig "Produkt-Firma", um daraus das Optimum zu holen. Das wird sich jetzt ändern!
Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Reservationssysteme aus den USA und Europa zu verschmelzen – das beste aus beiden Welten soll zusammengeführt werden. So werden wir uns als eine Alternative auf dem Weltmarkt positionieren.
Logisch wäre doch, dass sich die Carrier-Allianzen für je ein zentrales System entscheiden. Warum tun sie es nicht, wie sich jetzt bei Amadeus zeigt?
Pierre Klatt: Der Markt für Reservationssysteme wird zur Zeit völlig durchgeschüttelt. Es scheint, dass sich nicht alle Mitglieder der Star Alliance dem Entscheid der Lufthansa anschliessen werden. Aber Amadeus ist momentan am besten positioniert.
Sobald eine Airline auf ein neues System wechseln soll, geht die Diskussion um die Kosten los. Und man fürchtet sich davor, zuviele Informationen mit anderen Fluggesellschaften zu teilen. Viele Carrier haben heute noch eigene Mainframe-Systeme. Aus zwei Gründen: Erstens warten alle die Entscheidungen der grossen Airlines ab, und zweitens sind die Ausstiegskosten sehr hoch – bei allzugrossen Risiken. Also warten viele Gesellschaften, lassen ihre Systeme auf dem Minimum laufen und „basteln“. Und in der Tat gehen heute 80 % der IT-Budgets in den Betrieb und nur 20 % stehen für Anpassungen und Neuerungen zur Verfügung.
Dem steht die Entwicklung der Aviatik diametral gegenüber: Denken sie nur daran, dass die IATA bis 2007 quasi obligatorisches E-Ticketing durchsetzen will. Solche Initiativen erzeugen Druck. Ich bin überzeugt, dass die grosse Investitionswelle kommt. Es wird auch eine Tendenz für einheitliche Systeme innerhalb einer Allianz geben. Doch das wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
Ich denke, es wird eine Gegenbewegung zu Amadeus geben. Der Markt ist wirklich in Bewegung, und das ist auch eine Chance. Wenn wir es auf die Reihe bekommen, die US- und die europäischen Systeme zusammenzulegen, dann können wir uns in diesem Markt erneut erfolgreich positionieren.
Welche Rolle spielt der Standort Zürich in diesem Spiel?
Pierre Klatt: Die US Carrier haben in Teilen andere Business-Modelle als die europäischen. Deshalb braucht man europäisches Business Know How. Und dieses haben wir in Zürich. Immerhin: Im Bereich der EDS Flugplanungslösung läuft die Konsolidierung nach Zürich.
Wo der Rechner dann allerdings steht, spielt keine grosse Rolle. Es ist also möglich, dass gewisse Funktionen ausgelagert werden.
Könnte man ein neues Reservationssystem nicht günstiger und schneller in Indien entwickeln?
Pierre Klatt: Man kann sich dem Trend zu Offshoring sicher nicht entziehen. Entweder macht man mit, oder man geht unter. Doch wir müssen eines verstehen: Die chinesischen und indischen Firmen wollen nicht nur Applikationen in unserem Auftrag nachbauen. Sie wollen das Geschäft verstehen und selbständige Marktteilnehmer werden.
Doch das Wissen über Geschäftsprozesse und industriespezifische Erfahrung wird noch ein ganzes Weilchen wertvoll bleiben. Der Trend zu Offshoring bedeutet aber, dass man flexibler werden muss. Man muss bereit sein, sich weiter zu bilden und kann sicher nicht darauf beharren, ewig am Altebkannten festzuhalten..
Auch in anderen Bereichen, etwa den Systemen für Polizeien oder für Health-Care wird Offshore-Entwicklung eine Rolle spielen. Doch das Know-how über Geschäftsprozesse bleibt entscheidend.
Werden die Löhne der IT-Professionals aufgrund von Offshoring sinken?
Pierre Klatt: Das glaube ich nicht. Klar gibt es einen Marktdruck für IT-Professionals. Aber der Kunde will Leute, die seine Sprache sprechen. Den Kunden uns seine Bedürfnisse zu kennen und zu verstehen ist ganz klar ein Wert der hiesigen Leute.
Das Kerngeschäft von EDS ist ja eigentlich Outsourcing. Da haben sie den Desktop-Auftrag bei Swiss verloren. Welche Strategie verfolgen sie im Outsourcing?
Pierre Klatt: Unser Antwort sind standardisierte Angebote und unsere Kompetenz für selektives Outsourcing. Wenn der Markt Verträge nur noch über zwei oder drei Jahre abschliessen will, dann machen wir das mit. Aber auch klassische Outsourcing-Deals nach dem Motto "mess for less" wird es weiterhin geben.
Wir werden in Zukunft Outsourcing-Projekte selektiver angehen. Man muss sich fragen, zu welchen Kunden man bereits eine Beziehung hat, wie stark diese ist und seine Ressourcen auf die richtigen Deals ansetzen. Wir müssen uns bei Outsourcing-Deals fragen, ob wir das richtige Angebot und eine "Story" haben oder ob wir einfach als Preiskuh durch das Dorf getrieben werden sollen. Bei letzterem werden wir eher weniger mitmachen, obwohl es manchmal taktisch richtig sein kann, zu offerieren, um der Konkurrenz die Marge zu schmälern. Wir scheuen uns nicht, einen schlechten Deal abzulehnen. Kurz: wir sind keineswegs im "Verzweiflungsmodus".
Letzte Frage: Was ändert sich mit Ihnen als Country Manager bei EDS Schweiz?
Pierre Klatt: Mein Vorgänger Stefan Leser hat einen guten Job gemacht und es gibt nicht viel zu ändern. Grundsätzlich will ich das Transportation Business, die ehemalige Atraxis also, und die klassische EDS zu einer EDS verschmelzen. Und wir müssen EDS bekannter machen und unserem Geschäft Wachstum verschaffen. Auch bei mittelgrossen Unternehmen wollen wir wachsen und in diesem Markt bekannt machen, wofür EDS steht. (Interview: Christoph Hugenschmidt)

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