Healthbank: "Gesundheitsdaten gehören den Patienten"

3. Oktober 2014, 07:20
  • e-government
  • swisscom
  • technologien
  • rechenzentrum
image

Das neu gegründete Unternehmen Healthbank lanciert eine Plattform, mit der in Sachen Gesundheitsdossier ein Perspektivenwechsel vollzogen werden soll. Die Hintergründe.

Das neu gegründete Unternehmen Healthbank lanciert eine Plattform, mit der in Sachen Gesundheitsdossier ein Perspektivenwechsel vollzogen werden soll. Die Hintergründe.
Die Kommerzialisierung der Gesundheitsdaten ist seit langem ein Thema in der E-Health-Branche. Das Problem: Bisher wurden und werden diese Daten oft am Patienten vorbei ohne dessen Kenntnis weiterverwendet. Mit einer kürzlich von Apple angekündigten App für die Apple Watch. Dahinter steht eine Kooperation zwischen einem Spin-Off-Unternehmen des Unispitals Zürich und der Helsana. Dort werden anonymisierte Rezeptdaten analysiert und für medikamentöse Therapien weiterverwertet. Doch auch hier weiss der Patient nichts davon, was mit seinen Daten geschieht.
Kaum anders sieht es in anderen Ländern aus. In Grossbritannien gehören derzeit die Daten der Patienten zwar dem Staat gestartet. Auch hier diskutieren aber nicht die Patienten, sondern die Verbände, Krankenkassen oder Ärzte über Kompetenzen und Interessen. Angesichts der Rechtslage und weil sich niemand in der Politik die Hände schmutzig machen will, kann aktuell beim grossen Nachbar keine Plattform Gesundheitsdaten beispielsweise für Studien verwenden.
Healthbank will den Perspektivenwechsel
Hier kommt Healthbank ins Spiel. Reto Schegg (Foto), ein in der Schweizer Branche bekannter E-Health-Spezialist, tritt als CEO von Healthbank mit seinem Team an, die Nutzung der Gesundheitsdaten aus den Klauen der Unternehmen zu befreien. Nach wie vor sind es immer Gesundheitsdienstleister, die "im Auftrag des Patienten" deren Daten verwalten, sagt Schegg. Von deren Verwertung bleibe man als Patient bisher aber ausgeschlossen. Und das will Schegg ändern. Mit Healthbank soll die Kommerzialisierung der Gesundheitsdaten nicht mehr auf dem Rücken sondern zum Nutzen der Patienten realisieren werden, so Schegg weiter.
Hinter dem Startup steht eine Online-Lösung, die auf genossenschaftlicher Basis dafür sorgen will, dass Gesundheitsdaten jederzeit und allein dem Patienten zur Verfügung stehen. Er soll sie verwenden, wie es für ihn am nützlichsten ist - genauso wie er sein Geld auf der Bank bewirtschaftet. Gesucht werden derzeit Investoren, die helfen sollen, die Schweizer Lösung in einem Schweizer Rechenzentrum international zu lancieren.
Es gibt viel E-Lösungen für Health-Daten. Warum braucht es die Healthbank?
Reto Schegg: Derzeit ist die Datenlage in der Schweiz meist zu klein für medizinische Studien. Es geht nicht nur um effiziente Prozessunterstützung bei der medizinischen Leistungserbringung. Gesundheitsdatensammlungen sollen für die Stärkung des Konsumenten genutzt werden, nicht nur um den Apparat der Gesundheitsversorgung zu optimieren und den Patienten weiterhin unmündig zu steuern.
Was macht Healthbank denn anders?
Reto Schegg: Die Genossenschaft Healthbank verwaltet im Auftrag des Kunden seine Gesundheits- und Fitnessdaten. Dort bewahrt er seine Daten eigenverantwortlich auf, ähnlich wie das eigene Geld auf der Bank. Jede Person kann zum Beispiel selbst bestimmen, ob sie ihre Daten für die Forschung zur Verfügung stellt oder nicht. Das genossenschaftliche Prinzip – ein Mitglied, eine Stimme – ist für persönliche medizinische Daten besonders gut geeignet. Denn der Kunde selbst kann damit seine Gesundheitsversorgung optimieren. Heute sind unsere Daten in sehr unterschiedlichen Bereichen zu finden. Beim Hausarzt, in Spitälern, bei Krankenkassen und Versicherungen. Im Unterschied zu diesen Institutionen soll bei uns sichergestellt werden, dass der Geschäftszweck von Heathbank sich nicht über die Zeit ändert. Wir sind hier anders, alle die anderen Mitspieler, die mit sogenannten Self-Tracking-Geräten medizinische Daten generieren und sammeln, damit erst Mal Goodwill und Traffic generieren und erst in einem späteren Zeitpunkt mit diesen Daten der Patienten abkassieren. Google, Apple oder Samsung gehören hier sicher zu den grössten Treibern.
Warum eine Genossenschaft?
Reto Schegg: Es ist zentral, dass der Zweck, die grundlegende Ausrichtung des Unternehmens, nicht verändert werden kann. Und, das ist mir extrem wichtig, auch nur vom Konsumenten gesteuert wird. Partikularinteressen dürfen die Grundausrichtung der Plattform in diesem Umfeld nicht unberechenbar machen.
Warum müssen Gesundheitsdaten aus der Kommerz-Falle raus?
Reto Schegg: Es geht nicht darum, diese Daten aus der Kommerz-Falle zu entlassen. Es soll nur derjenige profitieren oder auch Geld verdienen, dem die Daten auch gehören. Und das sind Sie und ich, also wir alle. Heute profitieren wir am wenigsten davon. Und das ist nicht korrekt.
Wo stehen die Server?
Reto Schegg: Diese müssen natürlich in der Schweiz stehen. Wir würden gerne mit einem etablierten Schweizer Betreiber zusammenarbeiten, damit das Vertrauen weiter ausgebaut werden kann. Wir führen hier bereits sehr interessante Gespräche. Auf jeden Fall muss der Bankenstandard für die Sicherheit unserer Daten garantiert werden.
Wer finanziert das Projekt?
Reto Schegg: Bis heute sind das einige Idealisten, die ihre Arbeitskraft und eigene Mittel investieren und fest an diese Idee glauben. Die Finanzierungsrunde für den Aufbau der Plattform ist derzeit im Gang. Wir sprechen mit vielen Personen und Institutionen, darunter befinden sich Versicherungen, Genossenschaften aber auch Infrastrukturanbieter oder Stiftungen. Wir benötigen für den nächsten Schritt rund 3,1 Millionen Franken.
Es gibt derzeit nur die Webseite. Wie geht es weiter?
Reto Schegg: Dies ist natürlich abhängig, wie schnell die Finanzierung der Plattform vorangeht. Geplant ist der Go-live der Plattform in den kommenden 13 Monaten. Ein Prototyp läuft bereits und wird zusammen mit der Uni Zürich getestet und weiterentwickelt. Es gibt derzeit schon einige Partnerschaften mit interessanten Organisationen wie zum Beispiel dem Universitätskinderspital beider Basel, dem Institut für Unternehmensrecht an der Universität Luzern und weiteren Institutionen. (Volker Richert)

Loading

Mehr zum Thema

image

Podcast: Wie fair und objektiv ist künstliche Intelligenz?

Der Bundesrat will, dass KI Behörden effizienter macht. Warum das zu einem Problem werden kann, diskutieren wir in dieser Podcast-Folge.

publiziert am 27.1.2023
image

Luzerner können Wille zur Organspende in App hinterlegen

Patientinnen und Patienten des Luzerner Kantonsspitals können ihre Entscheidung zur Organspende neu in der Patienten-App ablegen.

publiziert am 26.1.2023
image

PUK soll Zürcher Datenskandal durchleuchten

Datenträger der Justizdirektion landeten im Sex- und Drogenmilieu. Jetzt soll eine Parlamentarische Unter­suchungs­kommission zum Vorfall eingesetzt werden.

publiziert am 26.1.2023
image

Weltweite M365-Störung – alle wichtigen Dienste stundenlang offline

Betroffen waren unter anderem Azure, Teams, Exchange, Outlook und Sharepoint. Weltweit waren die Dienste für einen halben Tag offline.

publiziert am 25.1.2023 8