Heikle Software-Beschaffung bei der SBB

21. Februar 2014, 16:22
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Die SBB kauft ohne Ausschreibung HR-Software von SAP. Grund für die freihändige Vergabe sei der fehlende Markt. SAP-Mitbewerber schütteln den Kopf.

Die SBB kauft ohne Ausschreibung HR-Software von SAP. Grund für die freihändige Vergabe sei der fehlende Markt. SAP-Mitbewerber schütteln den Kopf.
Diese Woche hat die SBB auf der Beschaffungsplattform simap.ch einen Zuschlag an SAP Schweiz publiziert, der freihändig - also ohne öffentliche Ausschreibung - vergeben worden ist. Die SBB hat eine onlinebasierte HR-Software von SAP inklusive Wartungsleistungen gekauft. Es handelt sich um das Produkt BizX der SAP-Tochter SuccessFactors.
"Fehlender Markt"
SuccessFactors gehört erst seit kurzem zu SAP. Der Walldorfer Software-Reise hatte SuccessFactors vor rund zwei Jahren übernommen, um so im Bereich der Cloud-Applikationen zuzulegen. Weil SuccessFactors kürzlich von SAP aufgekauft worden sei, sei SAP der einzige verbleibende Anbieter, rechtfertigt sich die SBB auf Anfrage von inside-it.ch. "Aufgrund fehlendem Markt wurde daher freihändig an SAP vergeben", so das Statement der SBB.
Diese Aussage sorgt für Erstaunen in der Schweizer Software-Szene. Der Markt für Software für Human Capital Management (HCM) - vor allem aus der Cloud - ist kompetitiv. Grosse Anbieter wie Oracle, Salesforce oder IBM haben in letzter Zeit viel Geld in entsprechende Applikationen investiert, die meistens auch fürs Talentmanagement eingesetzt werden können. Es gibt auch einige Schweizer Player wie etwa Haufe-Umantis, Soreco oder Infoniqa SQL.
Mit der SBB-Aussage konfrontiert, wonach nur SAP die HR-Lösung liefern könne, brach ein führender Mitarbeiter eines SAP-Mitbewerbers in Gelächter aus. Ein weiterer Anbieter sagt: "Es ist sicherlich nicht so, dass es ausser SAP keinen Anbieter für HR-Software gibt."
Die SBB kontert, dass die Voraussetzungen für die Beschaffung im freihändigen Verfahren "eingehend geprüft" wurden und im vorliegenden Fall "klar erfüllt" seien. Die SBB setze die HCM-Software von SAP im HR-Bereich strategisch ein. "Die Applikation der Firma SuccessFactors, welche zu SAP gehört, verfügt als einziges Softwareprodukt über eine standardisierte Schnittstellentechnologie ins SAP, womit das Betriebsrisiko der SBB minimiert werden kann. Der Support der Applikation wird durch den Softwarehersteller (SAP und SuccessFactors) über bereits etablierte Supportkanäle gewährleistet."
Späte Publikation, keine Angaben zum Betrag
Der Zuschlag der SBB an SAP wurde erst jetzt publiziert, obwohl er vom 19. Dezember 2013 stammt. Die Erklärung der SBB dazu ist juristisch-verklausuliert: "Bei der freihändigen Vergabe handelt es sich um eine Ausschreibung im 3. Kapitel. Gegen den Zuschlag kann kein Rechtsmittel eingelegt werden. Die Publikation auf Simap erfolgt im Sinne der vollständigen Transparenz bei überschwelligen Beschaffungen durch die Informatik der SBB."
Ausserdem wurde der finanzielle Umfang des Deals unter Berufung auf das Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen nicht veröffentlicht. Die SBB stützt sich auf den Passus, der besagt, dass "die Auftraggeberin Informationen ... nicht liefern muss, wenn dadurch berechtigte wirtschaftliche Interessen der Anbieter ... beeinträchtigt oder der lautere Wettbewerb zwischen ihnen verletzt würde."
Dazu erklärt die SBB, dass über Rabatte und Preise bei der Standardsoftware mit dem Anbieter Stillschweigen vereinbart wurde, "so dass die Zuschlagssumme nicht publiziert werden kann", teilt die SBB mit. (mim)

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