HP leckt seine Wunden

6. Juni 2012, 08:01
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Die Anwenderkonferenz Discover in Las Vegas zeigt: HP ist noch damit beschäftigt, die Umwälzungen der jüngsten Zeit zu verdauen. Aufbruchstimmung konnte die neue Vorstandschefin Meg Whitman bisher nicht erzeugen.

"Tumulte wie sie es in HPs Führungsebene im vergangenen Jahr gegeben hat, können Folgen für Unternehmen, Mitarbeiter und Aktionäre haben", sagte Meg Whitman in ihrer Keynote zur Anwenderkonferenz Discover. "Aber ich war überrascht über die Belastbarkeit der HP-Leute." Mit diesen Worten ging die Vorstands-Chefin, die diesen Posten seit acht Monaten inne hat, auf die Umwälzungen. Doch weiter thematisierte Whitman die schwierige Situation nicht, in welcher der IT-Konzern derzeit steckt. Diese war allerdings überall zu spüren. Grosse oder überraschende Produktankündigungen blieben aus. Der IT-Riese hat das Innovationstempo etwas gedrosselt. Er leckt derzeit noch seine Wunden.
Whitman macht jedoch deutlich, dass die Neuausrichtung auf Software, die Vorgänger Leo Apotheker angestossen hatte, ad acta gelegt ist. "Infrastruktur ist unsere Basis", stellt Whitman klar. "Wir sind stolz darauf, im Infrastruktur-Geschäft zu sein." Software ist nur Teil der Gesamtstrategie. In dieser geht es darum, durch die Konvergenz aus Hardware, Software und Services eine einheitliche Architektur für die Nutzung von IT bereit zu stellen – sei es inhouse oder in der Cloud. Den Nutzen, den der ganzheitliche Ansatz bringen kann, demonstrierte HP in Las Vegas im Bereich der Datensicherung. Vorgestellt wurden neue Bausteine für das Architekturkonzept Converged Infrastructure, die eine durchgängige Datenduplizierung ermöglichen - über Clients, Applikations- und Backup-Server hinweg. Laut HP können Anwender mit der Kombination aus Lösungen wie etwa StoreOnce und Dataprotector einen Datendurchsatz von 100 Terabyte pro Stunde bei der Datensicherung sowie 40 Terabyte pro Stunde bei der Wiederherstellung erreichen. Solche Zahlen gehörten schon zu den herausragenden Neuigkeiten der Anwenderkonferenz.
Verschläft HP Smartphones und Co?
Eines der derzeit wichtigsten Themen in der IT spielt dagegen kaum eine Rolle bei HP. In seiner Keynote hatte Wired-Chefredakteur Chris Anderson den Trend zu mobilen Lösungen besonders hervorgehoben. Mobility sei die Nummer 1 auf der Top-Ten-Liste der heutigen Mitarbeiter in den Unternehmen. Von HP aber gab es zu diesem Thema keinerlei Ankündigungen.
Nach Meinung von Andreas Zilch, Analyst beim Marktforschungshaus Experton Group, sollte HP jedoch das Tablet- und Smartphone-Geschäft möglichst schnell in Angriff nehmen, um nicht weiter ins Hintertreffen zu geraten. "Dieses Feld nach dem Palm-Desaster vollkommen unbearbeitet zu lassen, war und ist extrem fahrlässig", so Zilch. Anbieter wie Apple oder Samsung hätten bewiesen, dass in diesem Bereich Innovationen gefragt und profitables Wachstum möglich ist. Insgesamt vermisst Zilch beim amerikanischen IT-Konzern momentan eine klare Strategie und eine Vision. "Wo zum Beispiel IBM für Smarter Planet und T-Systems für Core Beliefs steht, fehlt bei HP ein ganzheitlicher Ansatz, der das komplette Produkt- und Service-Portfolio umfasst." Besonders im Vergleich zum vergangenen Jahr wird dieser Mangel deutlich. Auf der Discover 2011 hatte der damalige CEO Apotheker mit der Fokussierung auf das Software-Geschäft und das mobile Betriebssystem Web-OS so etwas wie Aufbruchstimmung erzeugt. Auch wenn diese Strategie gescheitert ist und Zilch die Ära unter Apotheker als verlorene Zeit bezeichnet – eine Atmosphäre des Neuanfangs war auf der diesjährigen Konferenz kaum zu spüren.
Autonomy in Software-Bereich integriert
Dabei hat HP im Software-Bereich durch die Übernahme von Autonomy Interessantes zu bieten. Dieser Geschäftsbereich hat zwar mit einem Einbruch der Umsatzzahlen zu kämpfen, die Technologie ist aber sehr leistungsfähig. Die Datenmanagement-Software von Autonomy ist unter anderem in der Lage, unstrukturierte Informationen wie E-Mails oder Dokumente aufgrund ihrer Bedeutung zu klassifizieren. HP hat die Technologie mit seinen Systemen für Backup und Recovery integriert. So lassen sich Daten kontextbezogen sichern und anschliessend wiederfinden. Somit ist es einfacher, nur die relevanten Informationen zu speichern. "Das macht den Prozess der Datenwiederherstellung deutlich schneller", erklärt David Scott, Vicepresident und General Manager für das Speichergeschäft bei HP. Nach Meinung von Analyst Zilch hat HP einige Software-Perlen im Portfolio. Angesichts des Trends zu Cloud und Software as a Service ist er jedoch grundsätzlich skeptisch, ob ein Ausbau des Software-Bereichs strategisch sinnvoll ist. Vor diesem Hintergrund könnte also der Strategiewechsel unter Whitman in die richtige Richtung führen. (Markus Strehlitz, Las Vegas)
Foto: Markus Strehlitz in Las Vegas

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