IBM-Lenovo: Gewinner, Verlierer und die Risiken

24. Januar 2014, 12:55
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Sollte der Kauf der x86-Server-Sparte von IBM durch Lenovo abgeschlossen werden, wird Lenovo in Europa ein ernst zu nehmender Player im Server-Business. HP und Dell sind gewarnt. Doch der Deal ist keineswegs in Stein gemeisselt.

Sollte der Kauf der x86-Server-Sparte von IBM durch Lenovo abgeschlossen werden, wird Lenovo in Europa ein ernst zu nehmender Player im Server-Business. HP und Dell sind gewarnt. Doch der Deal ist keineswegs in Stein gemeisselt.
Gestern ist bekannt geworden, dass Lenovo die x86-Server-Sparte von IBM für über zwei Milliarden Dollar übernehmen will. Was könnte der Kauf der Standard-Server-Sparte von IBM vor diesem Hintergrund für Auswirkungen haben?
Warum will IBM keine x86er mehr?
Kommentatoren sind sich einig, dass der Deal eine klassische Win-Win-Situation ist. IBM könne sich auf Cloud und Software konzentrieren und Lenovo könne endlich neben dem erfolgreichen PC-Business ein weiteres wichtiges Standbein aufbauen.
Doch warum hat IBM das Business überhaupt verkauft? Giorgio Nebuloni, beim renommierten Marktforscher IDC für das Server-Business in Europa zuständig, schreibt unterstreiche dies. IBM sieht sich hier als Mitbewerber von Rackspace, Amazon Web Services und Microsoft Windows Azure.
Im x86er-Bereich betrage die Bruttomarge rund 15 bis 25 Prozent, je nachdem, wie gut ein Hersteller Skaleneffekte nutzen könne. Bei High-end-Servern liegt die Marge allerdings weit höher, nämlich bei 40 bis 50 Prozent. Noch höher sind die Margen bekanntlich im Software-Segment, und genau darauf möchte sich IBM unter anderem konzentrieren. Auch IaaS biete höhere Margen, hält IDC fest.
Lenovos Aufstiegschancen
Der IDC-Analyst glaubt, dass Lenovo im Raum EMEA (Europa, Naher Osten, Afrika) schnell die Kundenbasis und die Zahl der Sales-Leute vergrössern könne sowie die Beziehungen im Wiederverkaufskanal massiv stärken werde. Im Channel, glaubt IDC, werde sich aber nicht viel ändern. Lenovo sei vielleicht sogar mehr als IBM praktisch zu 100 Prozent dem indirekten Verkaufskanal verschrieben.
Weil Lenovo integrierte Lösungen wie PureSystems und Blades übernehme, könne der chinesische Konzern auch bei Grossunternehmen punkten. IDC erinnert daran, dass IBM in EMEA zurzeit hinter HP und Dell mit einem Marktanteil von 13 Prozent der drittgrösste Hersteller von x86-Server ist. Lenovo hingegen kommt lediglich auf einen Marktanteil von einem Prozent. Es entstehe also eine starke Nummer drei in Europa.
Harte Zeiten für HP und Dell?
Sorgen machen müssen sich nach Einschätzung von IDC die beiden direkten Mitbewerber HP und Dell. Insbesondere bei mittelgrossen Unternehmen, die IBM in der Vergangenheit eher stiefmütterlich behandelt hat, könnte die Konkurrenz wieder zunehmen. Der chinesische PC-Hersteller habe bereits beim Kauf von IBMs PC-Sparte bewiesen, dass er fähig sei, ein bestehendes Business nicht nur zu übernehmen, sondern auch auszubauen, so IDC.
Richard Fichera von Forrester glaubt, dass der Deal für die meisten Kunden "unsichtbar" und ohne direkte Folgen bleibe. Die Transition werde wohl schnell über die Bühne gehen, ohne dass es zu Schwierigkeiten kommen sollte, glaubt der Analyst.
Warm anziehen müssten sich Mitbewerber insbesondere in China und anderen Wachstumsländern, so der Forrester-Analyst. Lenovo erreiche mit der Weltklasse-Produktlinie von IBM in China mindestens das Niveau des Lokalmatadors Huawei. Für die Amerikaner Dell und HP werde es freilich damit in China nicht einfacher - im Gegenteil.
Deal könnte kippen
Doch all diese Überlegungen könnten obsolet sein, falls der Deal von den zuständigen Behörden nicht genehmigt wird. So abwegig ist das nicht, denn bereits beim Verkauf der PC-Sparte hatte es in den USA Widerstand gegeben unter Berufung auf informierte Personen, der Kauf werde von Regulatoren sehr genau unter die Lupe genommen. Eine Verzögerung um mehrere Monate oder gar ein Abbruch wären möglich.
Zuständig für den Deal ist das Committee on Foreign Investment in the United States (CFIUS). Die nationale Sicherheit werde sicher eine Rolle spielen bei den Überlegungen, ob der Deal genehmigt werden soll oder nicht. Schliesslich werden x86-Server von IBM auch in US-Rechenzentren eingesetzt, die von der Regierung genutzt werden. Lenovo übernimmt nicht nur Hardware, sondern auch Service-Abkommen mit Endkunden. In der Vergangenheit hat vor allem Huawei die Skepsis der US-Amerikaner zu spüren bekommen. Der Plan, 3Com zu übernehmen, scheiterte 2008. (mim)

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