IBM will cool werden

29. Januar 2015, 08:04
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Die völlig neue Kommunikations-Plattform Verse soll sich vor allem an die Millennials richten. Doch in der Argumentation bleibt IBM der Terminologie der IT-Chefs treu: Produktivität, Administrierbarkeit und Analytics sind die beherrschenden Schlagworte.

Die völlig neue Kommunikations-Plattform Verse soll sich vor allem an die Millennials richten. Doch in der Argumentation bleibt IBM der Terminologie der IT-Chefs treu: Produktivität, Administrierbarkeit und Analytics sind die beherrschenden Schlagworte.
"Ich werde IBM für die Jugend cool und attraktiv machen", sagte IBMs Social-Media-Chef Jeff Schick (Foto) in einem Gespräch mit inside-it.ch am Rande der diesjährigen ConnectEd-Veranstaltung in Orlando. Schick setzt dabei hauptsächlich auf Verse, IBMs neuer Kommunikationsplattform, in der E-Mail, Social-Media, File-Sharing, Instant-Messaging sowie Analytics und andere neue Tools unter einer integrierten Oberfläche vereint sind messen will.
Seit Mitte November befindet sich Verse im Beta-Stadium und laut Schick nehmen gegenwärtig über 100'000 User an diesem Test teil. Wenn alles weiterhin nach Plan verläuft, soll Verse am 31. März allgemein freigegeben werden. "Die Resonanz ist überwältigend positiv, vor allem von jungen Leuten bekommen wir ein sehr lobendes Feedback", sagt er über die bisherigen Erfahrungen. Dabei sind derzeit noch gar nicht alle angekündigten Features verfügbar. Beispielsweise fehlt unter anderen der Video-Chat, der aber demnächst erhältlich sein soll. Ein weiteres bedeutendes Feature, das sich vor allem an die Millennials richtet, ist ebenfalls noch nicht im Angebot. So arbeitet man laut Schick derzeit mit Hochdruck an einer Anbindung mit den bekannten Social-Media-Plattformen, wie Facebook, Instagram und Twitter. "Damit verschaffen wir uns vor allem gegenüber Microsoft erhebliche Vorteile. Und ich bin sicher, dass unser Angebot für die Millennials zu deutlichen Verschiebungen bei den Marktanteilen in diesem Segment führen wird", sagt Schick über seine Business-Ziele.
Kostenlose Version
Doch nicht nur inhaltlich will es IBM mit Google und Microsoft aufnehmen. Ein wichtiger Aspekt in Schicks Strategie ist das neue Freemium-Modell – ein Novum bei IBM, das jetzt mit Verse gestartet wird. Hierzu hat IBM versprochen, dass man an der kostenlosen Version keine Abstriche am Leistungs-Spektrum vornehmen will. "Die Einschränkungen im Consumer-Bereich werden nur das Speichervolumen, die Zahl der E-Mails und das File-Sharing betreffen, ansonsten steht der gesamte Funktionsumfang auch in der kostenlosen Version komplett zu Verfügung", sagt Kramer Reeves, IBMs Manager für Messaging und Collaboration. Ein wesentlicher Unterschied soll aber auch die Nutzungsform sein. So wird die kostenfreie Version ausschliesslich aus der Cloud angeboten, die sich auf IBMs Softlayer-Plattform befindet. Für die Business-User gibt es dagegen die Alternativen On-Premise oder ebenfalls aus der Cloud.
Ansonsten argumentiert man bei IBM vor allem mit Blick auf den Business-User. "Wir erfüllen die höchsten Sicherheitsstands und wir sind führend bei der Unternehmens-Mobility, das zusammen bedeutet eine äusserst einfache Administrierbarkeit durch die IT-Abteilung", sagt Scott Souder, Entwicklungs-Chef von Verse. Hierzu gehört auch, dass man bei IBM mit Verse wieder auf die klassische E-Mail als zentrales Nachrichtenmittel setzt – und nicht den Kassandrarufen vieler Startups folgt, wonach die E-Mail inzwischen ausgedient habe. "E-Mail ist nach wie vor das beherrschende Kommunikationsmittel im professionellen Umfeld", gibt Schick als Grund für diese Rückbesinnung an. Seine Einschätzung deckt sich mit der Ansicht vieler Analysten. "E-Mail wird vor allem wegen seiner universellen Kompatibilität genutzt. Per E-Mail kann man jede Person auf der ganzen Welt erreichen, kein anderes Tool ist so einfach und so global anzuwenden wie E-Mail", sagt Forrester-Analyst Ted Schadler.
Andererseits eskalieren die Probleme der E-Mail-Nutzung weiterhin ins Unermessliche. "E-Mails sind ausser Kontrolle geraten; im Durchschnitt prüft jeder Mitarbeiter 74 Mal am Tag seine E-Mails", sagt Prof. Gloria Mark von der University of California, die soeben eine umfassende Studie über die innerbetriebliche E-Mail-Nutzung veröffentlicht hat. Als Lösung sieht sie auch keine Abschaffung der E-Mails sondern eine intelligente Filterung, Speicherung und Priorisierung. "Es wird höchste Zeit, dass die Analyse-Methoden der Künstlichen Intelligenz alsbald Einzug in die Bearbeitung von E-Mails halten", lautet ihre Forderung.
Watson hilft
Genau hier verspricht man sich bei IBM mit Verse erhebliche Marktvorteile. "Unsere Analytics sind praktisch konkurrenzlos und bewirken eine enorme Produktivitätssteigerung bei der E-Mail-Nutzung", sagt Souder. Damit meint er unter anderen IBMs KI-Maschine Watson. Das System ist Teil von Verse und es analysiert die gesamte Kommunikation des Users, priorisiert Eingangs-Mails, macht Empfehlungen und sucht alle relevanten Dokumente für eine Bearbeitung oder E-Mail-Antwort heraus. "Ich habe Watson bei mir so eingestellt, dass das System Routine-Mails direkt in meinem Namen beantwortet – Watson ist praktisch mein persönlicher Assistent", erläutert Schick die zukünftige E-Mail-Nutzung.
Souder erläutert ergänzend dazu, wie die Priorisierung von Eingangs-Mails erfolgt: "Eines der vielen Kriterien ist beispielsweise die hierarchische Stellung des Absenders. So bekommt die E-Mail eines höher angesiedelten Mitarbeiters automatisch einen höheren Stellenwert als eine E-Mail von gleichgestellten oder anderen Mitarbeitern." Weitere Einflussfaktoren entstammen dem Inhalt; beispielsweise ob er sich auf Themen bezieht über die der Nutzer aktuell eigene E-Mails oder Dokumente verfasst hat oder ob es sich um Anmahnungen, Erinnerungen oder Termine handelt. Gerade diese analytischen Tools machen Verse für die professionelle Nutzung innerhalb eines Unternehmens sehr attraktiv, glaubt IBM.
Ob aber ein kostenloses Einstiegsmodell ausreicht, um IBM von seinem B2B-Fokus in ein B2C-orientiertes "cooles" Unternehmen zu wandeln, bleibt fraglich. Die meisten Millennials, die IBM jetzt mit Verse ansprechen will, assoziieren mit Big Blue nichts, was sie selbst in ihrem Computer-Alltag verwenden. Bestenfalls haben sie einmal davon gehört, dass IBM vor langer, langer Zeit auch Windows-PCs hergestellt hat. Das aber stellt IBM auf eine Ebene mit HP, Dell, Lenovo, Acer und vielen anderen traditionellen und weniger als "cool" bekannten Unternehmen.
Dass IBM einstmals den PC erfunden hat, dürfte den meisten gänzlich unbekannt sein. Damals versuchte IBM ebenfalls das Business-Image abzuschütteln und in das Bewusstsein der Endkunden vorzudringen. Eine millionenschwere Werbe-Kampagne mit Charlie Chaplin als zentrales Element lief über sechs Jahre hinweg in allen Ländern der Welt. Genutzt hat es wenig. IBMs PC-Absatz war von Anfang an bis zum Verkauf an Lenovo vor zehn Jahren überwiegend ein Geschäft mit den Business-Kunden. Diese kannten IBM bereits von anderen Rechenzentrums-Produkten her und der Vertrieb hatte besten Zugang zum CIO. Ob gegenwärtig wieder an einer Charlie-Chaplin-ähnlichen Enduser-Kampagne gearbeitet wird, ist nicht bekannt, doch der Schwellenwert für einen messbaren Erfolg – sprich, der Dollarbetrag – müsste derzeit weit über der damaligen Markteinführung des PCs liegen. (Harald Weiss, Orlando)

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