ICT für den Gotthardtunnel: Es kann losgehen

2. Mai 2008, 04:43
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Schluss mit Hyperventilieren: Der Werkvertrag für die Bahntechnik im Gotthard-Tunnel ist unterschrieben. Auftragsvolumen: Lockere 1,7 Milliarden Franken. Alcatel-Lucent Schweiz kann sich ein Stück davon abschneiden.

Schluss mit Hyperventilieren: Der Werkvertrag für die Bahntechnik im Gotthard-Tunnel ist unterschrieben. Auftragsvolumen: Lockere 1,7 Milliarden Franken. Alcatel-Lucent Schweiz kann sich ein Stück davon abschneiden.
Vor ziemlich genau einem Jahr hat die AlpTransit Gotthard AG (ATG) den Auftrag für das letzte Baulos am Gotthardtunnel, die "Bahntechnik", an die Arbeitsgemeinschaft Transtec Gotthard vergeben. Inzwischen wurde eine Einsprache des bei der Ausschreibung unterlegenen Konsortiums beigelegt (siehe unten) und ein konkreter Werkvertrag gezimmert und unterzeichnet: Die letzten Hindernisse sollten damit aus dem Weg geräumt sein, auch wenn noch ein Ausführungsprojekt erstellt werden und vom Bundesamt für Verkehr abgesegnet werden muss. Mit den Einbauarbeiten soll in der zweiten Hälfte 2009, vom Südportal in Biasca aus, begonnen werden.
Die Bahntechnik ist ein Baulos, dass sich aus sehr verschiedenen Teilen zusammensetzt, vom Einbau der Schwellen, Schienen und Weichen über Fahrleitungen, Lichter und Schilder bis zur Informations- und Kommunikationstechnologie. Entsprechend divers ist auch die Arbeitsgemeinschaft Transtec Gotthard: Federführend ist Atel Installationstechnik, dazu kommen Alcatel-Lucent, Thales Rail Signalling Solutions,und die Baukonzern ALPINE Bau GmbH und Balfour Beatty Rail.
Um die Grösse des Projekts zu verdeutlichen hier zwei Zahlen: In den beiden Röhren des 57 Kilometer langen Tunnels sowie angrenzenden Gleisabschnitten werden 3200 Kilometer Kupferkabel und 2600 Kilometer Glasfasern verlegt werden. Insgesamt sind für das Baulos 4 Millionen Arbeitsstunden veranschlagt.
Alcatel-Lucent wird für einen wichtigen Teil der IT und der Kommunikationstechnologie die Verantwortung übernehmen. Der Hersteller von Netzwerkinfrastruktur wird für das Festnetz (Datennetz, Betreibskommunikation, Signalleittechnik) und das Tunnelfunksystem (GSM-R und Private Mobile Radio) zuständig sein. Letzteres dient vor allem für bahntechnische Belange, soll aber auch von Mobilfunkanbietern genutzt werden können. Dazu kommt noch das Glasfasernetz zur Vernetzung der IT, für die ebenfalls Alcatel-Lucent die Oberverantwortung trägt.
Ein Baulos: Statt viele Verlierer nur ein Verlierer
Wieso wurden eigentlich so viele eigentlich recht verschiedene Teile bei der Ausschreibung in einem einzelnen Baulos zusammengefasst und an ein Generalunternehmen vergeben? Die Anwort bietet einen interessanten Einblick in die Schwierigkeiten bei der Ausschreibung von Grossprojekten heutzutage. Wie Renzo Simoni, Vorsitzender der ATG-Geschäftsleitung an der Pressekonferenz am Dienstag erklärte, wurde vor der Ausschreibung eine Risikoanalyse durchgeführt, bei der man auch die Möglichkeit prüfte, Einzelausschreibungen vorzunehmen.
So hätte es aber schlicht und einfach auch viel mehr Verlierer bei der Ausschreibung gegeben. Es hätte das Risiko bestanden, dass viele davon Rekurs eingelegt und damit jeder für sich den Fortschritt der Arbeiten hätte blockieren können. Eine Verzögerung hätte pro Monat viele Millionen Franken gekostet. Schon beim Lötschbergtunnel habe es erst die Zusammenfassung von vorher einzeln ausgeschriebenen Mandaten in einem Vertrag ermöglicht, dass der Betrieb letztendlich planmässig aufgenommen werden konnte.
Aber auch der rekurriert
Beim Gotthard beteiligte sich nur eine weitere Partei bei der Ausschreibung für die Bahntechnik: Das Schweizerische Bahntechnik-Konsortium (SBK), bestehend aus Implenia Bahn, Sersa Group Management, Rhomberg Bahntechnik, Siemens Schweiz, Murer-Strabag und Walo Bertschinger. Auch mit nur einem Verlierer kam es noch zu einer rechtlichen Auseinandersetzung: Das SBK legte Rekurs ein, was für die Gemütslage bei der ATG nicht gerade förderlich war. Dazu Simoni eloquent: "Es ist noch nicht allzu lange her, da waren wir hin- und hergerissen, die Gemütslage schwankend zwischen Hoffen und Bangen, Szenarien entwerfend, Rückfallebenen planend, dazwischen replizierend, duplizierend und manchmal hyperventilierend."
Das SBK zog die Beschwerde schliesslich im Dezember 2007 vorbehaltlos zurück. Grundlage war gemäss 'Baunetz.d’ eine aussergerichtliche Einigung: Die ATG zahlte dem SBK eine Million Franken für seine Aufwände und das SBK schloss zusätzlich eine Vereinbarung mit Transtec Gotthard. (Hans Jörg Maron)
(Foto: Renzo Simoni, Vorsitzender der Geschäftsleitung AlpTransit Gotthard (links) und Rolf Brunner, Vorsitzender der Baukommission Arbeitsgemeinschaft Transtec Gotthard)

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