ICT-Lehrstellen: KMU hui, Konzerne pfui

25. Juli 2011, 13:16
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Unternehmen beklagen den Mangel an Nachwuchs. Ganz unschuldig an dieser Entwicklung sind sie aber auch nicht. Vor allem internationale Grosskonzerne scheinen eher auf den günstigen Import von Arbeitskräften zu setzen als auf teure Ausbildung.

IT-Fachkräfte sind Mangelware - nicht nur bei IBM, Accenture & Co. Gemäss einer Umfrage von swiss made software suchen über 90 Prozent der beim Label organisierten Unternehmen zurzeit aktiv nach neuen Mitarbeitenden. Und in Zukunft soll es noch schlimmer werden: Gemäss einer Studie von ICT Berufsbildung Schweiz sollen bis zum Jahr 2017 32'000 Informatiker und Informatikerinnen fehlen.
Nun soll dem von offizieller Seite entgegengewirkt und in den Bildungssektor investiert werden: Die Ausbildung soll attraktiver und mehr an den Bedürfnissen der Wirtschaft ausgerichtet werden. Das ist gut, dennoch wird dabei leicht vergessen, dass die Wirtschaft auch eine gewisse Eigenverantwortung hat. Während nämlich vor allem Grosskonzerne gern mehr Leute von aussen ins Land holen wollen, tun sie doch häufig wenig, um geeigneten Nachwuchs im eigenen Haus heranzuziehen. Nur acht von 22 internationalen ICT-Playern bieten derzeit ICT-Berufslehren an, wie die 'Netzwoche' im Januar schrieb. Nicht zuletzt einer der Gründe, warum die Quote Lernender zu Gesamtmitarbeiterzahl branchenweit nur bei 3,7 Prozent liegt. Zum Vergleich: Schweizweit über alle Branchen liegt dieser Wert bei 5,4 Prozent.
Wer bildet aus?
Es stellt sich die berechtigte Frage: Was tut der Mittelstand? Zusammen mit inside-channels.ch, der Newssite für IT-Anbieter, ist swiss made software dieser Frage bei seinen Mitgliedern nachgegangen. Die knapp 150 Unternehmen, die das Label tragen, stammen alle aus dem KMU-Segment. Das reicht von der klassischen Ein-Mann-Bude bis zum Unternehmen mit einigen 100 Mitarbeitenden, hört jedoch ein gutes Stück vor dem Volumen von Unternehmen wie Microsoft oder Google auf.
36 Unternehmen nahmen an der Umfrage teil, also etwa ein Viertel der Mitglieder (siehe Grafik). Von diesen bieten 66 Prozent Lehrstellen an, die Anzahl der Ausbildungsplätze liegt im Schnitt bei 3,7. Prozentual liegt die Quote Lernender zu Gesamtmitarbeiterzahl damit bei 3,6 Prozent. Da jedoch swiss-made-software-Mitglieder sehr klein sind, wäre es falsch, von allen ein Lehrstellenengagement zu erwarten. Ohne die "Nichtausbilder" steigt die Quote Lernender zu Gesamtmitarbeiterzahl auf respektable 6,5 Prozent - also sogar über den Durchschnittswert für die Schweiz. So erfreulich diese Zahl auch ist, ist sie jedoch mit Vorsicht zu geniessen, da es in der Beobachtungsgruppe drei statistische Ausreisser gibt. Aber selbst ohne diese, liegt besagte Quote noch bei über 5 Prozent.
"Geiz ist Geil"-Prinzip rächt sich
Dies obwohl gerade für KMUs starke Problem mit einem Ausbildungsengagement verbunden sind. "Der intensive Wettbewerb innerhalb der Informatikbranche, welcher durch die ausländische Konkurrenz zusätzlich angeheizt wird, lässt die Ausbildungsbudgets stark schrumpfen, obwohl es gerade hier wichtig wäre, auch zur langfristigen Sicherung der Arbeitsplätze, weiter und noch mehr zu investieren", so Miryam Escher von Adesso. Auch Andreas Koch, CEO von Koch IT, schlägt in diese Bresche. "Die ersten zwei Jahre einer Informatikausbildung sind für kleinere Firmen eher problematisch. Bis der Auszubildende effektiv eingesetzt werden kann, ist praktisch eine 50-Prozent-Stelle nur für dessen Betreuung nötig." Oder auch: "Fehlende Bereitschaft der Kunden sich an den Ausbildungskosten (durch Druck auf die Stundensätze) mit zu beteiligen, beziehungsweise Auszubildende in ihren Projekten zu akzeptieren, resultiert aus dem Mindset, dass nur das günstigste Angebot gewählt werden kann. Hier rächt sich das 'Geiz ist Geil'-Prinzip auf Jahre hinaus", so Hanspeter Bouqet, CEO der Sohard AG.
Die Probleme beschränken sich aber nicht nur auf die Kosten: Ebenfalls bemängelt wird der Ausbildungsstand des angehenden Nachwuchses, der die Betreuungskosten erhöht, sowie der augenscheinliche Mangel an Interesse für die Informatik, wie Geri Moll, CEO von Noser Engineering, erklärt. Gerade letzteres dürfte mit dem schlechten Image der Branche zusammenhängen. "Viele Jugendliche denken, Informatik ist gleich Chatten oder Spielen. Die eigentlichen Berufsbilder sind falsch oder zu wenig bekannt", sagt Gabriela Keller, verantwortlich für Marketing und Personal bei Ergon. Dem pflichtet auch Kornel Wassmer bei, Chief Development Officer bei Adnovum. "Das Berufsbild Software-Ingenieur und Ingenieurwissenschaften allgemein werden als zu wenig attraktiv wahrgenommen." Deutlich spiegelt sich dies nach wie vor beim Frauenanteil in der Branche. Ein Umstand, der im Rahmen der Befragung immer wieder bemängelt wurde.
Dennoch scheint der Mittelstand bereit, diese Herausforderung zumindest teilweise wahrzunehmen. Immerhin 39 Prozent (14 Unternehmen) wollen die Anzahl der Ausbildungsplätze weiter erhöhen. 92 Prozent bieten zudem Praktika an und 79 Prozent die Möglichkeit zur Begleitung von Diplomarbeiten. (Christian Walter)

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