ICT-Vertreter sind als Digitalisierungs-Berater des Bundesrats unerwünscht

12. Juni 2017, 17:38
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Der Bunderat hat Diskussionsbedarf in Sachen digitaler Transformation.

Der Bunderat hat Diskussionsbedarf in Sachen digitaler Transformation. Deshalb haben Bundesrätin Doris Leuthard (UVEK) und Bundesrat Johann Schneider-Ammann (WBF) einen Beirat ernannt. Die Mitglieder wurden ad personam ernannt.
Dieser Beirat soll den Austausch zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu wichtigen Fragen der Digitalisierung fördern. Ihre Aufgabe: Entwicklungen der digitalen Transformation frühzeitig erkennen, diskutieren und Ideen aus der Praxis aufnehmen, so die Mitteilung des Bundes.
Während der Lehrplan 21 Informatik-Unterricht einführen soll, damit unsere Kinder die Chancen und Risiken der Digitalisierung erkennen und beurteilen können, so ist diese Fähigkeit für diesen Beirat irrelevant.
Grundlegende Informatik-Kenntnisse können nämlich die wenigsten der 17 Mitglieder vorweisen und den "digital Natives" gehört dann irgendwann die digitale Zukunft, aber die Weichen stellen soll die Generation "50plus".
Listen wir auf: Jürgen Schmidhuber von IDSIA, dem Dalle Molle Institute for Artificial Intelligence Research, darf sich als Informatiker und Vertreter des Tessins betrachten. Natürlich sind Lino Guzzella, ETH-Präsident und Maschineningenieur dabei sowie Martin Vetterli EPFL-Präsident, Vertreter der Romandie sowie zweiter Informatiker. Damit hätten wir den Bereich Wissenschaft abgehakt.
Mit André Kudelski ist auch der Präsident von Innosuisse (aktuell KTI) dabei, er ist der Dritte mit Informatik-Background.
Verbände gibt es viele in der Schweiz und zwei bei solchen angestellte dürfen mitreden: Monika Rühl von Economiesuisse und ex-Knip-Frau Christina Kehl, die als Geschäftsführerin von Swiss Finance Startups 104 Fintechs hinter sich weiss.
Damit kommen wir zu den Vertretern der Wirtschaft. Dazu zählen die leitenden Angestellten der Bundeskonzerne SBB (CEO Andreas Meyer), Post (CEO Susanne Ruoff) und Swisscom (CEO Urs Schaeppi). Fast schon bundesnah wirkt seit heute Google (dank Country Manager und Ex-Privatfernsehmann, Patrick Warnking als Beirat) und auch Ringier-CEO Marc Walder ist nun eine nationale Digitalisierungsfachkraft.
Eine oder mehrere Hierarchiestufen tiefer sind Andreas Kubli, Head Multichannel Management and Digitisation von UBS Schweiz und Roman Schafer, Head of Business Intelligence von ABB.
Drei Unternehmer sind auch zu verzeichnen: Moritz Lechner Mitgründer und Co-Verwaltungsratspräsident von Sensirion, und Ruedi Noser, Ständerat, Inhaber Noser Management und Informatik-Quereinsteiger. Zu ihnen stösst Jean-Philippe Tripet von Aravis, einem unabhängigen Schweizer Private-Equity-Unternehmen, das vor allem in erneuerbare Energie und Life Science investiert.
Sie dürfen sich freuen, künftig nicht nur Digitalisierungs-Investitionsanträge und Effizienzsteigerungs-Massnahmen in der IT zu beurteilen, sondern bei der Digitalisierung national mitzureden.
99 Prozent Ausgeschlossene, aber viel Synergiepotential
Ausgesperrt bleibt der Rest der Schweiz: darunter die "Gesellschaft" im Allgemeinen und die ICT-Branche im Speziellen. Der Dachverband ICTswitzerland darf sich allenfalls via Google-Warnking vertreten fühlen. Die diversen ICT-Cluster, Gewerkschaften, KMU-Vertreter und Konsumentenschützer bleiben aussen vor.
Dafür gibt es grosses Synergie-Potential zu verzeichnen: Denn sowohl im Beirat wie in den leitenden Gremien von Digitalswitzerland sitzen Lino Guzzella, Martin Vetterli, Andreas Meyer, Susanne Ruoff, Urs Schaeppi, Marc Walder und Ruedi Noser.
Wenn die weiteren Digitalswitzerland-Chefs, Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer, UBS-Präsident Lukas Gaehwiler und das Mitglied ABB den Informationsaustausch mit ihren "bundesrätlichen Beratern" pflegen, dann hat die von Grossfirmen geprägte Standortinitiative informell die absolute Mehrheit. Zumindest könnten sie ihre Beirats-, Vorstands- und Steering-Committee-Sitzungen gleichzeitig und gemeinsam vorbereiten. Ad personam.
Diese Dominanz hatte sich bereits abgezeichnet, das zeigte ein inside-it.ch-Interview mit Digitalswitzerland-Vorstand Marcel Stalder.
Die erste, konstituierende Sitzung des Beirats hat nun stattgefunden. Die drängendsten und aktuellsten Traktanden für die nächste sind laut bundesrätlicher Medienmitteilung: Gewinnung von Talenten, Regulierungspolitik, Schaffen von Clustern, Infrastruktur- und Datenfragen sowie Cyber Security. (Marcel Gamma)

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