Im Reisswolf: Abmelde­formulare

29. April 2015, 14:10
  • kolumne
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Kolumnist Peter Wolf ist weder im "Club der Frustrations­toleranten" noch im "Verein der Zeitverschwender".

Kolumnist Peter Wolf ist weder im "Club der Frustrationstoleranten" noch im "Verein der Zeitverschwender".
Wenn mich ein Service unbedingt als User haben will ("jetzt anmelden und profitieren!") und dann nicht an Bord lässt, dann gibt mir das ein gutes Gefühl: das bedeutet nämlich, dass es sich dabei um etwas Ernsthaftes, Nachhaltiges handelt und dass man keinesfalls bloss rasch eine Trillion User generieren und die Firma dann verkaufen will.
OK. Das war jetzt zynisch. Aber so kommt es mir oft vor.
Vor allem aber bedeutet es, dass bei solchen Services die Handylosen unter sich sind, denn was am stationären Browser schon eine Zumutung ist, potenziert sich am Smartphone gerade noch einmal.
Das Debakel fängt mit der leidigen Benutzernamenwahl beim Profileröffnen an. Es sollte klar sein, dass es auf der Welt einigermassen viele Leute mit gleichen Vor- und/oder Nachnamen gibt. Warum also muss ich mir als User-ID, um mich überhaupt mal anmelden zu können, etwas ausdenken, das einzigartig ist? Und dies meist im Trial-and-Error-Verfahren? Will in meinem Fall heissen:
Bei "Benutzername" mal versuchsweise "Wolf" eingeben, gewünschtes Passwort eintippen, dieses im nächsten Feld wiederholen. Meist noch ein Kästchen ankreuzen, ein unleserliches Captcha einfüllen und dann auf "Weiter" tippen.
Und warten.
Und warten.
Und warten.
Weil man nicht weiss, ob die Verbindung zusammengebrochen ist, ob sich der Service aufgehängt hat oder etwas falsch gelaufen ist.
Und warten.
Bis man dann auf die Idee kommt, mal hochzuscrollen, um dort eine Fehlermeldung in filigraner Schrift und dezentem Rot zu entdecken, die informiert: "Wolf" ist bereits in Gebrauch, bitte anderen Namen wählen.
Also geht das ganze Prozedere wieder von vorne los, denn die meisten dieser grottenschlechten Anmeldeseiten bringen es tatsächlich fertig, das gesamte Formular blankzufegen, also zusammen mit dem unzulässigen Benutzernamen auch gleich noch das eingegebene gewünschte Passwort zu löschen, das Kreuzchen bei "ich habe die AGBs gelesen" zu entfernen und ein neues Captcha zu präsentieren.
Hat man dann endlich einen Usernamen gefunden, den auf der ganzen Welt noch niemand anderes hier verwendet hat (in der Regel etwas, das man sich nicht merken kann und das zuverlässig dafür sorgt, dass man nie mehr zurückkehrt), dann kann man sich dem Passwort widmen.
An dieses Passwort werden in der Regel komplett absurde Anforderungen gestellt, die man aber erst in Form einer Fehlermeldung erfährt, nachdem man es geschafft hat, sein Wunschpasswort ("123456") zwei Mal hintereinander identisch auf der Mobiltelefontastatur einzugeben: "Das Passwort muss mindestens vierzehneinhalb Zeichen aufweisen, eines davon darf kein Grossbuchstabe sein, eines muss ein Sonderzeichen in einer der Grundfarben sein, mindestens zwei müssen Zahlen sein, aber nicht aufeinanderfolgend (eine davon muss blinken) und einer der Kleinbuchstaben muss unterstrichen sein."
OK, ich gebe es zu: das mit dem Unterstreichen habe ich mir jetzt ausgedacht.
Ich würde es noch verstehen, wenn der "Club der Frustrationstoleranten" ein solches Aufnahmeformular verwendet. Oder der "Verein der Zeitverschwender". Aber wenn man tatsächlich Kunden gewinnen will, ist sowas tödlich. Warum kann ich nicht erstmal einfach meine E-Mail-Adresse hinterlassen (die ist nämlich per Definition schon mal einzigartig) und dann weitermachen?
Alles andere ergibt sich dann ja. Ich kann das Bestätigungsmail bestätigen, bekomme eventuell einen temporären Benutzernamen zugewiesen, den ich ändern kann, wenn er mich stört und wenn ich Zeit habe – und ich kann mein Profil vervollständigen, wie ich lustig bin.
Aber lasst mich doch erstmal wenigstens rein!
Daher mein Rat an jeden Auftraggeber, bevor er einer Agentur oder einem Designer die Rechnung für ein neues Anmeldeformular bezahlt:
Versuchen Sie mal, sich bei sich selber als neuen Kunden anzumelden! Und zwar nicht von Ihrem Statussymbol-Laptop mit angehängtem Riesendisplay aus, den Sie normalerweise benutzen, um Ihre Mails auszudrucken. Sondern an einem Vorjahres-Mobiltelefon mit möglichst kleinem Display, und machen Sie dabei ein paar Fehler (Vertipper, Kästchen nicht ankreuzen, Leerschlag nach dem @ in der Mailadresse und so weiter). Falls sich Ihr fancy Laptop danach noch auf Ihrem Schreibtisch befindet (und sich nicht via Wutanfall durch das Bürofenster verabschiedet hat), dann, erst dann sollten Sie diesen verwenden, um die Rechnung zu bezahlen.
Peter Wolf (50) beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Technik. Zuerst eher mechanisch durch Aufschrauben und Nachschauen, später vermehrt auch mit elektronischen Produkten und mit Services. Seit 1985 war er immer wieder mal bei Ringier beschäftigt, zuletzt als Trend Scout und Social Media Evangelist. Heute arbeitet er als Research Analyst bei e-foresight im Swisscom-Geschäftsbereich Banking und als Kolumnist und App-Tester für diverse Publikationen - unter anderem für inside-it.ch.

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