Im Reisswolf: Die SBB-App

27. Dezember 2013, 10:45
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Die SBB App ist ein schönes Beispiel dafür, dass eine Applikation nicht unbedingt gut sein muss, um populär zu sein, schreibt Kolumnist Peter Wolf.

Die SBB App ist ein schönes Beispiel dafür, dass eine Applikation nicht unbedingt gut sein muss, um populär zu sein, schreibt Kolumnist Peter Wolf.
Nach der ersten negativen Erfahrung mit der integrierten Billettfunktion der SBB-App habe ich beschlossen, sie erst wieder zu benutzen, wenn die Billettautomaten ein Upgrade erfahren, das sie noch komplizierter macht, als sie ohnehin schon sind. Nun zwang mich letzthin aber ein überforderter Mitbürger, der den Automaten an meinem Heimatbahnhof blockierte, das Anschlussbillett ab HB Zürich aus der App heraus und in der S-Bahn zu lösen. Ich hatte also eine halbe Stunde Zeit für dieses Vorhaben und ich kann vorwegnehmen, dass es knapp gereicht hat. Weil ich einen Zusatzakku fürs iPhone besitze, hat der Strom sogar auch noch gereicht, um die Rückfahrt ebenfalls per elektronischem Ticket anzutreten.
Aber es war nicht einfach: Das fängt schon mit der Passwort-Wiederherstellen-Funktion an. Als ob ich meinen Benutzernamen noch wüsste! Warum wird nicht einfach meine Email-Adresse als Username akzeptiert? Das Verfahren ist also zweistufig und erfordert spitze Finger, weil es nicht für kleine Displays ausgelegt ist ("Passwort über Smartphone-Browser anfordern" - die Seite weiss also, dass da ein Browser mit kleinem Bildschirm daherkommt!).
Dann sucht man die Verbindung und darf sich über die doofe Walze zur Zeiteinstellung ärgern (was aber ein generelles iPhone-Problem ist): Ich habe zehnmal schneller auf einer virtuellen Tastatur "10:05" eingetippt als dass dies mit der Walze gewählt wäre. Platz genug hätte es in der SBB-App ja für eine Tastatur. Der wird aber lieber verschwendet für eine grosse graue Fläche, damit am unteren Bildschirmrand alles vertipperanfällig zusammengequetscht werden kann. Man streckt und verrenkt also den Daumen, tippt mal ganz oben und mal ganz unten was an und dann "Verbindung suchen" (weshalb eigentlich ist die Option "Gegenrichtung" gleichberechtigt mit "Verbindung suchen"? Einfach, weils dort unten grad auch noch Platz gehabt hat?)
Hat man dann die Verbindung gefunden und tippt auf "Preis/Kauf", sind nicht etwa Start- und Zielbahnhof schon eingefüllt, sondern man muss das selber nochmals tun. Anschliessend präsentiert sich eine lange Textliste mit 8 (!) Optionen, in der man die gewünschte Klasse, Halbtax Ja/Nein und Retour oder Einfach finden muss.
Um die User Experience abzurunden, stürzt die App nach dem Kauf prinzipiell mal ab (haben mir auch andere User bestätigt). Wenigstens ist das gekaufte Billett nicht mit abgestürzt, man findet es nach dem erneuten Aufrufen unter "Mehr". Dort ruft man es dann auch auf, um es dem Kondukteur zu zeigen. Ja, ich weiss, dass dies ein Retro-Begriff ist, er passt aber im Zusammenhang grad gut: denn das Billett gibt es nun wohl digital, das Halbtax-Abo aber muss man immer noch separat als Plastikkarte dabei haben, und der Zugbegleiter muss es sogar in die Hand nehmen, um auch die Rückseite anzuschauen. Wo also ist hier der mobile Fortschritt?
Als Krönung erreichte mich dann anderntags eine Email der SBB, die vorgab, aufgrund meines kürzlichen Erwerbs eines Digitaltickets eine Kundenzufriedenheitsbefragung durchzuführen. Die sich in Tat und Wahrheit aber eher für technische Details interessierte wie zum Beispiel Abfahrtszeit, Zweck der Reise (als Option war auch "weiss nicht" möglich) oder ob ich über Olten fuhr. Zur Strafe habe ich dann alles ein bisschen falsch ausgefüllt. Ladet mich lieber mal zu einer Kundenzufriedenheitsbefragung ein, die sich mit dieser sogenannten "Zufriedenheitsbefragung" befasst, dann rede ich mal Klartext! (Peter Wolf)
Peter Wolf (49) beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Technik. Zuerst eher mechanisch durch Aufschrauben und Nachschauen, später vermehrt auch mit elektronischen Produkten und mit Services. Seit 1985 war er immer wieder mal bei Ringier beschäftigt, zuletzt als Trend Scout und Social Media Evangelist. Heute arbeitet er als Research Analyst bei e-Research und als Kolumnist und App-Tester für diverse Publikationen - unter anderem für inside-it.ch.
Zeichnung: Barbara Donnarumma für inside-it.ch

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