Im Reisswolf: Die SBB-App (Teil 2)

29. Oktober 2014 um 15:26
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Unser Kolumnist Peter Wolf beschäftigt sich einmal mehr mit der Benutzerunfreundlichkeit der SBB-App.

Dass man kann, heisst noch lange nicht, dass man soll. Zum Beispiel all die Möglichkeiten ausschöpfen, die eine Plattform anbietet.
Das gilt für die Walze zur Zeiteingabe beim iPhone. Die sieht genau so lange cool aus, bis man sie benutzen muss. Vielen App-Entwicklern ist das egal. Die zwingen den User gern mal, um – sagen wir mal – 12:13 Uhr die Stundenwalze um genau drei Positionen vorwärts und die Minutenwalze um 13 Positionen zurück zu rollen, um eine Ankunftszeit von 15:00 Uhr in einer Fahrplan-App einzugeben. Statt einfach vier Zahlen in ein Feld tippen zu dürfen.
Wenn wir schon bei der Benutzerfreundlichkeit von Fahrplänen sind: die SBB-App bietet die recht praktische Funktion "Gegenrichtung" an, mit der man Start- und Zielbahnhof gegeneinander austauschen kann und somit nach Tippen auf "Verbindung suchen" herausfindet, wann man die Heimreise antreten kann. Und dann via "Preis/Kauf" in einem mehrstufigen Verfahren das entsprechende Billett erwerben kann.
Unseligerweise liegen die Buttons "Gegenrichtung" und "Verbindung suchen" derart nahe beieinander, dass man sich gerne mal vertippt und dann wieder die Gegen-Gegenrichtung eingestellt hat. Was mir kürzlich geschah und dazu führte, dass ich in Luzern während des Laufens zum Bahnhof nochmals ein Ticket "Zürich – Luzern" löste, was mir natürlich nichts nützte. (Immerhin bekommt man am Schalter vor Antritt der Reise den Kaufbetrag bis auf 10 Franken rückerstattet).
Das wäre nicht geschehen, wenn der Designer nicht alles so gedrängt in die untere Bildschirmhälfte gequetscht hätte.
Dafür hat er eine andere Funktionalität verbaut, die bei den SBB anscheinend alle so toll finden, dass sie auch im Werbespot gewollt zweideutig beworben wird. Das Video heisst "Mein erstes Mal" und ein Mann sagt dort "Das aso mitem Schüttle, das aso findi super."
Man merkt dann schon, dass es um das erstmalige Benutzen der App geht und dass der Mann es super findet, dass man bei Herannahen eines Zugbegleiters (und bei geöffneter App!) durch Schütteln des Handys das E-Ticket auf den Bildschirm holen kann.
Doch erstens ist diese Funktion bloss eine schlechte Ausrede dafür, dass es ansonsten recht mühselig ist, das Ticket in die Anzeige zu bringen: der "Billette"-Button versteckt sich ganz zuunterst zwischen vier (!) weiteren, und man muss drei Aktionen auslösen, um das Billett schliesslich im Display zu haben.
Und zweitens ist das mit dem Schütteln überhaupt nicht super. Benutzer der SBB-App sind per Definition eher mobile User, nicht immer ist ihr iPhone auf dem Tisch festgeschraubt. Mir passiert es andauernd, dass ich während des Laufens eine Zugsverbindung heraussuche, das Handy rasch senke und beim Hochnehmen eins meiner alten E-Tickets im Display habe. Manchmal reichen auch die Erschütterungen beim Gehen schon aus, damit sich vor die gedrängt enge Eingabemaske mit der benutzerunfreundlichen Zeitwalze wieder ein QR-Code schiebt.
Die Schütteln-Funktion lässt sich zwar ausschalten. Aber dann muss man das Ticket wieder zusammensuchen (siehe oben). Es hülfe garantiert, wenn man sich beim Designen einer App früge, was denn der Benutzer vornehmlich damit machen will, statt unnütze Features zu verbauen (und dann noch nervig zu bewerben).
Peter Wolf (49) beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Technik. Zuerst eher mechanisch durch Aufschrauben und Nachschauen, später vermehrt auch mit elektronischen Produkten und mit Services. Seit 1985 war er immer wieder mal bei Ringier beschäftigt, zuletzt als Trend Scout und Social Media Evangelist. Heute arbeitet er als Research Analyst bei e-foresight im Swisscom-Geschäftsbereich Banking und als Kolumnist und App-Tester für diverse Publikationen - unter anderem für inside-it.ch.

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