Im Reisswolf: Kontaktlos

24. November 2015, 15:37
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Kolumnist Peter Wolf versuchte herauszufinden, wie kontaktlos "kontaktlos" wirklich ist.

Kolumnist Peter Wolf versuchte herauszufinden, wie kontaktlos "kontaktlos" wirklich ist.
Eigentlich wollte ich im Zusammenhang mit einer neuen Authentisierungsmethode ein bisschen über das Umfeld recherchieren, zum Beispiel, ob eine vordergründig kontaktlose Methode tatsächlich ohne Berührung auskommt. Herausgekommen ist eine Glosse, die ich im Anschluss unredigiert wiedergebe (minus die Höflichkeits-Floskeln und den Namen des Mediensprechers).
Ausgangspunkt war Fujitsus Handvenenscanner, den anzuschauen mich die Firma letzte Woche an ihr Forum in München eingeladen hatte. Das Tolle an einer Authentifizierung via PalmSecure ist, dass ich nichts anfassen muss (im Gegensatz zum Fingerabdruckleser, wo jeder seine ungewaschenen Greifer draufdrückt), dass die Erkennung in 0,4 Sekunden geschieht, die Kamera so klein ist, dass sie auch in Laptops oder Tablets eingebaut werden kann, dass die Hand ein eindeutiges, sich nie veränderndes Venen-Muster mit über 5 Millionen Referenzpunkten besitzt und dass sie für einen erfolgreichen Scan durchblutet sein muss – somit also eindeutig klar ist, dass eine ganz bestimmte lebende Person erfasst worden ist.
Es ist grossartig, seinen Ausweis unverlierbar dabeizuhaben und sich ausweisen zu können, ohne irgendwo hineinschauen (Iris- oder Retina-Scan) oder den Finger draufdrücken zu müssen. Vom hygienischen Standpunkt her ist ein Fingerabdruck-Scan bedenklich. Ausser beim eigenen Smartphone – da ist der eigene Dreck drauf. Aus der Hand geben muss man es ja eigentlich nie, nicht mal, um damit am Flughafen berührungslos via QR-Code einzuchecken. Auch kontaktloses Zahlen kann theoretisch berührungsfrei stattfinden.
Bloss im Öffentlichen Verkehr muss man anscheinend dauernd etwas aus der Hand in eine andere Hand geben, die schon Dutzende anderer Ausweise aus ungewaschenen oder vollgehusteten Händen entgegengenommen hat. Ist das tatsächlich so?, wollte ich von den SBB wissen.
Meine Anfrage an die SBB-Pressestelle:
"Im Zuge einer Recherche und im Hinblick auf die Grippesaison habe ich eine Anfrage: Ist der Fahrgast verpflichtet, seinen SwissPass zwecks Überprüfung aus der Hand zu geben oder kann er darauf bestehen, ihn selber zu halten, wenn das Lesegerät angesetzt wird?"
Antwort Mediensprecher:
"Sehr geehrter Herr Wolf, erlauben Sie mir bitte die Rückfrage, ob Sie eine Glosse schreiben oder eine Newsgeschichte?
Freundliche Grüsse, (Name der Redaktion bekannt)"
Meine Antwort:
"Vermutlich einen Ratgeber und eine Kolumne. So oder so aber brauche ich die offizielle Haltung der SBB zu dem Thema.
Falls Sie aber bereits selber Studien oder Untersuchungen zum Thema "Bakterienschleudern" angestellt haben, bin ich natürlich gespannt auf die Resultate."
Antwort SBB:
"Eigene Studien hat die SBB zu diesem Thema keine durchgeführt. Auch im öffentlichen Verkehr gelten die vom BAG formulierten Informationen, die etwa in der Broschüre zur saisonalen Grippe zu finden sind: Beispielsweise Hygienemassnahmen.
Folgende Massnahmen helfen generell, die Übertragung von Krankheitserregern zu reduzieren:
• Hände regelmässig und gründlich mit Wasser und Seife waschen.
• Beim Niesen oder Husten wenn möglich ein Taschentuch verwenden oder die Hand vor den Mund halten. Danach die Hände gründlich mit Wasser und Seife waschen.
• Einwegtaschentücher verwenden und im Abfalleimer entsorgen.
• Den Kontakt zu anderen Personen möglichst reduzieren, z.B. zu Hause bleiben, wenn Sie an den oben genannten Symptomen leiden.
Wir gehen nicht davon aus, dass der SwissPass zusätzliches Ansteckungspotential für Erkältungskrankheiten bietet."
Nachfrage meinerseits:
"Interessant, wie Sie mir meine Frage NICHT beantworten. Daher konkret:
(1) Muss ich als Fahrgast bei einer Kontrolle meinen SwissPass aus der Hand geben?
(2) Zusatzfrage: Muss ich als Fahrgast bei einer Kontrolle mein Smartphone, auf dem mein Billett ist, aus der Hand geben?
Vielen Dank im Voraus für die Beantwortung meiner beiden Fragen und einen schönen Tag."
Antwort SBB:
"(1) Die Kontrollen können am effizientesten durchgeführt werden, wenn die Kunden dem Zugpersonal den SwissPass aushändigen.
(2) Nein. In diesem Fall wird nicht wie beim SwissPass der RFID-Chip erfasst, sondern mit der Kamera der QR-Code gescannt."
Nachfrage meinerseits:
"Vielen Dank für die klare Antwort auf Frage 2. Zu Frage 1: Die technischen Hintergründe sind mir bewusst. Die Frage ist: MUSS der Fahrgast bei einer Kontrolle seinen SwissPass aus der Hand geben? Die beiden möglichen Antworten sind:
a ( ) JA, der Fahrgast muss bei einer Kontrolle seinen SwissPass aus der Hand geben.
b ( ) NEIN, der Fahrgast muss bei einer Kontrolle seinen SwissPass NICHT aus der Hand geben, sondern kann ihn selber halten, während der Kontrolleur den RFID-Chip erfasst.
Ich danke Ihnen im Voraus für eine klare Antwort, die entweder a) ODER b) lautet."
Antwort SBB:
"Guten Tag Herr Wolf,
Müssen ist ein sehr grosses Wort, weshalb ich dies nicht gerne mit einem Ja oder Nein beantworten will. Es gilt, wie immer bei Kundenkontakten, der gesunde Menschenverstand. Wenn ein Kunde darauf besteht, aus Angst vor der Ansteckung mit einer Erkältungskrankheit, den SwissPass nicht aus der Hand zu geben, ist dies bestimmt möglich.
Zusatzfrage meinerseits: Stellen Sie diese Fragen auch Coop und Migros, wo man die Kundenkarten üblicherweise auch aushändigt? Freundliche Grüsse."
Immerhin kann ICH nun eine Frage klar beantworten, und zwar die erste Gegenfrage: "Ja, es wird eine Glosse draus!" (Peter Wolf)
Peter Wolf (50) beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Technik. Zuerst eher mechanisch durch Aufschrauben und Nachschauen, später vermehrt auch mit elektronischen Produkten und mit Services. Seit 1985 war er immer wieder mal bei Ringier beschäftigt, zuletzt als Trend Scout und Social Media Evangelist. Heute arbeitet er als Research Analyst bei e-foresight im Swisscom-Geschäftsbereich Banking und als Kolumnist und App-Tester für diverse Publikationen - unter anderem für inside-it.ch.

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