Im Reisswolf: Kontaktloses und frustreiches Bezahlen (Teil 2)

2. Oktober 2013, 13:35
  • kolumne
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Kontaktlos bezahlen ist wie Gähnen mit offenem Mund: Es ist praktischer und technisch möglich, man wird aber dabei fassungslos angestarrt.

Kontaktlos bezahlen ist wie Gähnen mit offenem Mund: Es ist praktischer und technisch möglich, man wird aber dabei fassungslos angestarrt.
Wer heute via NFC bezahlen will, braucht Nerven. Da muss sich noch einiges tun, damit es ein Erfolg wird, wenn es dann auch auf dem Handy verfügbar sein wird! Auf sehr vielen Kartenterminals prangt seit über einem halben Jahr bereits das PayPass-Logo (auf einigen ist der Kleber zwar kopfstehend angebracht, auf anderen ist das Symbol kaum sichtbar, weil auf der Seite des Gehäuses), ohne dass die Funktionalität damals schon verfügbar gewesen wäre. Auf jeden Fall aber behauptet jetzt auch das Verdi-Terminal (komischer Name, aber das Konkurrenzprodukt heisst Yomani) in der Bäckerei um die Ecke, dass es ready sei für kontaktloses Bezahlen. Weil ich bloss eine grosse Banknote dabei habe, denke ich, es wäre eine gute Idee, den Kleinbetrag mit meiner OK.-Karte zu bezahlen, auf der ebenfalls das PayPass-Logo angebracht ist (wie auf ein paar anderen meiner Karten).
Schnell merke ich, dass diese neue Funktion dem Händler aber einfach untergejubelt worden ist: das Personal ist in keinster Weise geschult worden. So macht man sich schnell mal zum Affen, wenn man mit PayPass zahlen will (Slogan: "Just Tap & Go") und die Karte einfach aufs Terminal draufhält. "Sie müssen die Karte im Fall reinstecken", ermahnt die Verkäuferin. Und "Pfffft" klingt es verächtlich hinter mir aus der Schlange, als ich weiterhin unbeirrt die Karte aufs Display halte. Ja: Beim Verdi ist der Kartenleser an der selben Stelle wie das Display. Beim Yomani ist es aber auch nicht viel besser gelöst: Da muss man die Karte (oder später mal das Handy) links am Gehäuse hin halten – die meisten Leute aber sind Rechtshänder und müssen dann also erst mal umgreifen. Auf jeden Fall also verweigert das Verdi-Terminal sich meiner Karte und meldet auch brav: "Lesefehler - Chipleser benützen". Bloss: Diese Fehlermeldung steht im Display. Und da liegt meine Karte drauf und die ist nicht durchsichtig. Nachdem ich also in der Quartierbäckerei zuerst richtigerweise behauptet habe, die Zukunft des Bezahlens sei schon da und mich dann von der Technik blamieren lassen musste, steckte ich also die Karte wie früher in den Schlitz - und wusste prompt den PIN nicht mehr. Wie auch? Weil man den PIN fast nie mehr braucht, prägt man ihn sich auch nicht ein (er wird nur noch bei Einkäufen über 40 Franken oder stichprobenartig verlangt). Ich habe dann also mit der guten alten EC-Karte bezahlen müssen.
Meine PayPass-Karte selber war übrigens gar nicht defekt: In zwei anderen Läden konnte ich problemlos damit zahlen, der eine hatte ein Yomani- und der andere ein Verdi-Terminal, beide trugen das PayPass-Logo und in beiden hatte das Personal keine Ahnung, dass das überhaupt funktioniert. Beim einen Laden staunte die Verkäuferin und sagte, ich sei der erste Kunde, der das je versucht hätte. Und im anderen Laden wusste wenigstens einer der herbeigerufenen Verkäufer, dass es funktioniert, weil er selber so eine Karte hat. Eine Schulung oder Unterrichtung hatte jedoch niemand bekommen.
Es hat sich also in den letzten Monaten seit meiner ersten Kolumne zu diesem Thema, dass der weltweite Markt für kontaktloses Zahlen, inklusive Mobile, 2,9 Billionen US-Dollar ausmache), in dem die Schulung des Verkaufspersonals durch die Kunden selber vorgenommen wird. Immer einen aufs Mal und vorausgesetzt, die Kunden haben eine hohe Frustrationstoleranz. (Peter Wolf)
Peter Wolf (48) beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Technik. Zuerst eher mechanisch durch Aufschrauben und Nachschauen, später vermehrt auch mit elektronischen Produkten und mit Services. Seit 1985 war er immer wieder mal bei Ringier beschäftigt, zuletzt als Trend Scout und Social Media Evangelist. Heute arbeitet er als Research Analyst bei e-Research und als Kolumnist und App-Tester für diverse Publikationen - unter anderem für inside-it.ch.
Zeichnung: Barbara Donnarumma für inside-it.ch

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