Im Reisswolf: Lügengeräte

12. Februar 2014, 09:25
  • kolumne
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Kolumnist Peter Wolf über das Zeit(un)verständnis von elektronischen Geräten.

Kolumnist Peter Wolf über das Zeit(un)verständnis von elektronischen Geräten.
"Verbleibende Zeit: weniger als eine Minute" ist ja wohl die grösste Lüge, die wir Computerbenutzer uns immer und immer wieder auftischen lassen. Mit dieser einen Minute verhält es sich nicht wie mit Hundejahren, sondern mal dauert sie zwei Minuten, mal zwanzig. Aber garantiert immer länger als "weniger als eine Minute".
Wenn es die Industrie noch nicht einmal schafft, bei solchen einfach zu überprüfenden Angaben ehrlich zu sein: Wo sonst überall verbiegt sie dann noch die Wahrheit? So langsam beginne ich Firmen zu misstrauen, die mir Produkte zumuten, die mich dauernd anlügen.
Ein anderes offensichtliches Beispiel nebst dem Ladebalken ist die Akkuzustandsanzeige. Zum Beispiel diejenige meines iPhones. Es ist schon ein bisschen betagt (15 Monate alt). Oft schwächelt es bereits 90 Minuten nach dem Abnabeln vom Ladegerät und jammert, dass die Batterie fast leer sei ("20% Batterieladezustand"). Zum Glück habe ich ein mobiles Akkupack dabei und kann dem armen Handy eine Strom-Infusion verpassen. Tatsächlich: Innert weniger als einer Minute springt die Anzeige bereits auf 36% hoch. Um dann sofort auf 19% zu fallen, in der nächsten Minute aber schon wieder 23% zu erreichen und eine Minute später auf 29% hochzuschnellen. 15 Minuten später hat die Ladung bereits um weitere 39% zugenommen. Wers glaubt... Und so geht das den ganzen Tag. Laden. Leeren. Manchmal kann ich dem iPhone auch zuschauen, wie seine Akkuladung anscheinend im Minutentakt um jeweils 1% abnimmt, nachdem sie sich zuvor eine Stunde lang kaum verändert hat. Was nützen mir exakte Angaben, wenn sie nicht präzise sind?
Würde man ein Auto kaufen von einem Hersteller, der dafür bekannt ist, dass sein Tacho und seine Benzinuhr nach Gutdünken mal dies und mal das anzeigen?
Wenn ein Smartphone seinem Benutzer nicht zuverlässig mitteilen kann, wie lange sein Akku noch durchzuhalten gedenkt, dann wird sich der Besitzer wohl auch nur schwerlich für auf Strom angewiesene Dienstleistungen wie Eintrittstickets, Bordkarten oder Bezahlservices auf dem Mobiltelefon entscheiden können.
Peter Wolf (49) beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Technik. Zuerst eher mechanisch durch Aufschrauben und Nachschauen, später vermehrt auch mit elektronischen Produkten und mit Services. Seit 1985 war er immer wieder mal bei Ringier beschäftigt, zuletzt als Trend Scout und Social Media Evangelist. Heute arbeitet er als Research Analyst bei e-Research und als Kolumnist und App-Tester für diverse Publikationen - unter anderem für inside-it.ch.
Zeichnung: Barbara Donnarumma für inside-it.ch

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