Im Reisswolf: Verschlimm­besserung durch Upgrades

11. Dezember 2013 um 13:27
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Kolumnist Peter Wolf hat genug davon, dass Hersteller immer wieder gewohnte Bedienelemente mit angeblichen Upgrades verschlimmbessern.

"Autofahrer! Hier spricht die Firma Microsappledroid. Sie haben bislang mit dem rechten Fuss gebremst. Das war unergonomisch. Unsere User-Experience-Experten haben beschlossen, dass Sie dies künftig mit dem linken Ellbogen tun werden. Wir haben Ihr Auto über Nacht entsprechend upgegradet. Ausserdem hat Ihr Tacho bislang alle Zahlen angezeigt - neu werden Primzahlen übersprungen. Sie müssen diese halt im Kopf subtrahieren, wenn Sie immer noch wissen wollen, wie schnell Sie tatsächlich fahren. Die Benzinuhr hatte einen zu prominenten Platz und ist neu elegant als Pulldown hinter der Temperaturanzeige der Sitzheizung verborgen. Die H-Schaltung war unlogisch. Neu werden alle Gänge im Kreis herum eingelegt, nach dem sechsten Gang kommt automatisch wieder der erste, und der häufig gebrauchte Retourgang ist zwischen dem ebenfalls oft gebrauchten dritten und vierten Gang angeordnet. Dies alles haben wir hinter Ihrem Rücken erledigt, während Sie glaubten, einer Unterbodenwäsche zugestimmt zu haben."
Mir reichts langsam, dass Hersteller erfolgreicher Produkte immer wieder liebgewonnene Bedienelemente verschlimmbessern!
BlackBerry war ein wahrer Meister darin. Bei jedem OS-Wechsel haben sie Tastaturkürzel geändert, an die man sich während Monaten gewöhnt hatte. In der einen Version konnte man mit einer Tastenkombination etwas suchen, in der anderen hat sie einem das Gerät verriegelt. Mal hat ein Tastendruck die Mails aufgerufen, mal den Notizblock.
Weil Apple glaubt, wir wollen beim Zeichenzähler die Leerschläge nicht mehr mitgezählt bekommen, hat man diese Option im neuen "Pages" einfach weggelassen (oder so gut versteckt, dass man sie nicht mehr findet).
Microsoft verbarg in seinem Ribbon derart viele Funktionen, dass man manche wie zu gut versteckte Ostereier erst Wochen später wiederfand.
Ausserdem verstellen sich Programme durch ungewollte Fehlmanipulationen dauernd. Der Acrobat Reader sieht auf jedem der fünf von mir verwendeten Computer anders aus und ich habe keine Ahnung, wie das geschehen ist. Oder rückgängig zu machen ist. Auf jeden Fall nervt mich das Programm mittlerweile stark genug, dass ich lieber Energie aufwende, mich darüber aufzuregen als schon wieder erfolglos nach einer Lösung zu suchen. Mit der Faust im Sack lässt sich das Produkt zwar nicht einfacher bedienen, aber es hat es nicht besser verdient.
Wenn Ihr Ergonomen schon mal was wirklich Grosses tun wollt, dann ändert die Tastaturbelegung des Qwertz-Keyboards, welche im Digitalzeitalter, wo sich keine Typenhebel mehr verhakeln können, das ergonomisch Dümmste ist, das es gibt. Aber das traut Ihr Euch wohl nicht? Lieber die Kunden immer wieder piesaken mit kleinen Änderungen bei antrainierten Handgriffen...
Peter Wolf (49) beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Technik. Zuerst eher mechanisch durch Aufschrauben und Nachschauen, später vermehrt auch mit elektronischen Produkten und mit Services. Seit 1985 war er immer wieder mal bei Ringier beschäftigt, zuletzt als Trend Scout und Social Media Evangelist. Heute arbeitet er als Research Analyst bei e-Research und als Kolumnist und App-Tester für diverse Publikationen - unter anderem für inside-it.ch.
Zeichnung: Barbara Donnarumma für inside-it.ch

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