Im Reisswolf: Von den verkleideten Einsen und Nullen

19. März 2015, 09:07
  • kolumne
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Eine 0 ist kein O und eine 1 ist kein l.

Eine 0 ist kein O und eine 1 ist kein l.
Man mag ja ruhig spotten über digitale Immigranten, die eine Null immer noch, wie auf der Schreibmaschine üblich, als Grossbuchstabe "O" eingeben und die Eins mit dem kleinen "L" generieren (und das ist ein grosses Problem, mit dem die Reiseindustrie zu kämpfen hat, wenn Senioren auf einer Webseite eine Flugnummer angeben müssen).
Andererseits gibt es solches Verhalten auch bei modernsten Services, die aber von Leuten programmiert worden sein müssen, welche bei einer Schreibmaschine weder das Farbband wechseln könnten noch wissen, wozu das überhaupt gut gewesen sein könnte. Und die verschicken dann Mails mit Invitation Codes, in denen nebst Grossbuchstaben auch Nullen vorkommen, und das in einer fancy Schriftart, so dass man sie nicht vom grossen "O" unterscheiden kann.
Kürzlich bekam ich von einem Finanzservice, der sich mit künstlicher Verknappung interessant zu machen versucht (wie damals Gmail), einen ihrer begehrten Einladungscodes zugemailt. Er war im Bild einer Einladungskarte enthalten und lautete "JIVYO". Ich schrieb ihn ab und versuchte dann im Zug, mich mobil zu registrieren und bekam laufend Fehlermeldungen ("ungültiger Code"). Nur weil ich berufsbedingt eine hohe Frustrationstoleranz habe und hartnäckig bin, versuchte ichs weiter. Schliesslich vertippt man sich auf dem Mobile ja noch schnell einmal.
Bis mir dämmerte, dass bei "JIVYO" gar nicht alles Buchstaben sein müssen, sondern dass das "O" eine Zahl sein könnte. Oder auch das "I". Es gab also noch drei weitere Interpretationsmöglichkeiten, und es stellte sich heraus, dass der Kreis eine Zahl, der Strich hingegen tatsächlich ein Buchstabe war.
Solchen Schabernack kann man sich erlauben, wenn man einen exklusiven Service betreibt und bloss nicht zu viele Kunden haben will. Dümmer ist es, wenn man zum Beispiel Hardware verschickt und sie statt mit dem Standardpasswort mit einem individuellen ausliefert und dieses dann Nullen und Einsen enthält. Oder ein WiFi-Passwort solcherart kreiert. Habe ich alles schon erlebt.
Dabei bieten sogar billigste Passwortgeneratoren die Möglichkeit, ein Häkchen zu setzen bei "Exclude I,i,0,O,o,1".
Peter Wolf (50) beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Technik. Zuerst eher mechanisch durch Aufschrauben und Nachschauen, später vermehrt auch mit elektronischen Produkten und mit Services. Seit 1985 war er immer wieder mal bei Ringier beschäftigt, zuletzt als Trend Scout und Social Media Evangelist. Heute arbeitet er als Research Analyst bei e-foresight im Swisscom-Geschäftsbereich Banking und als Kolumnist und App-Tester für diverse Publikationen - unter anderem für inside-it.ch.

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