Im Reisswolf: Wie man Kunden verärgert

15. Oktober 2015, 07:23
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Nicht alles wird immer besser. Amazon ist es gelungen, ein gutes Angebot zu verschlechtern.

Nicht alles wird immer besser. Amazon ist es gelungen, ein gutes Angebot zu verschlechtern.
Comixology war mal die beste Comics-Kauf-und-Lese-App, bis sie von Amazon übernommen wurde. Schlagartig hat dies die Benutzbarkeit verschlechtert, und sie hat sich seither nicht mehr gross erholt.
Comixology bot als erste Lese-App "Guided View": Per Fingertipp sprang der Bildschirminhalt von Bild zu Bild und zeigte am Schluss die ganze Heftseite an. So konnte man auch auf kleinen Screens komfortabel Comics lesen. Der Service war bei Fans von US-Comics aber auch beliebt wegen dem grossen Angebot und der einfachen Art, Folgeausgaben zu erwerben: Am Ende eines Hefts konnte man das folgende einfach mittels In-App-Purchase kaufen und gleich weiterlesen, während es im Hintergrund geladen wurde.
Dann kam Amazon, kaufte den Laden und wollte Apple (und Google) keine Gebühren mehr zahlen. Nun muss man (wie bei Kindle) am Ende eines Hefts auf das Webangebot von Comixology wechseln, dort die neuen Hefte suchen und in den Warenkorb legen, sie mit Kreditkarte kaufen und dann in die App zurückkehren und das Gekaufte suchen.
"Smart Lists" nennt sich dessen Auflistung seit dem Update. Dort werden zuerst mal die Ausgaben angezeigt, die ich gerade lese. In der nächsten Zeile stehen die kürzlich heruntergeladenen Hefte. Dann folgen die kürzlich gekauften, wo ich aber bei jedem einzelnen den Download manuell anstossen muss. Dann kommen die ungelesenen. Darunter erst sehe ich meine Wishlist, und die könnte Amazon ja eventuell Umsatz bringen (ich habe bei Comicology hunderte von Comics gekauft – genaugenommen 2445 – und weiss recht genau, was "Impulskauf" bedeutet).
Wenn Amazon schon so umsatzorientiert ist und verärgerte Kunden in Kauf nimmt (von denen gab es nach der Umstellung etliche!), dann würde man denken, dass einem in der neuen App-Version das Geldausgeben leichtgemacht wird. Weit gefehlt! Ganz zum Ende der halbschlauen "Smart Lists" erst kommen die Empfehlungen, und die basieren vorbehmlich auf den Serien, die ich am Lesen bin. Garantierter Umsatz für Amazon also, schliesslich warten Leser sehnsüchtig auf das Erscheinen jeder Fortsetzung und kaufen sie, sobald sie davon Kenntnis haben. Diese Sektion gehört gefälligst an den Anfang einer "Smart List"!
Und die Liste selber dürfte gern auch ein bisschen smarter werden: Solange mir vornehmlich Sammelbände angedreht werden, die bloss all die Ausgaben umfassen, die ich vorher bereits als Einzelhefte gekauft habe, dann ist dies kein wahrer Service.
Wir sind noch weit weg vom smarten Online-Einkaufserlebnis!
Peter Wolf (50) beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Technik. Zuerst eher mechanisch durch Aufschrauben und Nachschauen, später vermehrt auch mit elektronischen Produkten und mit Services. Seit 1985 war er immer wieder mal bei Ringier beschäftigt, zuletzt als Trend Scout und Social Media Evangelist. Heute arbeitet er als Research Analyst bei e-foresight im Swisscom-Geschäftsbereich Banking und als Kolumnist und App-Tester für diverse Publikationen - unter anderem für inside-it.ch.

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