In Zürcher Lotterbetten

9. Februar 2007, 17:17
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht

Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht
Das geplante Stadtzürcher Hochgeschwindigkeits-Glasfasernetz hat - noch bevor der erste Meter "Schlauch" verlegt ist - wundersames hervorgebracht.
Oder ist es etwa nicht eine Art Wunder, wenn die Erzkonkurrenten Cablecom, Swisscom, Sunrise und Colt sich zusammen in ein Bett legen, gemeinsam ein Kässeli äufnen und mit dem Geld Plakätli aufhängen? Wenn sie eine gemeinsame Webseite betreiben, auf der es weiss auf schwarz heisst: "Nein zum ungerechten 200-Millionen-Kredit". Abgesehen davon, dass man mir einmal einen ungerechten Kredit ("Pfui, Kredit, das war jetzt aber ungerecht!") zeigen soll, scheinen die vier Firmen in ihrer kuscheligen Freundschaft auch Werbung plötzlich nicht mehr wichtig zu finden. Kein Cablecom-Logo weit und breit (da wäre die Abstimmung eh schon verloren), kein Swisscom- und kein Sunrise-Blau. Verschämt steht da unter einem Link, wer hinter dem "Forum Telekom-Netzbetreiber" steckt und mithin die Sache bezahlt. Wieviel sich die vier neuen Freunde ihren Zürcher Abstimmungskampf kosten lassen, wollen sie übrigens nicht verraten.
Die vier neuen Freunde sagen: "Bandbreite hat's in Zürich genug und uiuiui - das Risiko". Hat es genug Bandbreite in Zürich? Wenn ja - warum ist dann Fernsehen über Kabel in Zürich so teuer und so mager? Und warum gibt es (noch) kein VDSL von der Swisscom für Drittanbieter? Und: Hat es auch in 10 Jahren noch genug Bandbreite in Zürich?
Die andere Seite: Maus und Katz in inniger Umarmung
Nicht weniger erstaunlich ist die Front der Befürworter. Genosse Niggi Schär, geschätzter Alterspräsident des Zürcher Gemeinderats, Ex-POCH-Aktivist und löwenhafter Verteidiger der Zürcher Mieterinteressen versteht sich plötzlich bestens mit dem Hauseigentümerverband. Was ist passiert? Mögen sich nun Maus und Katz, fallen sich Gipser und Elektriker in die Arme? Mit von der Partie ist auch die Alternative Liste vereint mit der FDP, Buh-Mann Balthasar Glättli von den Grünen ebenso wie der Präsident der protestantisch-fundamentalistischen EVP. Auch die CVP macht mit.
Einzig die SVP steht stramm auf Seite der Telekomkonzerne. Doch die zählt in Zürich nicht wirklich, denn sie ist eh immer gegen alles, wo nicht "Autobahn" oder "Polizei" drauf steht.
Im Befürworter-Komitee hat man offenbar hart um Kompromisse gerungen - das zeigt sich schon an der Gestaltung der Webseite. Die Navigationsleiste links kommt in "Züri-Blau" nüchtern wie eine FDP-Broschüre daher. Dann wirds schwarz und rot - entfernte Erinnerungen an Hausbesetzersymbole (siehe Screenshot oben) kommen auf.
Und wie wir zur Sache stehen, wollen Sie wissen?
Nun: Wenn Cablecom ihre Monopolgewinne zwecks Rückzahlung der Schulden aus dem "leveraged buyout" (die gekaufte Firma muss sich selbst bezahlen) und für saftigste Manager-Prämien ausgibt und Swisscom die Telefonie-Anschlussgebühren als versteckte Steuer den Aktionären (Bund und Private) verteilt, statt in die digitale Zukunft des Landes zu investieren, dann muss Züüri halt sälber luägä. D'Chölä hämmr ja, odr? (Christoph Hugenschmidt)

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