Indien: "Aufstieg in der Wertschöpfungskette"

10. Dezember 2010, 17:07
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Ähnlich wie vor 20 oder 30 Jahren in Taiwan haben viele indische IT-Firmen in den 1990er Jahren mit einfacher Auftragsfertigung begonnen.

Ähnlich wie vor 20 oder 30 Jahren in Taiwan haben viele indische IT-Firmen in den 1990er Jahren mit einfacher Auftragsfertigung begonnen. Heute entwickeln sie hochkomplexe technologische Produkte. Vivek Wadhwa, US-Wissenschaftler mit indischen Wurzeln und unter anderem Forschungsdirektor am Center for Entrepreneurship and Research Commercialization an der privaten Duke Univeristy in North Carolina, beschreibt dies in 'Businessweek' als "Indiens vierte Technologiewelle". Dabei will er bei seinen jüngsten Reisen ins Land seiner Väter eine von Pioniergeist geprägte junge Unternehmerschaft beobachtet haben, die der in den USA in nichts nachsteht.
Viele Beratungsunternehmen haben ihm zufolge angesichts hoher Fluktuation, steigender Kosten und dem Aufkommen von Cloud Computing schon vor dem Niedergang von Indiens Info-Tech gewarnt. Nichts davon sei jedoch eingetreten. In nur 20 Jahren habe sich Indiens IT von praktisch Null zu einer 73-Milliarden-Dollar-Industrie entwickelt. Selbst in der jüngsten Rezession habe diese noch um 6 Prozent zugelegt und sei nun zurück auf Spur mit einem erwarteten Wachstums von 15 Prozent in diesem Jahr. Wadhwa erklärt dies unter anderem damit, dass indische Technologieunternehmen in der Wertschöpfungskette aufsteigen und so gut bezahlte Aufgaben wie R&D (Forschung und Entwicklung) und BTS (Business Transformation Services) für die Flexibilisierung der Fixkosten übernehmen. Die vierte Welle sei eben die Entwicklung hochkomplexer technologischer Produkte.
Die erste Welle war die Einrichtung von Call-Centers für Unternehmen oder Organisationen in westlichen Industrieländern, vor allem natürlich englischsprachigen. In den 1990er Jahren folgten einfache IT-Auftragsfertigung und Y2K-Ausbesserungsarbeiten, in den frühen 2000ern dann komplexe R&D. Indische Ingenieure sind heute unter anderem in der Entwicklung von Flugzeugen, Autos, Fabriken, neuen Mikroprozessoren und Medizintechnik beschäftigt.
Was gut ausgebildete Inder den Chinesen voraus haben, ist die Tatsache, dass Englisch bei ihnen praktisch zweite oder sogar erste Muttersprache ist, warum sie besonders auch in der Softwareentwicklung so heiss begehrt sind. Dass Taiwan zwar viele bedeutende Hardware-, aber kaum Softwareunternehmen hervorgebracht hat, liegt vielleicht auch daran, dass es dort, anders als auf dem chinesischen Festland keine einheitliche lateinisierte Umschrift gibt. Obwohl viele Taiwanchinesen sehr gut englisch oder sogar deutsch sprechen, lesen sich in westlichen Sprachen gedruckte Firmenbroschüren oder Reiseprospekte für ausländische Touristen oft wie Buchstabensalat.
Wie Wadhwa der indischen Handelsgruppe Nasscom zitiert, wird die indische R&D-Dienstleistungsindustrie 2010 rund 10 Milliarden Dollar umsetzen nach 1,4 Milliarden im Jahr 2004. Bis 2015 soll das Volumen auf 24 Milliarden Dollar anschwellen, bis 2020 möglicherweise auf 45 Milliarden Dollar.
Der Wissenschaftler, unter anderem Senior Research Associates an der Harvard Law School, beobachtet eine neue Klasse von indischen Startups, die nicht unbedingt für den Westen, sondern auch für Entwicklungs- und Schwellenländern hochwertige Produkte entwickeln und sich diese sogar patentieren lassen. Dabei macht er vier Trends in Indien aus:
1. Hunderttausende von Beschäftigten in Indiens IT-Industrie haben schon mehr als zehn Jahre Erfahrungen. Viele der gut ausgebildeten Leute entwickeln einen Unternehmergeist ähnlich wie in den USA. Sie sind es irgendwann leid, für andere zu arbeiten und machen sich in mittleren Jahren selbständig, um sich für das Alter ein nettes Wohlstandspolster anzulegen. Mit einer guten Idee starten sie dann ihr eigenes Unternehmen. Amerikanische Tech-Entrepreneurs sind im Schnitt 39 Jahre alt und bauen ihre Firma in der Regel auf eigenen Ersparnissen auf. Tausende von Indern tun es genauso.
2. Indien hat die grösste Population von jungen Leuten weltweit. Jahr für Jahr machen dort rund 500.000 Ingenieure ihren Abschluss. Als grösste Hemmschuhe für die Entwicklung einer jungen Unternehmerschaft auf dem Subkontinent sieht der Autor das soziale Stigma eines möglichen Versagens und die geringe Wertschätzung, die den Startups entgegengebracht wird. Arrangierte Ehen sind in Indien immer noch eher die Regel als die Ausnahme. Junge Männer, die bei Infosys oder IBM angefangen haben, galten lange als weit bessere Heiratskandidaten. Das hat sich aber mittlerweile gewandelt. Abgesehen davon, dass immer mehr junge Inder sich nicht länger ins traditionelle Ehekorsett stecken lassen wollen, gilt es heute als cool, Technologieunternehmer zu sein, entsprechend wächst auch der Respekt.
3. Die lokalen Märkte und hohen Entwicklungskosten haben viele in ihrem Ehrgeiz, ein eigenes Startup zu gründen, gebremst. Mit dem Aufkommen von Cloud-Technologien und günstigen Entwickler-Tools kann jeder überall Weltklasseprodukte erzeugen und sie weltweit vermarkten.
4. Indien ist der am schnellsten wachsende Mobilfunkmarkt mit 20 Millionen neuen Verträgen jeden Monat. Neben günstigen Anschaffungs- und Fixkosten führt ein starker Ausbau der Netzinfrastruktur bis hinein in 3G- und 4G-Technologien dazu, dass ländliche Regionen und Städte enger zusammenwachsen, womit sich für einzelne Unternehmen mehr Möglichkeiten und erweiterte Märkte ergeben. Viele Inder nutzen das Mobiltelefon heute für Unternehmenstransaktionen und Bankgeschäfte sowie für Informationen und Unterhaltung. Indiens Softwareentwickler bringen ständig neue Anwendungen für die breite Masse hervor. Nasscom zufolge belief sich der Produktionswert der indischen Softwareindustrie 2008 schon auf 1,6 Milliarden Dollar, bis 2015 soll das Volumen auf 11 Milliarden Dollar jährlich ansteigen.
Bei seinen letzten drei Indienreisen der letzten 12 Monate hat Wadhwa mit ungefähr 400 Unternehmern gesprochen und dabei nach eigenen Aussagen mehr als nur Twitter- und Facebook-ähnliche Anwendungen gesehen, wie sie in Silicon Valley von Jungunternehmern en masse entwickelt werden. Manche der indischen Gründer haben Mikromärkte aufgebaut, um der Dorfgemeinschaft zu dienen, andere machen Medizintechnik für eine grosse Zahl von Menschen zugänglich und bezahlbar, wieder andere haben dazu beigetragen, Verkehrsprobleme zu lösen oder umweltfreundliche Farben und Batterietechnologien entwickelt. Anders als in den ersten Wellen von Indiens IT wird das nicht zu noch mehr Outsourcing führen, sondern zur Entwicklung von innovativen neuen Technologien "zum Wohle der Welt".
So schliesst Wadhwa seinen für einige Kommentatoren etwas zu indisch-nationalistisch gefärbten Artikel, während andere diesen begrüssten. Wieder ein anderer Leser, offenbar ein Inder, schreibt in seinem Kommentar: "Unglücklicherweise für Indien scheinen nur die Unternehmen erfolgreich zu sein, die nah an politischen Kreisen sind. Es gibt kein einziges Technologieunternehmen, dem es gelungen ist, ein Zeichen zu setzen, indem es Technologieprodukte für den indischen Markt entwickelt und hier verkauft. Unter dem Deckmäntelchen der Gründung von Technologieunternehmen geht ein grosser Landraum um. Die Geschichte wird davor zurücktreten und dem 'smarten Entrepreneur' salutieren, der dieser Tage den grössten Landbesitz an sich reisst." Sehr schön auch folgendes Zitat aus einem anderen Kommentar, das leider nur auf Englisch geht: "Um 2000 herum 'bitten by the dotcom bug', jetzt 'smitten by the entrepreneurship bug'. Übersetzt bedeutet dies in etwa: "Erst gebissen von der Dotcom-Laus und nun ergriffen von der Unternehmerschaft-Laus." (Klaus Hauptfleisch)

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