Indische IT-Riesen kämpfen mit der Umstellung auf Homeoffice

26. März 2020, 16:28
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Das "Backoffice der Welt" steht vor einer riesigen Herausforderung. Und damit auch Banken wie die UBS.

Die indische IT-Dienstleistungs-Industrie beschäftigt laut aktuellen Schätzungen knapp vier Millionen Mitarbeitende. Die allermeisten von ihnen bedienen aber nicht einheimische Kunden, sondern Unternehmen aus aller Welt. Darunter viele Grossbanken und andere Grossunternehmen, die sowohl indischen Auftragnehmern als auch eigenen indischen Mitarbeitenden den Betrieb vieler kritischer Systeme übertragen haben. Indiens Premierminister Narendra Modi hat am Sonntag eine Ausgangssperre für fast ganz Indien verhängt. Wie können die indischen IT-Dienstleister unter diesen Umständen funktionsfähig bleiben und ihre Aufgaben weiterhin wahrnehmen?
Die kritischen Support-Services für ihre Kunden über die kommenden Wochen und vielleicht Monate aufrecht zu erhalten, ist mit Sicherheit die grösste Herausforderung, vor welcher die indischen IT-Dienstleister je standen.

Fehlendes Equipment, tiefe Bandbreiten

Das Zauberwort heisst natürlich auch in Indien, wie in anderen Teilen der Welt, Homeoffice. Allerdings ist dies in Indien deutlich schwieriger umzusetzen als in westlichen Industriestaaten. So müssen viele IT-Professionals offensichtlich zuerst die notwendige Ausrüstung dafür erhalten. TCS hat bekannt gegeben, dass man gegenwärtig täglich 6000 Laptops an Angestellte liefere. Mittlerweile seien 85 Prozent der rund 450'000 TCS-Angestellten für Homeoffice ausgerüstet. Bei anderen indischen IT-Riesen sind ähnliche Anstrengungen im Gang.
Neben der fehlenden Ausrüstung sind niedrige Bandbreiten, hohe Latenzzeiten, unzuverlässige Verbindungen und die Einhaltung der Sicherheitsrichtlinien weitere Herausforderungen, um indischen IT-Profis das Arbeiten zu Hause zu ermöglichen. "Millionen von Desktops in die Wohnungen der Angestellten zu bringen, Software zu konfigurieren welche mit niedrigeren Bandbreiten umgehen kann und die Cybersecurity sicherzustellen: Es ist eine gigantische physische und logistische Übung, welche unsere Unternehmen gerade versuchen", sagte Keshav Muguresh, Präsident des indischen IT-Branchenverbands Nasscom, in einem Interview mit 'The Economic Times'. 

Homeoffice wäre oft ein Vertragsbruch

Aber es geht nicht nur darum, den Angestellten Homeoffice zu ermöglichen. Auch die Kunden müssten im Prinzip einverstanden sein. Denn viele Verträge sehen aufgrund der kritischen Natur der verrichteten Arbeiten anderes vor. "In unseren Verträgen steht, dass wir diese Services nur von bestimmten, von den Kunden genehmigten Einrichtungen aus erbringen dürfen. Wenn wir Dinge nach aussen verlegen, hat dies Implikationen für die Sicherheit. Ohne die Zustimmung der Kunden ist dies Vertragsbruch." Dies sagte ein Vertreter einer IT-Firma, der anonym bleiben wollte, gegenüber 'Bloomberg'. 
Nun dürfte auch den meisten Kunden klar sein, dass sich ihre indischen Vertragspartner nicht über die Anordnungen der Behörden hinwegsetzen können. Viele indische IT-Dienstleister haben natürlich bereits um solche Zugeständnisse gebeten. Der IT-Dienstleister Wipro beispielsweise erklärte, dass seine Kunden durchaus Willens seien, Arbeiten von zu Hause aus zu erlauben. Aber der Verlagerung bestimmter Arbeiten können sie aus Security- und Compliance-Gründen wohl gar nicht zustimmen.

Ausnahmeregelungen erwünscht

Wie 'Bloomberg' berichtet, versuchen deshalb internationale Grossunternehmen wie die Deutsche Bank oder auch die UBS, zusammen mit Nasscom bei den Behörden Ausnahmeregelungen zu erwirken. Diese sollen es erlauben, dass bestimmte Mitarbeitende im Büro arbeiten dürfen, wo sie Zugang zu essenziellen Datenbanken und verlässliche High-Speed-Internet-Verbindungen haben.
Indiens Rechenzentren sind unverzichtbar für viele globale Finanzinstitute. JPMorgan beschäftigt laut 'Bloomberg' gegenwärtig rund 30'000 Angestellte in Indien, Barclay's 20'000, die Deutsche Bank 10'000 und die UBS 6'000.
Die UBS hat gemäss 'Bloomberg' erklärt, dass etwa 90 Prozent ihrer 6'000 Angestellten in Indien nun zu Hause arbeiten. Laut Insiderquellen hat die Bank aber eine Liste von 600 Angestellten erstellt, die ins Büro gehen können. Der Transport erfolge dabei in Fahrzeugen, die regelmäßig desinfiziert würden.

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